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Kriegstagebuch Albert Schergen: Kritik an der Großherzogin
Großherzogin Marie-Adelaide

Kriegstagebuch Albert Schergen: Kritik an der Großherzogin

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Großherzogin Marie-Adelaide
Kultur 2 Min. 28.08.2014

Kriegstagebuch Albert Schergen: Kritik an der Großherzogin

Der Kanonendonner dauerte die ganze Nacht durch an und setzt jetzt gegen 11 Uhr wieder stärker ein, genau wie gestern Abend zwischen 7-9 Uhr. Er scheint etwas näher gekommen zu sein.

„Der Kanonendonner dauerte die ganze Nacht durch an und setzt jetzt gegen 11 Uhr wieder stärker ein, genau wie gestern Abend zwischen 7-9 Uhr. Er scheint etwas näher gekommen zu sein. Das hätte wohl niemand geglaubt, dass Longwy den Deutschen soviel zu schaffen mache. Heute ist der 5. Tag, dass dasselbe ununterbrochen bombardiert wird.

Gestern Abend, während der Nacht, sowie heute Morgen kommen beständig Verwundetentransporte hier an, in vielen Krankenhäusern wurde vergebens angeklopft, da in manchen derselben auch nicht ein Bett mehr frei war. Man sieht schrecklich zugerichtete Verwundete, dem einen sind die Arme, dem anderen die Beine fortgerissen, ein Dritter hat keine Nase mehr und ist am ganzen Gesicht verwundet. Der deutsche Kriegsminister von Falkenhain ist im hiesigen Hotel Brasseur abgestiegen, Prinz Oskar schlief die Nacht in Preisch beim Grafen de Gargan und der deutsche Kaiser im Schloss des Grafen de Gargan in Bettange. Letzterer, ein Erzfranzose, muss über seinen hohen Besuch sehr erfreut sein.

Als Beerdigungsplatz für die gefallenen Soldaten wurde der in Clausen gelegene alte Franzosenfriedhof (um 1870) wieder in Stand gesetzt.

Das Rote Kreuz soll international sein, doch hat man bis jetzt auch nicht einen einzigen französischen oder belgischen Verwundeten hierher verbracht. Aus diesem Grunde verweigern viele Freiwillige ihre weitere Mithilfe. Unsere Herrscherin sowie unsere Regierung scheint sich in dieser Hinsicht überhaupt manches zu erlauben, was sich nicht gehört. Wenn unsere Großherzogin in normalen Zeiten eine hohe deutsche Fürstlichkeit empfängt, so sind das ihre Sachen und niemand hat etwas dagegen einzuwenden. Empfängt sie jedoch unter den jetzigen Verhältnissen in Privataudienz den Prinzen Albrecht von Württemberg und lädt diesen offiziell zum Diner ein, so begeht sie damit einen Akt, welcher sie in den Augen ihrer Untertanen herabsetzt. Einen Einbrecher, einen welcher ein gegebenes Wort gebrochen hat, empfängt man nicht als Freund. Das Volk hat hier auch ein Wort mitzureden. Dass deutsche Offiziere an der Hoftafel gespeist und im großherzoglichen Schlosse logiert wurden, war schon zuviel. Daran sind die treuen Berater der Krone, die deutsche Hofkamarilla schuld.

Ein französischer Verwundeter, welcher auf dem Transporte nach Trier auf der Durchfahrt im hiesigen Bahnhof ein Glas Wasser verlangte und dasselbe diesem trotz Bitten und Flehen verweigert wurde, wurde wie wahnsinnig und sprang einem ihn begleitenden Wachtposten an den Hals, worauf dieser ihn kaltblütig niederstach. Einem anderen Verwundeten wurde der mit Wasser gefüllte Becher, welcher ein deutscher Soldat ihm mitleidig gereicht hatte, von einem Offizier aus den Händen geschlagen. Ein gefangener französischer Offizier, welcher den Vorgang mit ansah, warf dem deutschen Offizier ein Goldstück hin mit den Worten „Hier, dies für einen Trunk Wasser. Bei uns werden die deutschen Kriegsgefangenen besser behandelt.“ Von der neuen Brücke kann man in der Ferne nach Longwy hin deutlich den Rauch der Kanonenschüsse aufsteigen sehen. Bis tief in die Nacht wird noch geschossen.“

Mit diesem Tagebuch führen wir unsere Leser hundert Jahre zurück in der Geschichte, und zwar in die ersten Tage des Ersten Weltkrieges. Dazu haben wir in unseren eigenen Zeitungsarchiven gestöbert, uns liegt aber auch ein Tagebuch von damals vor, in dem der Schreiber, Albert Schergen, Tag für Tag die Ereignisse von damals akribisch festgehalten hat.


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