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Kann man Klima auch malen?
Kultur 12 10 Min. 15.01.2013 Aus unserem online-Archiv

Kann man Klima auch malen?

Kultur 12 10 Min. 15.01.2013 Aus unserem online-Archiv

Kann man Klima auch malen?

Im Arp-Museum im deutschen Remagen wird die groß angelegte Ausstellung „Lichtgestöber“ gezeigt. Ausgangspunkt sind sechs impressionistische Winterlandschaften der Maler Claude Monet, Gustave Caillebotte und Alfred Sisley aus der „Sammlung Rau für Unicef“.

Von Martina Jammers

Im Arp-Museum wird die groß angelegte Ausstellung „Lichtgestöber“ gezeigt. Ausgangspunkt sind sechs impressionistische Winterlandschaften der Maler Claude Monet, Gustave Caillebotte und Alfred Sisley aus der „Sammlung Rau für Unicef“. Hinzu kommen 57 hochkarätige Leihgaben aus internationalen Museen mit Werken von Courbet, van Gogh, Gauguin, Pissarro, Rohlfs, Liebermann, Slevogt und Corinth, die den Winter in seinen vielfältigen Facetten schildern.

Die Ausstellung ermöglicht eine virtuellen Rundgang  über schneebedeckte Hügel und gefrorene Seen. Die New Yorker Fifth Avenue des Fotografen Alfred Stieglitz versinkt in heftigem Schneegestöber, und der Maler Albert Lebourg lässt mit seinem graublauen Farbdunst die feuchte Kühle über Notre-Dame de Paris förmlich spürbar werden.

Fülle an impressionistischen Winterlandschaften

Dreißig Jahre lang hielt Claude Monet den Winter fortlaufend fest. Alfred Sisley malte in den 1870er-Jahren fünfzig Mal Eis und Schnee. Camille Pissarro holte sich über hundert Mal kalte Füße in der eisigen Natur. ''Die Fülle an impressionistischen Winterlandschaften hat uns überrascht'', erinnert sich Oliver Kornhoff, Direktor des Arp- Museums. ''Neugierig geworden, erforschten wir die historischen Ursachen für dieses ‚Lichtgestöber‘ – und stießen in den Presseberichten der Zeit auf außergewöhnlich schneereiche und strenge Winter.“

Die Künstler firmieren gewissermaßen als Klimachronisten. Dieser Aspekt wird in der Ausstellung anhand von Zeitungsfotos und einer Klimakurve mit besonderem Fokus auf den Winter- und Wetterereignissen zwischen 1870 und 1890 beleuchtet.

Klimadiktator

Dass das Wetter beispielsweise in literarischen Texten eine enorme bedeutungstragende Rolle spielt, hat eindrücklich Büchner-Preisträger F.C. Delius in seiner Dissertation ''Der Held und sein Wetter'' nachweisen können.

Doch kann man Klima auch malen? Mit dieser Frage setzen sich die Potsdamer Klimaforscher Friedrich-W. Gerstengarbe und Peter C. Werner in ihrem Katalogbeitrag auseinander.

Sie können Courbets ''Winterlandschaft'' (1868) mit ihren dräuenden Tannen eindeutig als ''Klimaindikator'' verwerfen. Der Künstler hat stattdessen eine spezifische Witterung gemalt, ''denn so, wie das Bild gestaltet ist, kann man annehmen, dass es mehrere Tage geschneit hat und der Schnee auch noch einige Tage liegen bleiben wird. Unwahrscheinlich ist aber, dass sich dieser Zustand über Monate oder Jahre hinzieht.''

Kleine Eiszeit

Gleichwohl räumen die beiden Forscher ein, dass man Klima malen kann. Aber: nicht auf einem einzigen Bild! So erlauben die 60 Jahre auseinanderliegenden beliebten niederländischen Schlittschuh-Gemälde von Hendrick Avercamp (1610) oder von Salomon Ruysdael (um 1670) durchaus Aufschlüsse darüber, dass es über einen langen Zeitraum hinweg sehr kalte Winter gegeben haben muss.

