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Katastrophenserie „Chernobyl“ berührt und verblüfft
Kultur 1 2 Min. 07.07.2019

Katastrophenserie „Chernobyl“ berührt und verblüfft

Die Serie ruft Erinnerungen an die Katastrophe in dem ukrainischen Kernkraftwerk wach.

Katastrophenserie „Chernobyl“ berührt und verblüfft

Die Serie ruft Erinnerungen an die Katastrophe in dem ukrainischen Kernkraftwerk wach.
Foto: Sky UK Ltd/HBO
Kultur 1 2 Min. 07.07.2019

Katastrophenserie „Chernobyl“ berührt und verblüfft

Die Serie „Chernobyl“ in der Zapping-Kritik: Die realen Geschehnisse um die Kernschmelze Mitte der 1980er-Jahre sind Basis der aktuell „besten“ Serie der Welt. In fünf Folgen erzählt sie die Chronologie der Geschehnisse aus der Perspektive von Menschen, die nicht wissen, wie ihnen geschieht.

Von Kathrin Koutrakos - Tschernobyl. Der Name, der bis zum Frühjahr 1986 wohl niemandem in Westeuropa etwas sagte, brannte sich innerhalb weniger Tage unauslöschlich in die Erinnerung ein. 

Als die Nachrichten peu à peu das Ausmaß der Katastrophe in die Wohnzimmer sendeten, war nichts mehr wie zuvor. Fallout, Kernschmelze, Strahlenkrankheit – mit dem neuen Vokabular verlor die „Zukunftsenergie“ für immer ihre Unschuld.

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Mit den Jahren wurde es zwar ruhiger um die Strahlenruine in der heutigen Ukraine, aber so ganz verschwand Tschernobyl nie von der Bildfläche. Mal nahm man interessiert zur Kenntnis, dass der 1986 gebaute Betonsarkophag aufgrund der hohen Strahlenbelastung ersetzt werden musste, mal horchte man auf, wenn Ausflüge in die Todeszone zum neuen touristischen Trend-Ziel erklärt werden.

Katastrophe ohne Präzedenz   

Mit der Mini-Serie „Chernobyl“ haben Filmemacher Craig Mazin und Regisseur Johan Renck jetzt ein neues Kapitel in der Rezeption der Katastrophe eröffnet. In fünf Folgen erzählen sie die Chronologie der Geschehnisse aus der Perspektive von Menschen, die nicht wissen, wie ihnen geschieht – von jungen Feuerwehrmännern, die ohne jede Schutzkleidung in die hoch radioaktiven Trümmer geschickt werden, über die Wissenschaftler, die eine Katastrophe ohne Präzedenz verstehen müssen, bis zu den fachfremden Polit-Funktionären, die das Ausmaß des Unglücks um jeden Preis unter Verschluss halten wollen. 


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Craig Mazin recherchierte mehr als zwei Jahre akribisch die verfügbaren Unterlagen und Regierungsberichte und sprach mit unzähligen Überlebenden der Katastrophe, bevor er das Drehbuch schrieb. Sichtbar machen, was geschehen ist – dieser Anspruch findet seinen Ausdruck in einem selten gesehenen Realismus, der vor allem bei den damals selbst Betroffenen Zuspruch findet: In Russland und den ehemaligen UdSSR-Staaten war die Begeisterung für die amerikanisch-britische Produktion ebenso groß wie das Erstaunen.

Erstmals, so der Tenor vieler Kommentare, sehe man die eigene Vergangenheit so, wie man sie selbst erinnerte – bis in die letzten Details einer kollektiven Lebenswirklichkeit. Es ist aber vor allem die Hauptfigur Waleri Legassow, der in seiner Zerrissenheit und Komplexität das Verhältnis vieler ehemaliger Bürger zu ihrem politischen System verkörpert. Der irgendwo zwischen pragmatischer Anpassung und persönlichen Skrupeln versucht, den richtigen Weg zu finden.

Russisches Staatsfernsehen wenig begeistert 

Sein Plädoyer in der Gerichtsverhandlung ist der größte Moment dieser an denkwürdigen Momenten nicht eben armen Serie. In einer verblüffenden Klarheit klärt er die Untersuchungsrichter (und die Zuschauer) über die Unfallursache auf: eine Gemengelage aus Selbstüberschätzung, Arroganz, Baupfusch und Tragödie. Er schließt mit einer in ihrer Einfachheit nicht zu leugnenden Einsicht: Der Reaktorunfall in Tschernobyl war die größtmögliche Demütigung für einen Staat, dessen größte Angst es war, gedemütigt zu werden.


Wie die Protaonisten schnell feststellen, läuft auf diesem stolzen Schiff alles ganz anders als erwartet.
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2006, anlässlich des 20. Jahrestages der Katastrophe, räumte Michail Gorbatschow ein, dass der Reaktorunfall vielleicht die wirkliche Ursache für den Zusammenbruch der Sowjetunion fünf Jahre später war.

Auf der Filmdatenbank IMDb wurde Chernobyl kürzlich zur „besten Serie der Welt“ gekürt – noch vor dem früheren Spitzenreiter Game of Thrones. Wenig begeistert von diesem Erfolg ist das russische Staatsfernsehen. Dort plant man als Antwort eine eigene Produktion über das Reaktorunglück. Die Serie soll zeigen, was damals „wirklich geschah“, als amerikanische Geheimagenten das Vorzeige-Kraftwerk sabotierten. Man darf gespannt sein.
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„Chernobyl“, alle fünf Folgen verfügbar bei Sky, Abo (via Post und Eltrona) kostenpflichtig.  


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