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Kinokritik "Aus dem Nichts": Rache ist bitter
Kultur 1 2 Min. 25.11.2017 Aus unserem online-Archiv

Kinokritik "Aus dem Nichts": Rache ist bitter

Von einem Augenblick zum nächsten ist nichts mehr, wie es war: Katja (Diane Kruger) verliert ihren kleinen 
Rocco bei einem Bombenattentat, in dem auch ihr Mann umkommt.

Kinokritik "Aus dem Nichts": Rache ist bitter

Von einem Augenblick zum nächsten ist nichts mehr, wie es war: Katja (Diane Kruger) verliert ihren kleinen 
Rocco bei einem Bombenattentat, in dem auch ihr Mann umkommt.
Foto: BOMBERO INTERNATIONAL
Kultur 1 2 Min. 25.11.2017 Aus unserem online-Archiv

Kinokritik "Aus dem Nichts": Rache ist bitter

Katjas Welt bricht zusammen, als ihr Sohn und ihr Mann bei einem Bombenanschlag Rechtsradikaler sterben. Von der Justiz im Stich gelassen, nimmt sie die Gerechtigkeit in die eigene Hand – und stellt den Zuschauer von „Aus dem Nichts“ vor einen unlösbaren moralischen Konflikt.

Von Vesna Andonovic

Fatih Akins neuer Film, der im Mai beim letzten Filmfestival von Cannes im Wettbewerb seine Premiere feierte, ist ein schwieriger Film. Denn indem er versucht, eine Erklärung für Selbstjustiz zu liefern, läuft er Gefahr, von manchen Zuschauern als eine Art Entschuldigung dafür zu gelten. Dabei ist die Grundsituation, um die es hier geht – sprich ein Opfer wird selbst zum Täter – , eigentlich klar: Denn Selbstjustiz ist niemals Justiz.

Auch dann nicht, wenn die Welt des Opfers, die junge Katja (Diane Kruger), von einem Augenblick zum anderen zusammenbricht: Eben noch hatte sie den fünfjährigen Sohn Rocco bei seinem türkischstämmigen Vater Nuri (Numan Acar) im Büro kurz abgegeben. Doch als sie zurückkehrt, findet sie einen Trümmerhaufen vor. Ein Bombenanschlag hat ihre kleine Familie zerstört.

Während Katja plötzlich alleine im luftleeren Raum der Trauer schwebt, nehmen die Ermittlungen ihren Lauf und führen zur Festnahme eines Pärchens – keine islamistischen Terroristen, nein, Rechtsradikale haben ihre Angehörigen getötet.

Doch die Wege der Justiz scheinen unergründlich, als sie trotz begründetem Verdacht freigesprochen werden. Alleingelassen beschließt Katja, die Gerechtigkeit selbst in die Hand zu nehmen. Doch wiegen zwei Leben zwei andere auf?

Unlösbares moralisches Dilemma

Auf eine ähnliche Prämisse wie Ferdinand von Schirachs Theaterstück „Terror“ aufbauend, stürzt auch Akins Film das Publikum in einen Gewissenskonflikt.

Doch wo Von Schirach einen kühlen Kopf für ein Urteil einforderte, das Recht sprechen soll, reizt Akin vor allem die Gefühle und Empathie des Zuschauers aus. Dadurch lässt er das Publikum bei seiner Entscheidung, ob Rache nun auch etwas mit Gerechtigkeit gemein haben kann, ebenfalls ein Stück weit im Stich.

Natürlich ist es jedem halbwegs „normal gestrickten“ Menschen unerträglich mit anzusehen und – dank der wirksam eingesetzten filmischen Mittel – zu erleben, wie Katja eine unmenschliche Achterbahnfahrt des Grauens, von Schmerz und Verzweiflung bis hin zu Wut und Dürsten nach Rache durchleben muss, und sie letztlich vor der Justiz scheitert.

Umso mehr, da Diane Kruger diese Zerrissenheit mit eindrucksvoller Intensität spielt. Dass es hierfür den Darstellerpreis für die Schauspielerin, 1976 in Deutschland geboren und seit 2013 amerikanische Staatsbürgerin, in Cannes gab, ist demzufolge die hart erarbeitete und durchaus verdiente Anerkennung für die gebrachte Leistung.

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Vielleicht verdeutlicht diese Auszeichnung auch das grundlegende moralische Dilemma, das solch ein Film wie „Aus dem Nichts“ aufwirft und nie zu lösen vermag: Denn wenngleich der Zuschauer Katjas Entscheidung gefühlsmäßig nachvollziehen kann, so muss er letztlich stets der Versuchung widerstehen, sie gutzuheißen.

Als Verstärkung fürs Drehbuch hat sich der Regisseur von „Auf der anderen Seite“, „Soul Kitchen“ und „The Cut“ Hark Bohm hinzugeholt, der selbst bereits 1984 mit „Der Fall Bachmeier – Keine Zeit für Tränen“ Selbstjustiz thematisierte. Nicht von ungefähr fühlt sich der Zuschauer an dieser Stelle also an Heinrich Bölls Geschichte „Daniel, der Gerechte“ erinnert. In ihr schreibt der Protagonist als Elfjähriger „in Gerechtigkeit statt des zweiten ,e‘ ein ,ä‘, weil er sich dumpf daran erinnerte, dass alle Worte einen Stamm haben, und es schien ihm, als sei der Stamm von Gerechtigkeit Rache“.

„Aus dem Nichts“ hat den Verdienst ein ebenso komplexes, wie emotional schwieriges Thema aufzugreifen, am Ende jedoch steht genau die Form des spannend gedachten Thrillers (der sich streckenweise dann doch als etwas langatmig erweist) seinem psychologischen Tiefgang im Wege. Statt, dass der Film beim Zuschauer einen wirklichen Denkprozess auslöst, hinterlässt er am Ende nur einen bitteren Nachgeschmack.