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Immer tiefer, dunkler, wirrer
Kultur 1 3 Min. 13.06.2021
Kritik zur Netflixdoku „Sons of Sam“

Immer tiefer, dunkler, wirrer

Maury Terry lässt eine Mordserie Ende der 1970er- Jahre in New York bis heute nicht los – und wird zum tragischen Helden dieser Dokuserie.
Kritik zur Netflixdoku „Sons of Sam“

Immer tiefer, dunkler, wirrer

Maury Terry lässt eine Mordserie Ende der 1970er- Jahre in New York bis heute nicht los – und wird zum tragischen Helden dieser Dokuserie.
Foto: Netflix
Kultur 1 3 Min. 13.06.2021
Kritik zur Netflixdoku „Sons of Sam“

Immer tiefer, dunkler, wirrer

Marcel KIEFFER
Marcel KIEFFER
Die Netflix True-Crime-Doku über „The Sons of Sam“-Morde verliert sich in spekulativem Labyrinth.

Es ist die Geschichte einer furchtbaren Mordserie Ende der 1970er-Jahre in New York und gleichzeitig jene eines Journalisten, der noch Fragen stellte, als Alle fest daran glaubten, die eine, so lange vergeblich gesuchte, aber nun unumstößliche Wahrheit gefunden zu haben.

Wenn David Berkowitz wirklich der allein handelnde Mörder von sechs jungen Menschen war, warum wiesen dann so viele Täterbeschreibungen von Zeugen, so viele Spuren und Indizien auf weitere Schuldige hin? Während die Lokalpolitiker bereits die New Yorker Polizei mit Lob überschütteten und diese die Mordserie definitiv als aufgeklärt deklarierte, ging Maury Terry seinen vielen Fragen weiter auf den Grund – und drang in ein nicht für möglich geglaubtes Dickicht von dunkelsten Mordtrieben und blutrünstigstem Teufelskult vor.

Die nun von Netflix produzierte Doku-Serie „The Sons of Sam“ greift eine der spektakulärsten Mordserien aus der amerikanischen Kriminalgeschichte wieder auf und führt zurück in eines der schwärzesten Kapitel New Yorks. Wie unter der Glocke eines diabolischen Terrors lebte die Bevölkerung damals in Angst und Schrecken vor hinterhältigen Überfällen und Mordanschlägen, was in den Jahren 1976 und 1977 in pure Panik umschlug, als ein sich als „Son of Sam“ ausgebender, offensichtlich geistig verwirrter Serienkiller mit einem gelben Ford Galaxie New York durchstreifte und wahllos auf junge Paare schoss, wobei er sechs Personen tötete und weitere schwer verletzte. Als David Berkowitz im August 1977 nach einer intensiven Polizeirecherche, die das ganze Land in Atem gehalten hatte, verhaftet werden konnte, gab er die Morde zu und behauptete, durch den Labrador seines Nachbarn Sam Carr die Befehle von Satan in Person zu seinem Handeln bekommen zu haben.

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Während von der New Yorker Polizei und den lokalen Politikern der Fall als gelöst betrachtet und zu den Akten gelegt wurde, setzte der Journalist Maury Terry seine persönlichen Ermittlungen fort und glaubte immer deutlichere Beweise für die Existenz mehrerer Täter und die Verwicklung eines landesweiten satanischen Netzwerkes gefunden zu haben.

Ein tragischer Held

Dort wo 2019 die erfolgreiche True-Crime-Serie „Mindhunter“ punktuell an den „Sons of Sam“-Morden angesetzt hatte, geht diese nun von Joshua Zeman in Szene gesetzte neue Serie viel weiter und führt den Zuschauer, anhand einer Vielzahl von damaligen und heutigen Zeugenaussagen sowie aus der Fülle der originalen, teilweise noch unveröffentlichten TV-Bilder schöpfend, hinab auf die untersten Stufen der Dunkelheit. Wie weit die Geschichte sich dabei, im Zuge der eng begleiteten Ermittlungen von Maury Terry, von den tatsächlichen Fakten der Berkowitz-Morde entfernt, bleibt dahingestellt.

Je mehr und je weiter der Journalist sich in seine Recherchen stürzt, um eine Wahrheit ans Licht zu bringen, die, wie er glaubt, von Polizei, Justiz und Politik bewusst nicht wahrgenommen werde, drängt sich die Frage auf, inwieweit er sich selbst in den dunklen, undurchdringlichen Verstrickungen seiner eigenen, mit Besessenheit vorangetriebenen Spurensuche verliert – und so quasi in der Rolle eines tragischen Helden an den nicht mehr zu fassenden Grenzen seiner sich selbst gestellten Mission scheitert.

Die Gefahr, den Faden zu verlieren, droht dabei nicht zuletzt auch dem Zuschauer, wenn immer mehr disparate, lose zusammenhängende Informationen über tatsächliche und/oder vermutete satanische Strukturen in den USA die Oberhand gewinnen und die eigentlichen konkreten Umrisse der „Sons of Sam“-Affäre verwischen und von zuweilen wirren Spekulationen in den Hintergrund gedrängt werden.

Stellenweise blitzt dann schon der Verdacht auf, dass mit bekanntem, altem, aber immer noch schaurig faszinierendem Stoff eine weitere Dimension in der stets einträglichen Sensationslust des Film- und Unterhaltungsgeschäftes begangen werden soll. Auf die Gefahr hin, dass die eine Wahrheit dabei gänzlich in einem wirren, spekulativen Labyrinth versickert.

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Die Dokumentation „The Sons of Sam – Ein Abstieg in die Dunkelheit“ ist als vierteilige Mini-Serie auf Netflix abrufbar.

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