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Kinokritik der Woche : „Spotlight“: die vierte Gewalt
Kultur 1 4 Min. 06.02.2016

Kinokritik der Woche : „Spotlight“: die vierte Gewalt

Der Film begleitet akribisch nüchtern das Reporterteam von „Spotlight“ bei seinen aufreibenden Recherchen.

Kinokritik der Woche : „Spotlight“: die vierte Gewalt

Der Film begleitet akribisch nüchtern das Reporterteam von „Spotlight“ bei seinen aufreibenden Recherchen.
Foto: Anonymous Content
Kultur 1 4 Min. 06.02.2016

Kinokritik der Woche : „Spotlight“: die vierte Gewalt

Was für eine Wohltat! Zur Abwechslung endlich mal wieder ein Film, der sich intelligent und fesselnd dazu mit der Rolle der vierten Gewalt im Staat – der Presse – auseinandersetzt

von Vesna Andonovic

Was für eine Wohltat! Zur Abwechslung endlich mal wieder ein Film, der sich intelligent und fesselnd dazu mit der Rolle der vierten Gewalt im Staat – der Presse – auseinandersetzt. Dabei hätte es beim überaus sensiblen Thema des Kindesmissbrauchs und der Vertuschung durch die amerikanische katholische Kirchenhierarchie auch schnell anders kommen können: Doch „Spotlight“ von Regisseur Tom McCarthy, der die wahre Geschichte um deren Enthüllung durch das gleichnamige Reporterteam des „Boston Globe“ erzählt, umschifft alle reißerischen Klippen mit einer atemberaubenden Stringenz und Eleganz. Eine Lehrstunde in Sachen Film – und Journalismus.

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„Spotlight“ sei Dank: Endlich kann sich der Beruf des Journalisten vom Stigmata der Peinlichkeit der aufgemotzten Carrie Bradshaw befreien, die mal kurz – auf dem Bett räkelnd – in die Tasten ihres stylishen MacBook haut, und sich selbst von riesigen Werbeplakaten an den New Yorker Bussen entgegengrinst. Denn so realitätsnah und auf den Punkt genau, wie in Tom McCarthys fünfter Regiearbeit – verdient sechsmal bei den diesjährigen Oscars nominiert – dürfte man die Arbeit der Journalisten selten auf großer Leinwand gesehen haben.

Doch man sollte sich nicht täuschen: „Spotlight“ entzaubert den Berufsmythos nicht, er beflügelt ihn, und zwar sehr wirkungsvoll, da nicht sein vermeintlich außergewöhnlicher Charakter unterstrichen, sondern die Emphase auf genau das gelegt wird, was ihn im Grunde ausmacht: die Banalität des Alltäglichen, der aufreibende Kampf mit Widrigkeiten und die Hoffnung, am Ende damit etwas bewegen zu können.

Dabei geht es in „Spotlight“ im Grunde genommen auch nicht vorrangig um den „Scoop“, den die Reporter langsam aufdecken, sondern um die Entwicklung und Methodologie, die diese – wie jede Geschichte – erfordert, die man sich aufmacht, zu erzählen.

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Foto: Anonymous Content

So manche Diskussion und Situation, die der Film zeigt, dürfte demnach bei den lieben Kollegen querbeet durch die Medienbranche ein vertrautes Gefühl des Déjà-vu wecken und ihnen zuweilen so manches Schmunzeln entlocken.

Die größte Leistung, und zugleich auch wichtigstes Verdienst MacCarthys, ist die konsequent durchgezogene Zurückhaltung, mit der er sich einer Thematik annimmt, die emotionaler und aufwühlender nicht sein könnte: Kindesmissbrauch und dessen systematische Vertuschung. Statt reißerischer Flash-back-Bilder, klassischer Klischees und buchstäblicher Hexenjagd-Atmosphäre spiegelt der Regisseur mit seiner investigativ-chronologischen Erzählweise auch formal die Geschehen wider und lässt den Zuschauer so selbst unmerklich in die Rolle des Journalisten schlüpfen, der erst durch seine Recherchen und Begegnungen mit Betroffenen seine eigentliche Story findet und als Mensch dabei stets – auf sich allein gestellt – sehen muss, wie er gefühlsmäßig damit fertig wird.