Üblicherweise frieren die niederländischen Grachten und Seen nicht in diesem Ausmaß zu. Die Klimatologen sprechen von der sogenannten ''Kleinen Eiszeit''. Mit dem Ausklingen des Klima-Optimums im Hochmittelalter begann um 1300 der Abschwung hin zur Kleinen Eiszeit, die etwa bis 1850 dauerte.

Auch die riesigen Panoramen des Flamen Pieter Breughel (1525-1569) – etwa ''Heimkehr der Jäger'', das erste europäische Großgemälde mit Schnee-Sujet, oder  ''Der bethlehemitische Kindermord'' (beide 1565) – könnte sich einem klirrend-kalten Umfeld verdanken.

Maler  verarbeiten Kältephasen

Ging man bislang davon aus, dass die Kleine Eiszeit in der Mitte des 19. Jahrhunderts endete, so ist nicht zuletzt durch Zeitungen wie eben auch die Impressionisten-Winterbilder belegbar, dass die Maler außergewöhnliche Kältephasen aus ihrem Blickwinkel verarbeiteten.

So gilt der Winter 1879/80 in Paris als einer der strengsten seit Beginn der instrumentellen Aufzeichnungen.  Auch der Winter 1890/91 entpuppte sich als heftig. Selbst in Südfrankreich, etwa in Montpellier und Perpignan, wurden drastische Minusgrade erreicht.

Und noch zwei Jahre später, im Winter 1892/93 – wurden vielerorts Temperaturen unter –20 °C gemessen.  Dass sich die Maler einem solch spektakulären Motiv nicht verschlossen, liegt auf der Hand. Als besonders schneereich ging der Winter 1870/71 in die französische Geschichte ein. 

Schnee und Krieg

Bekanntlich hatte Frankreich am 19. Juli 1870 Deutschland den Krieg erklärt. In Fleury Chenus (1833-1875) damals entstandenem Gemälde ''Die Nachzügler – Schneewirkung'' leuchtet vor einem düster verhangenen Schneehimmel eine weite, tief verschneite Ebene auf, durch die ein Tross französischer Soldaten zieht. Begeistert äußert sich der Kunstkritiker Jules Castagnary über den Künstler, als das Bild im Sommer 1871 im Salon ausgestellt wurde: „Bis zu diesem Tag war er lediglich beschreibend; dieses Mal aber hat er es verstanden, (…) Emotionen zu wecken.“

Diese Wirkung erzielt Chenu durch genrehafte Einzelszenen sowie seinen raffinierten Bildaufbau, laufen doch die Soldaten geradewegs auf den Betrachter zu – aus dem Bild heraus. Chenus besondere Spezialität aber besteht in der Wiedergabe von Schnee in seinen mannigfaltigen Konsistenzen: mal pudrig-frisch auf Mauern und Feldern, dann als gefrorener Schneematsch auf einer stark befahrenen Straße. Bereits seine allererste Winterszene, die er im '''Salon'' von 1867 zeigte, fand einen prominenten Käufer: Alexandre Dumas. Das Gespür für Schnee verdankt sich zweifelsohne nicht zuletzt der Herkunft des Malers, der in Briançon in den Hautes-Alpes aufwuchs.

Als Nationalgardist malte Edouard Manet (1832-1883) im gleichen Jahr ''Effet de neige à Petit-Montrouge'': die winterlich verwehte Ansicht des Stadtviertels im 14. Arrondissement von Paris. Der gräuliche Himmel sowie die in einer ''schmuddeligen'' Melange aus Ocker, Braun und Weiß undefinierbare Lokalität künden von der düsteren Stimmung eines Kriegstages. Die Witterung wird damit auf die symbolische Metaebene gehoben. Es handelt sich überdies um eine der seltenen Landschaften in Manets Œuvre.

