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Kriegstagebuch Albert Schergen: Die Soldaten stehlen Eier und Hühner
Offizielles Porträt des Herzogs Albrecht

Kriegstagebuch Albert Schergen: Die Soldaten stehlen Eier und Hühner

FOTO: WIKIMEDIA COMMONS
Offizielles Porträt des Herzogs Albrecht
Kultur 2 Min. 18.08.2014

Kriegstagebuch Albert Schergen: Die Soldaten stehlen Eier und Hühner

Während der Nacht gingen alle hier campierenden Truppen ab, in der Richtung nach Belgien. Der Lebensmittelmangel macht sich bereits fühlbar. Salz, Mehl, Butter, Bier, Hefe, alle diese Artikel sind überhaupt nicht mehr aufzutreiben.

„Während der Nacht gingen alle hier campierenden Truppen ab, in der Richtung nach Belgien. Der Lebensmittelmangel macht sich bereits fühlbar. Salz, Mehl, Butter, Bier, Hefe, alle diese Artikel sind überhaupt nicht mehr aufzutreiben. Auf dem heutigen Markte waren höchstens 3 oder 4 Butterfrauen erschienen, welche regelrecht gestürmt wurden. Ein Pfund Butter wurde mit 3,75 – 4 francs bezahlt. Eier 3 frcs. das Dutzend, Landprodukte sind überhaupt nicht mehr aufzutreiben. Ich war zu einem Verwandten nach Gasperich, welcher eine große Landwirtschaft führt, um für meine Kinder einige Dutzend Eier zu kaufen.

In ganz Gasperich waren keine Eier aufzutreiben, da die deutschen Soldaten nicht nur die Eier, sondern sogar die Hühner gestohlen hatten. Für Heu und Stroh bekamen die Bauern höchstens Fußtritte. Der Schullehrer von Gasperich, welcher bei meinen Verwandten in Pension ist, erzählte mir, dass Soldaten, welche in der Schule einquartiert waren, ihm sein Pult erbrochen, Cigarren gestohlen und die Register und Hefte zerrissen hatten. Eine ihm gehörige Geige, welche in einem geschlossenen Schrank bewahrt wurde, lag mit gesprungenen Saiten am Boden. Dies nennt man Zivilisation. Wenn diese Bande (man möge mir diesen Ausdruck gestatten, denn er ist höchstens noch zu milde) auf neutralem Boden bereits solchen Vandalismus treibt, was soll das dann erst werden, wenn sie in Feindesland ist. Deutsche Zivilisation im 20. Jahrhundert, welche den Leuten mit Erschießen droht, wenn sie es wagten, zu protestieren.

Nicht einmal der Oberstabsarzt, welcher bei meinen Verwandten in Quartier lag, fand es für angemessen, seiner Wirtin Kost und Logis zu bezahlen. Hier sah ich einen Husaren, welcher ohne Gewehr und ohne Lanze mit zerfetzten Kleidern auf der Suche nach einem Regiment war. Derselbe war mit anderen als Patrouille ausgeritten und kam allein wieder. Sein Pferd war ihm unter dem Leibe weg geschossen worden. Prinz Albrecht von Württemberg ist heute hier eingetroffen. Es kommen immer noch größere Truppenteile hier durch. Wenn die Deutschen nur nicht über Luxemburg zurückgeschlagen werden, sonst wehe unserer armen Stadt.“

Mit diesem Tagebuch führen wir unsere Leser hundert Jahre zurück in der Geschichte, und zwar in die ersten Tage des Ersten Weltkrieges. Dazu haben wir in unseren eigenen Zeitungsarchiven gestöbert, uns liegt aber auch ein Tagebuch von damals vor, in dem der Schreiber, Albert Schergen, Tag für Tag die Ereignisse von damals akribisch festgehalten hat.