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Kinokritik: Lehrstunde im Märchenformat
Kultur 1 3 Min. 25.05.2019 Aus unserem online-Archiv

Kinokritik: Lehrstunde im Märchenformat

Kinokritik: Lehrstunde im Märchenformat

Foto: Disney Entertainment/Daniel Smith
Kultur 1 3 Min. 25.05.2019 Aus unserem online-Archiv

Kinokritik: Lehrstunde im Märchenformat

Daniel CONRAD
Daniel CONRAD
Guy Ritchie macht den Disney-Klassiker „Aladdin“ zu einer Mädchen-Ermutigungsgeschichte.

Nichts scheint in dieser Realfilmadaptation des Disneyklassikers „Aladdin“ so wenig inhaltlich neu beachtet wie die Titelfigur selbst. Aladdin und das Strickmuster der Story von 1992 sind hier zwar der Impuls und rote Faden. Doch das reicht nicht. Was der Zeichentrickfilm von einst in 91 Minuten erzählt, wächst bei Regisseur Guy Ritchie – ja, genau: Madonnas Ex, der mit seinem letzten Streifen „King Arthur: Legend of the Sword“ nicht gerade für Furore sorgte und dessen Ticketverkäufe den Fortsetzungsplänen von weiteren Teilen ein schnelles Ende setzten – auf 129 Minuten.


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Was passiert denn da nun mehr? Der Lampengeist Genie bekommt eine Liebesgeschichte, Bösewicht Jafar mehr Hintergrund, der seinen Minderwertigkeitskomplex als „ewiger Zweiter“ und Hass erklärt, und Jasmine darf mehr als nur die liebliche Prinzessin mit sozialer Ader sein.

Warum nicht mal eine Frau als Sultan?

Vorsicht Spoiler: Sie will ernsthaft selbst „Sultan“ werden – und irgendwie muss dann ja mit den Traditionen von Männern an der Macht und dem Gesetz in Agrabah gebrochen werden. Spätestens da wird klar: Ritchie und Disney wagen sich da schon ordentlich vor – wenn es denn bewusst pädagogisch so erdacht war. Da wird klassisches Geschlechterdenken in „1001 Nacht“ plötzlich zur Genderrevolution.

Und einmal mehr beschwört das die Vorwürfe des kulturellen Missverständnisses bei Disney, dem weltgrößten Unterhaltungskonzern, herauf. Es ist und bleibt ein „westlicher“ Blick im exotisch-orientalischen Gewand – und das wiederum ist eben ein Problem. Zudem geht es in den Textzeilen Jafars um die klassische Rhetorik von Abschottung an den Grenzen und Krieg – und die Selbstsucht an der Macht. Na, wenn das kein Kommentar auf aktuell machttrunkene Despoten, Abschotter und Kriegstreiber ist.


Foto: Disney Entertainment/Daniel Smith


Buntes Treiben mit Humoreinlage

Allerdings gibt der Film auch die Losung aus: Nur der kommt als Sultan in Frage, der auch die Bedürfnisse und die Problemlagen der Menschen kennt und sich selbst dabei als Stimme der Schwachen sieht – Fassade und Herkunft aus der Prinzenelite dürfen kein Maßstab für eine gute Amtsführung sein. Oha!

Ansonsten ist schlicht der Aufwand spürbar: Tänzer, Komparsen, viel CGI wie der wabernde Nebel ab der Gürtellinie von Genie-Darsteller Will Smith, Kostüme – generell den Rausch an Farben, den Kritiker bereits als „Bollywood“ in orientalischer Kulisse bemängelten.

Ritchie setzt eben auf Opulenz bei den Bildern – und natürlich darf es ruhig hoch hergehen. Dieser Taschendieb Aladdin, der der Prinzessin mit Hilfe des erweckten Lampengeists und drei freier Wünsche den Hof macht und den bösen Gegenspieler Jafar zur Strecke bringt, ist hier ein Hoodie-tragender Parcour- und Freeclimbing-Athlet.


Foto: Disney Entertainment/Daniel Smith

In rasenden Kamerafahrten stürmt er durch die Straßen. Und mit viel Selbstbewusstsein nimmt er seine Jasmine für sich ein; und darf ihr als Disney-Mann nicht mehr nur das „Vertrau mir“ einhauchen, sondern ein „Du schaffst das!“ zur Selbstermutigung anhängen. Und Disney hat tatsächlich, auf Druck vor dem Dreh hin, auf „White-Washing“ verzichtet und demnach – muss das schwer gefallen sein – „weniger bekannte“ Darsteller mit „echten“ „Middle Eastern“-Wurzeln gesucht; und sich dann für den Kanadier Mena Massoud (mit ägyptischen Wurzeln) und die Britin Naomi Scott (mit indischen Wurzeln) als Paar entschieden.

Überhaupt wurde für die Komparsen und Tänzer – das verrät der Abspann – viel und weltweit gecastet. Bis eben auch in Jordanien, wo die Wüstenszenen gedreht wurden. Die Wüste wirkt zwar dann sehr real, die Stadt Agrabah aber kommt komplett als Studiodeko und von Klischees überladen daher.

Will Smith als Flaschengeist

Und dann ist das die Sache mit Robin Williams. Natürlich setzte der 1992 mit der Synchronisation des Lampengeists absolute Maßstäbe. Nun muss Will Smith, der gleich als erstes im Vorspann genannt wird, als die Fleisch gewordene beliebteste Figur des Disney-Originals ran. Ritchie erlaubt ihm immerhin, seinen „Prince of Belair“-Charme auszuspielen – mit Rapeinlage im Song. Der Humor der 1992er-Vorlage wird zum Teil erhalten und von ihm adaptiert. Das bringt wirklich Laune für die ganze Familie.

Dass Alan Menken, der Komponist und Songschreiber, der 1992 mit seinen Arbeiten unter anderem einen Oscar einfuhr, wieder mit an Bord war, rettet die beliebten Songs (wenn auch nicht immer die leider nicht gut orchestrierten Arrangements). Textänderungen mussten aber dann doch her – und ein neuer Song, „Speechless“, der eben genau das Brechen des Schweigens und das Ausbrechen der jungen Prinzessin thematisiert.


Foto: Disney Entertainment/Daniel Smith




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