Monet verleiht dem Schnee Materialität

Bemerkenswert an der Rolandsecker Ausstellung ist, dass die Impressionisten eben nicht verschneite Gebirgslandschaften zeigten, vielmehr Orte im Norden Frankreichs, die aufgrund des maritimen Klimas kaum mit Schnee zu rechnen hatten. So wäre etwa Claude Monets ''La charrette. Route sous la neige à Honfleur'' (1867) wenig sensationell, wenn es sich um ein Dorf in den Alpen oder Pyrenäen handeln würde. Doch ist Honfleur ein Hafenstädtchen am Ärmelkanal. In pastosem Farbauftrag verleiht Monet (1840-1926) dem Schnee Materialität. Mit diesem Bild antizipiert er den Impressionismus, und tatsächlich eignet sich das Momenthafte der Eiskristalle ja ideal, um die Flüchtigkeit des Augenblicks zu beschreiben.

Interessant, wie sich der amerikanische Fotograf Alfred Stieglitz (1864-1946) im Jahre 1907 offensichtlich bei Monets Komposition bedienen wird, wenn er piktorialistisch einen ''Snapshot – In the New York Central Yards'' einfängt. Subtil übersetzt er Monets farbflirrenden Aggregatzustand der Wolke in zarte Grauwerte. In Stieglitz' Stadtansichten auf der Fifth Avenue, wo ein Kutscher energisch gegen peitschendes Schneegestöber kämpft, finden Camille Pissarros Montmartre-Szenen ein faszinierendes fotografisches Nachspiel. 

Cuvelier strebt Unschärfe an

Bewusst das während der Wintermonate nahezu touristenfreie Fontainebleau suchte indes Fotograf Eugène Cuvelier (1837-1900) auf, in das er mit seiner 20 Kilogramm schweren Fotoausrüstung stapfte, zu der neben der massiven Holzkamera auch ein Dunkelkammerzelt gehörte!

Dank des Einsatzes der hier lebenden Maler von Barbizon war der dortige Wald vor der staatlichen Rodung bewahrt und zum Naturschutzgebiet erklärt worden. Ihn faszinierten die Reflexe auf der wattigen Schneeoberfläche. Die notgedrungen langen Belichtungszeiten verhinderten, dass jedes Detail scharf wiedergegeben wurde, verursachte doch jeder Windzug einen zarten Schleier im Bild. Eben diese Unschärfe strebte Cuvelier an. 

''Weiß existiert nicht in der Natur“

''Warum sollte man den Schnee malen, diese Krankheit der Natur?'' fragte Auguste Renoir (1841-1919) ketzerisch und offenbar rhetorisch den Kunsthändler Ambroise Vollard. Denn in der Konzentration auf eine Schneedecke, die sämtliche sichtbaren Objekte gleichsam ''verschluckt'', erblickte Renoir eine Tugend. Die vermeintliche Einheitsfarbe, die dazu noch unter physikalischen Gesichtspunkten als ''Nicht-Farbe'' gilt, entspricht mitnichten der Wahrnehmung. „Weiß existiert nicht in der Natur“, belehrte Renoir im Jahre 1910 einen jungen deutschen Maler.

Auch wenn Renoir selbst nur drei Winterbilder schuf, hat er hiermit eine triftige Erklärung für die Faszination des Schnee-Sujets bei den Impressionisten geliefert. Schließlich bot dieses den Künstlern ein Element, das mit seinem Spektrum an Farbnuancen sensibel auf die Umgebung reagiert – und zugleich die Wirkung des Lichtes zu intensivieren vermag.

Winterlandschaft in gleißender Sonne

So hat Camille Pissarro in gleißender Sonne – wohl im Mittagslicht – seine Winterlandschaft gemalt. Die blauen Schatten unsichtbarer Bäume weben Muster auf den dichten weißen Schnee. Netzartig strecken sich die knorrigen Äste des alten Baumes in den rosa überhauchten Himmel. Als Paradoxon fasst der Maler seine Erkenntnis zusammen, die sein Bild gleichsam illustriert: ''Es gibt nichts Kälteres als die volle Sommersonne. Gerade das Gegenteil der Koloristen: Die Natur ist im Winter farbig und im Sommer kalt.“

In eisigen weißen, blaugrünen und schwarzen Fäden flirrt die frostige Kälte in Van Goghs Gemälde ''Verschneites Feld mit Egge'' (1890) über eine weite Ebene und umspült geradezu Egge und Pflug.

