Wählen Sie Ihre Nachrichten​

"Künstler sind nicht frei"
Kultur 4 Min. 25.06.2018 Aus unserem online-Archiv

"Künstler sind nicht frei"

In "Driven" erzählt Jean-Guillaume Weis, wie sich Kreativität tänzerisch darstellen lässt.

"Künstler sind nicht frei"

In "Driven" erzählt Jean-Guillaume Weis, wie sich Kreativität tänzerisch darstellen lässt.
Foto: Christophe Olinger
Kultur 4 Min. 25.06.2018 Aus unserem online-Archiv

"Künstler sind nicht frei"

Sarah ROCK
Sarah ROCK
Der luxemburgische Tänzer und Choreograf Jean-Guillaume Weis, 48, erklärt mit Blick auf seine neue Produktion „Driven“, die am 26. Juni im Grand Théâtre ihre Weltpremiere hat, wie man mit Kreativität und künstlerischer Freiheit umgeht und welche Konsequenzen der Beruf des Kunstschaffenden mit sich bringt.

Der luxemburgische Tänzer und Choreograf Jean-Guillaume Weis, 48, erklärt mit Blick auf seine neue Produktion „Driven“, die am 26. Juni im Grand Théâtre ihre Weltpremiere hat, wie man mit Kreativität und künstlerischer Freiheit umgeht und welche Konsequenzen der Beruf des Kunstschaffenden mit sich bringt.

Herr Weis, Ihr neues Stück heißt „Driven“: Geht es dabei um Ihren eigenen Antrieb zur Kreativität?

Es geht mir nicht darum, dem Publikum eine Erklärung aufzuzwingen. Ich will auf der Bühne eine Spielwiese erschaffen, auf der drei Charaktere sich offenbaren und ihre eigene Interpretation von Kreativität zeigen. Schlussendlich erzählt diese Form mehr über Kreativität als ein wissenschaftlicher Vortrag. Die drei Tänzer äußern Wünsche, Träume, Ideen, die in einer Reihe von szenischen Bildern dargestellt werden.

Wie kann man eine abstrakte Idee, die aus Kreativität entsteht, in eine konkrete Form wie Tanz umsetzen?

Durch die Inszenierung, oder besser gesagt: die Dramaturgie, die Zusammenhänge und Übergänge zwischen den verschiedenen Ideen schafft. Darin besteht die eigentliche Arbeit eines Choreografen – Tanz hat in dem Sinne theatralische Aspekte und besteht nicht ausschließlich aus dem Ausdruck gewisser Emotionen. Woher kommt das innere Bedürfnis kreativ zu sein? Darauf habe ich keine definitive Antwort gefunden ... Aber ich glaube, dass bereits die Berufswahl eines Tänzers, beziehungsweise Künstlers eine erste Antwort auf die Frage ist: Kreatives Schaffen ist Teil unseres Berufes. Was mich jedoch überrascht, ist Unlust am kreativen Arbeiten. Ich bin es gewohnt, aus meinen Ideen Projekte zu entwickeln, deshalb habe ich auch immer etwas zum Schreiben dabei. Mir ist aber aufgefallen, dass es jungen Menschen schwer fällt, eine Idee auszuformulieren und umzusetzen. Dabei kann jeder überall Kreativität aktiv ausleben. Wenn ich zum Beispiel in meinem Garten arbeite, kann ich die Umgebung auch einfallsreich gestalten oder ich tobe mich bei der Einrichtung der eigenen Wohnung aus. Kreatives Schaffen ist extrem vielfältig.

"Die Bühne als Spielwiese" - Jean-Guillaume Weis zeigt, wie vielfältig Tanz sein kann.
"Die Bühne als Spielwiese" - Jean-Guillaume Weis zeigt, wie vielfältig Tanz sein kann.
FOTO: Christophe Olinger

Wenn es einen Mangel an Kreativität gibt, worin besteht dann der Stellenwert der Kunst, zum Beispiel des Tanzes, in der Gesellschaft?

Das wahre Problem liegt nicht im Stellenwert, sondern ihrer Wertschätzung: Viele wollen die Bedeutung der Kunst für die Gesellschaft nicht wahrhaben. Und diese Bedeutung wäre? Kunst bringt eine mögliche Freiheit. Das Schaffen per se, also überhaupt etwas entstehen zu lassen, ist eine Form von Freiheit. Auch für das Publikum soll es nicht nur um den Konsum von Kunst gehen, sondern darum, sich wirklich mit den die Arbeiten auseinander zu setzen. Deshalb muss es – und das ist besonders wichtig – auch im Kunstbereich erlaubt sein, Schlechtes zu produzieren. Man muss schließlich Risiken eingehen können – und das Resultat einer Arbeit ist nie ganz absehbar. Auch Scheitern gehört zur künstlerischen Freiheit.

