Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Der maßlos irre Trommler

Der maßlos irre Trommler

Der maßlos irre Trommler
Keith Moon wäre 75

Der maßlos irre Trommler


von Tom RÜDELL/ 23.08.2021

Keith Moon im Jahr 1975.Foto: Jim Summaria, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Keith Moon war eine der schillerndsten Persönlichkeiten der frühen Rockmusik. Der hochtalentierte Schlagzeuger (The Who) bezahlte diese Eigenschaft im Alter von nur 32 Jahren mit seinem Leben. Am 23. August wäre er 75 Jahre alt geworden.

Keith Moons Lebensstil taugt eigentlich nicht zu Artikeln über runde Geburtstage. Während man sich diverse seiner Zeitgenossen, auch die bereits verstorbenen, im Rentenalter zumindest vorstellen kann und andere Rocker seiner Generation immer noch aktiv sind, steht der Drummer der legendären britischen Rockband The Who für den ultimativen und letztlich tödlichen Exzess. Und diese Übertreibung betraf sowohl sein musikalisches Schaffen - schneller spielen, härter reinhauen, lauter trommeln als seine Kollegen - als auch sein Leben abseits der Bühne - mehr Alkohol, mehr (synthetische) Drogen, wildere Partys. 

Diese Eigenschaft brachte ihm bereits zu Lebzeiten den Titel „Moon, the Loon“ ein (eine Kurzform von „Lunatic“, wörtlich also „Moon, der Irre“). Und sie sorgte dafür, dass er im Alter von gerade mal 32 Jahren starb - an einer Überdosis Heminevrin, eines Medikaments, das ihm gegen seine Alkoholsucht verschrieben worden war. Moon hatte strikte Order seines Arztes erhalten, „eine davon“ zu nehmen, wenn er das Verlangen nach Alkohol spürte, „maximal drei am Tag“. Am Abend des 6. September nahm er 32, schon die ersten sechs, so heißt es, brachten ihn um. Und so gehört er zu denen, deren Geburtstagsartikel immer im Konjunktiv überschrieben sind: „Keith Moon wäre am Montag 75 Jahre alt geworden.“ 

360 Videos werden hier nicht unterstützt. Wechseln Sie in die Youtube App, um das Video anzusehen.

Exzess als musikalischer Markenkern

Bevor der Exzess ihn umbrachte, war er Moons Markenkern: Geboren am 23. August 1946 im Nordwesten Londons, stieß der Drummer 1964 im Alter von 17 Jahren zu The Who. Deren frühe Karriere (die anderen Mitglieder waren nur unwesentlich älter) schob er mit seiner spektakulären, überbordenden und ganz und gar unkonventionellen Trommeltechnik maßgeblich an. Gleichzeitig befeuerte er aber auch die bereits damals offen zutage tretenden Rivalitäten innerhalb der Band. The Who bestanden mit dem impulsiven Sänger Roger Daltrey, dem Gitarristen und Mastermind Pete Townshend und dem stoischen, aber spektakulär aufspielenden Bassisten John Entwistle bereits aus drei jungen Sturköpfen, die noch dazu im Zentrum einer extrem auf Äußerlichkeiten bedachten Jugendbewegung, der „Mods“, standen. Als Moon sich ihnen anschloss, am ersten Abend noch dazu ganz in orange gekleidet und mit orange gefärbten Haaren, fiel die Band sogar im bunten London auf.  

360 Videos werden hier nicht unterstützt. Wechseln Sie in die Youtube App, um das Video anzusehen.

Das Schlagzeug als Orchester

Das Tempo zu halten, „ordentlich“ zu spielen, den Song dadurch zusammenzuhalten, so wie andere Drummer, das war Moons Sache nicht. Sein Beat quoll quasi aus ihm heraus und füllte die Takte, die er spielte bis zum Rand auf. Man hört es auf fast jedem Song, den er aufgenommen hat - es gibt von allem zu viel, „er brachte Drumfills an Stellen unter, wo andere nicht mal dran gedacht hätten“, beschreibt Sänger Daltrey den Stil. The Who waren insgesamt eine ungewöhnliche Band: Den Rhythmus besorgte Townshend mit der Gitarre, Entwistles Spiel war näher am Gitarrensolo als am E-Bass und Moons Schlagzeug glich eher einem ganzen Orchester. Nicht jedermanns Geschmack, aber unverwechselbar. 


Dreck in der Stimme, Whisky im Blut
Bon Scotts Stimme prägte zu Lebzeiten den Sound von AC/DC, sein früher Alkoholtod zementierte seine Legende. Am 9. Juli wäre er 75 geworden.

Gemeinsam mit Ginger Baker von Cream, einem ähnlich auffälligen Schlagzeuger, geht Moon in die Popgeschichte ein als der Erfinder der Double Bass Drum in der Rockmusik. Zwei Bassdrums, oder mindestens zwei Fußpedale sind heute Standard, vor allem wenn es um die härteren Spielarten geht, damals waren sie exotisch. Keith Moons Stil ist einprägsam und macht Eindruck - er wird posthum vom „Rolling Stone“ hinter John Bonham auf Platz 2 der 100 einflussreichsten Drummer aller Zeiten gewählt. 

