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Kinokritik: Chance verpasst
Kultur 1 2 Min. 04.07.2020

Kinokritik: Chance verpasst

 Lee Stephen (Daniel Webber, l.) und Tim Jenkin (Daniel Radcliffe) planen ihre Flucht bis ins letzte Detail.

Kinokritik: Chance verpasst

Lee Stephen (Daniel Webber, l.) und Tim Jenkin (Daniel Radcliffe) planen ihre Flucht bis ins letzte Detail.
Foto: KFD
Kultur 1 2 Min. 04.07.2020

Kinokritik: Chance verpasst

Thierry HICK
Thierry HICK
Die Macher hinter dem Film „Escape From Pretoria“ begnügen sich damit, die Apartheid nur ansatzweise zu beleuchten.

Dieser Film wurde als Anti-Apartheidsplädoyer angekündigt. Aber nach 106 Minuten „Escape From Pretoria“ stellt sich heraus, dass eben genau dieses Thema nur ansatzweise berührt wird. Schade also, dass Francis Annans Streifen leider nach und nach zu einem wiederholten Strickmuster des Gefängnisausbruchsfilms verkommt.

Dabei basiert der Film auf historischen Ereignissen. Die Apartheidspolitik im Südafrika der 1970er-Jahre stößt nicht nur in der schwarzen Bevölkerung auf Widerstand. Auch unter der wohlhabenden weißen Minderheit wird die Diskriminierung der „Blacks“ durchaus stark kritisiert. 

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Tim Jenkin und Stephen Lee sind solche Kritiker in den eigenen Reihen. Die beiden Weißen werden nach einer Flugblätteraktion verhaftet und zu zwölf und acht Jahren Gefängnis verurteilt und im „Pretoria Central Prison“ inhaftiert. Die beiden „Verräter“ der Nation haben ein einziges Ziel vor Augen: die Flucht. Schnell freunden sie sich mit Denis Goldberg, dem „Doyen“ der Inhaftierten und ehemaliger Weggefährte von Nelson Mandela, an.

Anstatt diesen filmischen Leitfaden rund um diese historische Figur zu vertiefen, konzentriert sich Filmregisseur Francis Annan auf das Gefängnis, das fast die einzige Location des Filmes ausmacht. Tag für Tag entdecken die beiden Gefangenen das Leben hinter Gittern und die Willkür der Wächter, die ohne Rücksicht ihre Macht zum Ausdruck bringen; zwischendurch auch gegen Schwarze, die zu Dreckarbeiten gezwungen werden. Die Rollen der Bösen und der Guten sind prädestiniert aufgeteilt und bringen keine wesentlichen Überraschungen zum Vorschein.

Die Türen zur Freiheit

Mit der Zeit verfeinern Tim Jenkin und Stephen Lee ihre Strategie, um sich den Weg in die Freiheit zu bahnen. Mit nachgebauten Holzschlüsseln wollen die Ausbrecher sämtliche Türen des angeblich hochsicheren Knasts öffnen können. Erwartungsgemäß tauchen während der Flucht ausgerechnet bei der letzten Tür Probleme auf.

Die Vorbereitungen zuvor werden akribisch vom Filmregisseur inszeniert. Mit großen Lichteffekthaschereien setzt Chef-Kameramann Geofrey Hall sein ganzes Können ein. Mit „clair-obscur“-Momenten – teils realistisch, teils skurril – wird jedes Detail mit der nötigen Genauigkeit untermalt. Elemente des Horrorfilmgenres – Treppen in der Nacht, gespenstische Schattenspiele ... – verleihen der Handlung die passende Dramatik. Auch wenn bei der Handlung Einzelheiten eher unwahrscheinlich rüberkommen, bleibt die Erzählung insgesamt kohärent.

Radcliffe (r.) und Webber verleihen ihren Rollen eine profunde Tiefe.
Radcliffe (r.) und Webber verleihen ihren Rollen eine profunde Tiefe.
Foto: KFD

Mit viel Hingabe

Ebenfalls gerettet wird diese Low-Budget-Thrillerproduktion durch Daniel Radcliffe (Tim Jenken) und Daniel Webber (Stephen Lee). Die beiden Schauspieler wurden bei ihrer Arbeit von den beiden echten Apartheidsgegnern, die sie darstellen sollten, begleitet. Mit viel Hingabe und ohne übertriebenen Pathos verleihen Radcliffe und Webber ihren Rollen so die profunde Tiefe.

Gerade diese Vorbereitungsarbeit hätte dem Film „Escape From Pretoria“ auch historische Relevanz geben können. Das hätte Francis Anna erlaubt, die Revolte gegen die Rassentrennung in Süd-afrika nicht nur anzupeilen, sondern auch kritisch aufzudröseln. So reichen eine zwar interessante und inspirierte Regie, das motivierte Schauspielerengagement und schöne Landschaftsbilder – in Australien gedreht – definitiv nicht aus. Hier wurde einfach die Chance verpasst, tiefgründige Gedanken und kritische Aussagen aufzutischen. Was auf der Leinwand zu sehen, ist dann schlicht spannende Unterhaltung. 

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