Sind Künstler eine besondere Spezies?

Nein, das denke ich nicht. Sonst könnte man auch bei Bauarbeitern oder Beamten von besonderer Spezies sprechen. Der Unterschied liegt in der Berufswahl: Manche haben die Möglichkeit, sich anders auszudrücken als andere. Aber auch Künstler sind nicht ganz frei: Sie leben mit vielen Zwängen, müssen natürlich ihr Handwerk erlernen und gut beherrschen. Es ist harte Arbeit, als Choreograf ein Stück auf die Bühne zu bringen oder als Tänzer der körperlichen Anstrengung und dem Druck standzuhalten. Es gibt wahrscheinlich Künstler, die sich dieses „Künstlerimage“ geschaffen haben und das Bild nach außen hin pflegen. In der Gesellschaft herrscht deshalb eine gewisse Faszination für das Künstlertum: Viele sind der Meinung, als Kunstschaffender lebe man „den Traum“.

Sie sind im klassischen und zeitgenössischen Repertoire zu Hause. Warum arbeiten Sie als Choreograf nur im zeitgenössischen Tanz?

Man muss unterscheiden zwischen der Technik und der Denkweise im Ballett. Die klassische Technik ist Voraussetzung, auch für modernere Ausdrucksformen – die richtig guten Tänzer arbeiten in beiden Richtungen. In meiner Arbeit findet man zum Beispiel sehr viel klassische Elemente. Was allerdings die Darbietung betrifft, so ist mein Bereich das Tanztheater – ich mache keinen „Schwanensee“. Wenn man mit aktuellen Themen arbeitet, ist der zeitgenössische Tanz für mich einfach die angemessenere Variante.


"Evita"
Explorations et retrouvailles
En présentant la programmation des deux Théâtres de la Ville, Tom Leick-Burns n'est plus que le «successeur de...». La patte du directeur est bien présente. La fréquentation en hausse des deux salles le conforte dans ses choix.

In Ihrem Stück gibt es drei Tänzer – und keine Frauen ...

Weil ich ja selbst mittanze, hatte ich als Choreograf die Sicht eines Mannes auf das Thema Kreativität – ich liefere hier meine subjektive Sicht darauf. Und Männer verkörpern hierbei eine interessante Ästhetik, ein besonderes Kraftverhältnis. Leider herrscht oft das Klischee, dass der Tanz eher weiblich wäre. Das stimmt so nicht – im Gegenteil: Er beinhaltet viel Männlichkeit. Männlicher Nachwuchs ist in Luxemburg selten – in den Tanzschulen sind fast nur noch Mädchen ... Ja, das stimmt – schade eigentlich. Manchmal sieht man noch ein, zwei Jungen im Ballettunterricht, hauptsächlich aber im Hip Hop oder Streetdance. Vielleicht liegt es an der Erziehung? Als ich angefangen habe zu tanzen, war ich auch der einzige Junge. Wahrscheinlich sind Ballett und zeitgenössischer Tanz einfach nicht cool genug, deshalb findet Hip Hop oder Streetdance mehr Anklang bei Jungen. Es wird schwer, dieser Entwicklung entgegenzuwirken.

„Driven“ ist in Zusammenarbeit mit der Tanzschule Wellenstein entstanden, in der Sie künstlerischer Leiter sind. Das heißt, Sie haben für diese Produktion auch mit nicht-professionellen Tänzern gearbeitet?

Also eigentlich lief das Ganze über den „Service National de la Jeunesse“: Motivierte Tänzer konnten Videos einschicken und wir haben einige ausgewählt, die dann zu einem Workshop mit Profis in die Tanzschule gekommen sind. Ich habe auch bekannte Tänzer aus Luxemburg und dem Ausland zu uns eingeladen – das alles wurde mit der Kamera festgehalten und wird auch als Videoprojektion in „Driven“ gezeigt. Ich will anhand dieser Aufnahmen darauf aufmerksam machen, wie viele Ebenen Kreativität im Tanz haben kann. Allerdings würde ich gerne in Zukunft ein Projekt starten, das Berufstänzer, Amateure und Schüler vereint und zusammen auf die Bühne bringt.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Talentlab 2016
Zwei junge Künstlerinnen und ein Mentor: Der renommierte Choreograf Koen Augustijnen begleitet Simone Mousset und Jill Crovisier bei ihren ersten choreografischen Arbeiten beim Talentlab#16 – und schreckt nicht vor ungewöhnlichen Methoden zurück.
„Sie“ sind gefragt: Im Anschluss an die Tanzvorstellungen können die Zuschauer ihr Feedback abgeben.