360 Videos werden hier nicht unterstützt. Wechseln Sie in die Youtube App, um das Video anzusehen.

Hausverbot im Holiday Inn - weltweit

Doch mindestens genauso auffällig sind seine Feierwut und sein Hang zu „practical jokes“, zu Streichen auf Kosten anderer. Während einer ausufernden Party zu seinem 21. Geburtstag versenkt er ein (nicht ihm gehörendes) Auto, einen Lincoln Continental, im Swimming Pool eines Holiday Inn Hotels in Flint, Michigan. Die Hotelkette erteilte der Band daraufhin weltweites Hausverbot. Dass er auf Tournee Hotelzimmer verwüstete und das Mobiliar aus dem Fenster schmiss (einmal ließ er sich extra zu diesem Zweck vom Flughafen zurück zum Hotel fahren, mit der Begründung, er habe „etwas vergessen“) gehörte da schon ebenso zum Standard wie seine Affinität zu Sprengstoff: Moon sprengte Hoteltoiletten ebenso mit Feuerwerkskörpern in die Luft wie auch sein Schlagzeug während der Show. Während einer Aufzeichnung einer Folge der  „Smothers Brothers Comedy Show“ 1967 vertat er sich in der Dosierung. Der Lichtblitz war quer durch Amerika auf den Bildröhren zu sehen; die Detonation fegte Moons Kollegen Daltrey sprichwörtlich von der Bühne. 

360 Videos werden hier nicht unterstützt. Wechseln Sie in die Youtube App, um das Video anzusehen.

 Und auch bei den Drogen achtete er weder auf Ratschläge noch auf Warnhinweise - nur auf den Spaßfaktor und die eigene Reputation: 1973 brach er bei einem Konzert in Kalifornien hinter dem Schlagzeug zusammen, weil er vor der Show mal wieder viel zu viele Pillen geschluckt hatte - er sei schließlich Keith Moon. Die Band spielte mit einem Freiwilligen aus dem Publikum weiter. Und am 7. September 1978 schließlich brachte ihn die bereits erwähnte Überdosis Beruhigungsmittel um. 

Moon hinterließ seine Ex-Frau Kim Kerrigan und die 12-jährige Tochter Amanda sowie seine damalige Freundin Annette Walter-Lax. Seinen Platz hinter dem Schlagzeug von The Who nahm Kenney Jones ein - als Drummer der genaue Gegenentwurf. The Who touren heute noch, mittlerweile trommelt Ringo Starrs Sohn Zak Starkey, der als kleiner Junge ein Schlagzeug von Moon geschenkt bekam.  

Keith Moons letzter Auftritt: The Who live in den Shepperton Studios, am 25. Mai 1978. 

360 Videos werden hier nicht unterstützt. Wechseln Sie in die Youtube App, um das Video anzusehen.


Foto: Keith Moon 1975 / CC BY-SA 3.0 / Jim Summaria / via Wikimedia Commons

Folgen Sie uns auf Facebook, Twitter und Instagram und abonnieren Sie unseren Newsletter.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Bon Scotts Stimme prägte zu Lebzeiten den Sound von AC/DC, sein früher Alkoholtod zementierte seine Legende. Am 9. Juli wäre er 75 geworden.
Am 6. Dezember 1969 spielen die Rolling Stones in Kalifornien. 300.000 Fans reisen an. Traurige Bilanz: Vier Tote und das Ende der "Roaring Sixties".
Hell's Angels before the Rolling Stones appeared at the Altamont Speedway for the free concert they were headlining. (Photo by William L. Rukeyser/Getty Images)
Deep Purple's "Concerto for Group and Orchestra"
Vor 50 Jahren schrieben Deep Purple mit dem "Concerto for Group and Orchestra" Musikgeschichte. Rund 30 Jahre später kam das Werk zur Feier der Thronbesteigung von Großherzog Henri auch nach Luxemburg.
50 Jahre "Led Zeppelin I"
Am 12. Januar 1969 veröffentlichte eine brandneue Londoner Band ihr erstes, gleichnamiges Album. "Led Zeppelin" war der Grundstein einer beispiellosen Karriere.
UNITED KINGDOM - MAY 17:  EARLS COURT  Photo of LED ZEPPELIN and Robert PLANT, L-R: John Paul Jones (head turned), Robert Plant (playing tambourine), Jimmy Page (head turned) performing live onstage  (Photo by Ian Dickson/Redferns)
Rockgeschichte in Bonneweg
Das Deep-Purple-Konzert am 6. Juni 1971 im Bonneweger “Stade Achille Hammerel” war das erste Rockfestival des Landes überhaupt.
Zum 25. Todestag von Freddie Mercury
Am 24. November 1991 starb Freddie Mercury an den Folgen seiner AIDS-Erkrankung. Mit ihm verlor die Popwelt eines ihrer größten Talente.