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Kriegstagebuch Albert Schergen - 9. August 1914: "... die treibt kein Enthusiasmus in den Krieg"
Ein deutscher Soldat, aufgenommen in der Nähe der Ortschaft Wahl.

Kriegstagebuch Albert Schergen - 9. August 1914: "... die treibt kein Enthusiasmus in den Krieg"

FOTO: EUROPEANA COMMONS
Ein deutscher Soldat, aufgenommen in der Nähe der Ortschaft Wahl.
Kultur 4 Min. 09.08.2014

Kriegstagebuch Albert Schergen - 9. August 1914: "... die treibt kein Enthusiasmus in den Krieg"

Mit einem Militärauto fahre ich zur Stadt zurück; unterwegs hören wir schießen. Es sind wieder zwei französische Aeroplane, die beschossen werden.

„Ich wurde bereits in aller Frühe herausgetrieben und musste sofort ins Geschäft. Die deutsche Militärverwaltung hat durch einen Metzer Kunden alles disponible Leinen ankaufen lassen. Ich muss mit dem Fuhrmann zur Bahn, um das Geld in Empfang zu nehmen. Es wird mir gegen bar verkauft.

Es kommen noch eine Menge anderer in hiesiger Stadt angekauften Waren an, Decken, Trikots usw., mit dem Militärzug zur Versendung. Mit einem Militärauto fahre ich zur Stadt zurück; unterwegs hören wir schießen. Es sind wieder 2 französische Aeroplane, welche beschossen werden. Es heißt, dass das Flugzeug, welches, wie man behauptet, gestern Abend hier war und anscheinend von dem französischen Militärflieger Vedrinus gesteuert wurde, einige Exemplare des Journal „Le Matin“ herabfallen ließ.

Dieselben verrieten ganz genau die Stellungen der Deutschen ihre Verschanzungen und gaben einen gesamten Plan des belagerten Luxemburgs. Schade dass kein solches Exemplar erhältlich war. Heute morgen kamen wieder einige Verwundetentransporte an. Einer meiner Bekannten aus Eich erzählte mir, dass von gestern abend sieben Uhr ab die ganze Nacht durch bis in den frühen Morgen Truppennachschübe kamen. Die Einwohnerschaft konnte während der ganzen Nacht kein Auge schließen, beständig hörte man das Rauschen der heranfahrenden Wagen und Geschütze, mitunter verwischt durch kurze Kommandorufe. Es heißt, dass die deutsche Grenze für Luxemburger wieder geöffnet werde, was unser Glück ist, da sich sonst unfehlbar in kürzester Zeit eine Hungersnot eingestellt hätte.

Die Gefängnisanstalt entlässt über die Hälfte der Gefangenen, da auch hier Verpflegungsnot herrscht. Gegen 5 Uhr heute Abend sind die seit 3 Tagen auf hiesigem Glacis lagernden Artillerietruppen (69er) weitergezogen, wohin, wurde nicht bekannt. Die 29er, ca. 2000 Mann, marschieren eben vorbei, wie ich höre nehmen sie ihr Absteigequartier in der Industrie-und Handelsschule auf Limpertsberg. Es heißt, die Deutschen seien in Brüssel, was wahr daran ist, weiß man nicht. Soviel ich auch unter den Soldaten herum fragte, keiner zog frohen Mutes aus, die Stimmung der Mannschaften ist trotz dem fortwährenden Singen eine gedrückte, schwermütige. Alle folgen dem furchtbaren Zwang.

Weitere Truppen folgen in unabsehbarere Reihe. Das eben von den Artilleristen auf dem Schobermessfelde verlassene Biwak wird bereits wieder von Anderen bezogen, diesmal sind es die 44er. Wenn wir doch nur Nachrichten bekämen, dieses Ungewisse macht einen krank und aufgeregt. Den armen Leuten muss es doch bereits schlecht ergehen. Ich sah nach dem Abmarsch der Artilleristen einen Mann, wie er einen mit Dreck beschmutzten Fettklumpen in dem verlassenen Biwak aufhob und denselben zu mir gekehrt mit den Worten „Hunger ist der beste Koch“ verzehrte. Welches Elend werden wir noch mit ansehen müssen. 10 Uhr abends. Die vorhin angekommenen Artilleristen haben ihre Zelte aufgeschlagen, die Pferde ausgespannt und in der Mitte des Lagers eingepfercht.

Die einen kochen noch ab, die anderen sehen sich in der Nachbarschaft um, damit sie etwas zum Essen kriegen. Einen armen Kerl, welcher nichts auftreiben konnte als ein trockenes Stück Brot, lud meine Frau ein, eine Tasse warmen Kaffee trinken zu kommen, was er auch bereitwillig annahm. Sie setzte ihm ein Stück getrockneten Speck vor, welches der Mann gierig verschlang. Ein Glas Himbeersaft, welches ihm von meiner Frau gereicht wurde, trank er nicht, vielleicht hatte er Angst, es sei vergiftet. Die Leute sind gegen alle misstrauisch, welche französisch reden. Der Soldat fragte uns, ob es wahr sei, die Franzosen würden auch Frauen und Kinder nieder machen. Den Mannschaften wurden von ihren Offizieren die unglaublichsten Dinge erzählt.

Unserem Gast war es auch nicht froh zu Mute, er sagte, die jungen Kerle, die können singen, unser einer hat Frau und Kinder daheim und bringt's nicht fertig. Ein anderer Soldat erzählte mir, dass er seine kranke Frau mit elf Kindern verlassen musste, um ins Feld zu ziehen. Man stellt sich genau vor, wie es solchen Leute zu Mute ist, die treibt kein Enthusiasmus in den Krieg. Ich stand noch bis Mitternacht bei einem Biwakfeuer an welchem sich ca 15 Soldaten erwärmten und unterhielten, die Nächte sind schon empfindlich kühl und es ist kein Vergnügen, auf der nackten Erde zu schlafen. Die Soldaten erzählten mir, dass bei Stockem in der Nähe von Sterpenich Schwadronen Bonner Königshusaren bis auf 2 Mann von den Franzosen aufgerieben wurden.“

Mit diesem Tagebuch führen wir unsere Leser hundert Jahre zurück in die Geschichte, und zwar in die ersten Tage des Ersten Weltkrieges. Dazu haben wir in unseren eigenen Zeitungsarchiven gestöbert, uns liegt aber auch ein Tagebuch von damals vor, in dem der Schreiber, Albert Schergen, Tag für Tag die Ereignisse von damals akribisch festgehalten hat.