„Spotlight“ wird durch genau diese für eine amerikanische Produktion noch unerwartetere Unaufdringlichkeit dem Ernst und Ausmaß des Pädophilieskandals gerecht – denn die damaligen Enthüllungen aus Amerika lösten daraufhin weltweit eine Welle der Zeugnisse Betroffener aus, die ins Licht der Öffentlichkeit traten, wie die traurig lange Liste vor dem Anspann bezeugt. In dieser formalen Subtilität, seiner Zurückhaltung und der Realitätsnähe offenbart sich so die wahre Stärke des Films.

„I wanna keep digging“

Als das investigative „Spotlight“-Team des „Boston Globe“ beginnt, Recherchen über mögliche Missbrauchsfälle durch einen katholischen Priester zu recherchieren, weiß keiner der Journalisten, welche Lawine sie hier auslösen. „I wanna keep digging“ – der ganzen Geschichte auf den Grund gehen – so lautet die Maxime.

Beim Drehbuch funktionierte das Team von Regisseur Tom McCarthy, der seine Schauspielerfahrung aus „The Wire“ mit einbringen kann, und Josh Singer, der u. a. Episoden von „The West Wing“ und „Lie to Me“ schrieb, perfekt.

Und die beiden Filmerfahrenen haben vor allem eines erkannt und beherzigt: Dass, wenn man eine gute Story hat, man ihr den Vorrang geben und ohne großen Firlefanz seine Geschichte einfach sauber erzählen soll – eigentlich genau so wie in „gutem“ Journalismus, wo man im Dienste der Information steht und nicht diese in dem des eigenen Egos.

Dabei ist es letztlich die perfekt gecastete Besetzung, die aus dem Film ein wirklich relevantes Werk macht. Denn auch hier wird, wie bei einer guten Redaktion, im Team gespielt, und trotzdem muss keiner der Reporter dadurch seinen ganz individuellen Charakter aufgeben: Da ist zum einen der undurchschaubare Liev Schreiber als Marty Baron, der kühle neue Chefredakteur mit Riecher für gute Storys, ein beeindruckender Michael Keaton als „Spotlight“-Chef Walter „Robby“ Robinson, der unbeirrt seinem Team den Rücken frei hält und zur eigenen Fehleinschätzung stehen muss, ein hervorragender Mark Ruffalo als hartnäckiger Vollblut-Journalist Mike Rezendes oder Rachel

McAdams als einfühlsame Reporterin Sacha Pfeiffer. Selbst kleinere Rollen wie John Slattery als Ben Bradlee, Sohn des legendären „The Washington Post“-Chefredakteurs, oder Stanley Tucci als engagierter Betroffenenanwalt Mitchell Garabedian haben gleichermaßen Relief und Tiefgang.

Ein überaus intelligenter und stets einfühlsamer Film, der neben u. a. Billy Wilders „Ace in a Hole“ oder Alan J. Pakulas „All the President's Men“ zur journalistischen Grundausbildung gehören sollte, dürfte allen Zuschauern, die gutes Kino mögen, ein bereicherndes Erlebnis bieten.

Da ist bestimmt auch noch der eine oder andere Überraschungs-Oscar drin, für Ruffalo und das Drehbuch zum Beispiel ...

Drama (USA 2015). Regie: Tom McCarthy. Mit Mark Ruffalo, Michael Keaton, Rachel McAdams, Liev Schreiber. Drehbuch: Tom McCarthy, Josh Singer. Kamera: Masanobu Takayanagi. Musik: Howard Shore. 128 Min. (Ab 12)

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