Für Monet avanciert das Licht zum Generalthema

Der Titel der imposanten Schau „Lichtgestöber“ – dem bislang umfangreichsten Projekt des fünf Jahre jungen Museums – trifft auf kaum jemanden so nachhaltig zu wie auf Monet, für den das Licht zum Generalthema avancierte, dem er in all seinen Reflexionen nachging.

Welch ein Glücksfall, dass sich nun in Rolandseck die hauseigene Fassung der ''Häuser im Schnee in Norwegen'' mit derjenigen vom Pariser Musée Marmottan Monet (beide 1895) direkt vergleichen lassen: Die unermessliche Weite Norwegens wird hier fühlbar.  Demgegenüber ist beim Pariser Bild das Schneetreiben einem vielfarbig orchestrierten Abendrot gewichen, das von blassem Blaugrün bis hin zu kräftigem Orange-Gelb über den Horizont zieht.

Die thüringische Felderlandschaft von Edvard Munch

Edvard Munch (1863-1944) wiederum verwandelt in seinem Thüringer Gemälde ''Schneeschmelze bei Elgersburg'' (1906) die beim Kollegen Monet geschätzten Farbtupfer in breite Schlieren, die nun in sattem Rot, Grün und Gelb über die Landschaft streifen. Die thüringische Felderlandschaft mutiert zum Seelengemälde.

Einer seiner Freunde schrieb in den 1890er-Jahren: ''Munch brauchte nicht nach Tahiti zu fahren, um das Primitive in der menschlichen Natur kennenzulernen. Er trug sein eigenes Tahiti in sich.“

Auch die deutschen Impressionisten Max Liebermann, Lovis Corinth und Max Slevogt kultivierten die winterlichen Aspekte ihrer favorisierten Lebensräume: Liebermann den Berliner Tiergarten mit Schlittschuhfreuden, Corinth seinen Zweitwohnsitz am bayrischen Walchensee und Slevogt die pfälzischen Weinberghänge. Sein  ''Blick auf Klingenmünster im Spätherbst mit Schnee'' dokumentiert den ersten Schneefall des Jahres.

Mit der Neugierde eines Naturforschers

Derartige Motive hatten es auch Albert Renger-Patzsch (1897-1966) angetan, dem Fotografen der Neuen Sachlichkeit. Mit der Neugierde eines Naturforschers und einem untrüglichen Gespür für Kontraste untersucht er mit der Kamera den Mikro- und Makrokosmos seiner Landschaft, nimmt schneeweiße Uferböschungen an Mosel und Ruhr, gewachsene Geometrien und schmelzende Schneepfützen in den Blick.

Lovis Corinth hatte durch seine ostpreußische Kindheit mit ausschweifenden Schlittenfahrten ein besonders inniges Verhältnis zum Schnee. In seinem Malerei-Lehrbuch konstatiert er, ''wie der Schnee bei trockenem Wetter hart und fest wirkt mit blauen Schatten, dagegen wieder anders bei tauender Witterung.“ Wie eine Illustration zu dieser Beobachtung wirkt Christian Rohlfs (1849-1938) ''Waldweg im Winter“: Der Schneewall, der die dargestellte Chaussee säumt, schimmert auf der Schattenseite in einer fein abgestuften Palette von Taubenblau über Kobalt bis Türkis, die in ihrer Struktur der ''taches'' an Cézanne erinnert – und die Schwelle zur Abstraktion streift.

Der Schöpfer des Arp-Museums, Richard Meier, dessen Markenzeichen weiße Gebäude sind, machte sich die erstaunliche Bandbreite der Nicht-Farbe Weiß zunutze – und ist dabei keineswegs an den Winter gebunden: ''Man kann in ihr alle Farben des Regenbogens sehen, und es spiegelt die sich wandelnden Farben der Jahreszeiten wider.''

„Lichtgestöber – Der Winter im Impressionismus“ ist bis 14. April 2013 im Arp-Museum Bahnhof Rolandseck zu sehen. Der Katalog erschien im Kerber Verlag und kostet 39,95 Euro, im Museum 35 Euro.

Infos: www.arpmuseum.org