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Jeff Mack: Ein Sänger und seine zwei Stimmen
Kultur 6 Min. 08.01.2021 Aus unserem online-Archiv

Jeff Mack: Ein Sänger und seine zwei Stimmen

Der Sänger Jeff Mack hat eine große Leidenschaft für die Barockmusik.

Jeff Mack: Ein Sänger und seine zwei Stimmen

Der Sänger Jeff Mack hat eine große Leidenschaft für die Barockmusik.
Foto: Privat
Kultur 6 Min. 08.01.2021 Aus unserem online-Archiv

Jeff Mack: Ein Sänger und seine zwei Stimmen

Thierry HICK
Thierry HICK
Jeff Mack gibt am Sonntag mit dem OCL auf der Cape-Bühne ein Neujahrskonzert – ohne Publikum, aber live gestreamt.

Der Countertenor Jeff Mack, das Orchestre de chambre du Luxembourg und die drei weiteren Solisten Véronique Nosbaum (Sopran), Alexander Gebhard (Tenor) und Antonio Di Martino (Bass) unter der Leitung von Peter Whelan laden zum Neujahrskonzert im Ettelbrücker Cape ein. 

Die leichte Lockerung der Pandemie-Beschränkungen im kulturellen Leben wurde zwar am Dienstag angekündigt, doch das neue Gesetz tritt erst am Montag, dem 11. Januar, in Kraft. So muss das Konzert am Sonntag noch ohne Publikum stattfinden und als Live-Stream übertragen werden. Auf dem Programm stehen eine Kantate und Auszüge aus Bachs „Weihnachtsoratorium“, Passagen aus Händels „Messiah“ und Vivaldis-Concerto „Winter“ aus den „Vier Jahreszeiten“.

Gerade diese drei Komponisten sind und bleiben für Jeff Mack ein tägliches Brot, auf das er nicht verzichten will. „Es sind so viele Werke von diesen Meistern überliefert worden, dass kein Weg an ihnen vorbeiführt“, unterstreicht der Musiker, der jedes Jahr quer durch Europa tourt, „um an Aufführungen des Weihnachtsoratoriums teilzunehmen“.


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Was ihn so besonders an der Barockmusik interessiert, seien vor allem „die verschiedensten Klangfarben, die zur Essenz dieser Musik gehören. Ich kann mir ein Werk von Bach hundert Mal anhören, und doch entdecke ich immer wieder Neues. Dabei hat jeder Komponist aus der Barockzeit in seinen Arbeiten einen eigenen, persönlichen Umgang mit der menschlichen Stimme gesucht. Bei Bach zum Beispiel ist die Stimmführung sehr instrumental gedacht. So sind Arien von Bach oder Händel grundverschieden.“

Ein Konzert ist immer ein Spiel von Geben und Nehmen. Eine echte Verbindung zum Publikum aufzubauen macht so viel Spaß.

Jeff Mack, Sänger/Trompeter/Dirigent

Eine Rarität

Dass der Sänger seine Vorliebe für die Barockzeit pflegt, hat eben auch mit seiner eigenen Stimme zu tun. Jeff Mack ist Countertenor: eine absolute Rarität in Luxemburgs Musikmikrokosmos. Das Repertoire für diese Stimmlage ist eng an diese Epoche der Musikgeschichte gebunden. Neben einer fundiert fachausgebildeten Stimme müsse ein Musiker, der sich im barocken Umfeld bewegen will, ein musikalisches Verständnis dieser Zeit entwickeln, die Kompositionstechniken kennen und die biblischen Kontexte der Partituren verstehen können, unterstreicht Jeff Mack. Bei Opern und Oratorien – zwei Gattungen, die in der Barockzeit aufblühten – müsse sich der Interpret sich in seine Rolle und die Handlung hineinversetzen können.

Ein Countertenor ist meistens ein Sänger, dessen Stimmlage einer Alt-Frauenstimme entspricht. Spricht Jeff Mack, lässt seine mitteltiefe, kräftige Stimme nicht erahnen, dass er beim Singen ganz andere Tonhöhen und Klangfarben erreichen kann.

Wie kam es zu dieser besonderen Stimmausformung? Im 17. und 18. Jahrhundert, einer Zeit, in der Frauen sich nicht solistisch im Kirchengesang beteiligen durften, wurde auf Stimmen pubertärer und kastrierter Jungen zurückgegriffen. Diese gefährliche Praxis, die zwar bedeutende Künstler hervorgebracht hat – unter ihnen Farinelli – gehört heute zum Glück der Vergangenheit an. Jeff Macks Weg zum Countertenor war schon fast eine zufällige Entdeckung.

Mit Knabensolo Richtung Karriere

„Mit acht Jahren begann ich mit dem Solfège und dem Chorsingen. Mein Lehrer Jeannot Sanavia riet mir, mal bei Rosch Mirkes vorzusingen. Bis zum Alter von 12 Jahren sang ich als Sopran in der Chorale des jeunes du Conservatoire du Nord mit Rosch Mirkes und Martin Folz. Als 2003 eine großangelegte Aufführung des Oratoriums ,Elias’ von Mendelssohn geplant war, wurde eine Stimme für die bekannte Knabenpassage gesucht. Die wird üblicherweise von einer Sopranistin gesungen; hier sollte jedoch ein männlicher Sänger diesen Part übernehmen. 

Zwei Kandidaten kamen in Frage. Nachdem der Erste kurze Zeit später in den Stimmbruch kam, erhielt ich das Solo. Marc Jacoby, der Leiter des Konservatoriums, und die Gesanglehrerin Mariette Lentz waren begeistert. Mit 14 Jahren begann ich dann mit dem Gesangunterricht. Ich sollte mit meiner Sopranstimme weitermachen so lange es möglich wäre. Und sogar nach dem Stimmbruch war meine Stimme in höheren Lagen noch immer kraftvoll und hatte mehr Ausdruck als meine Bariton-Stimme. Mein Altus hatte dann einfach viel mehr Potenzial. Heute bin ich froh, dass ich meine zwei Stimmfächer stabilisieren konnte.“

Foto: Pierre Weber

Die weitere Gesangsausbildung an Johannes Gutenberg-Universität in Mainz sollte für ihn danach die richtige Entscheidung sein. Der 31-Jährige ist noch heute Schüler des Professors Andreas Karasiak in der Gutenberg-Stadt am Main.

Obwohl ihn die Kompositionen von Bach und Co. nie langweilen, will Jeff Mack aber auch den Kontakt zur zeitgenössischen Musik nicht missen. „Zahlreiche Komponisten schreiben heute noch Werke für meine hohe Stimmlage“, freut sich der Countertenor, der regelmäßig mit dem Frankfurter Komponisten Michael Stell zusammenarbeitet.

Fan einer A-cappella-Metal-Band

Richtig krachen darf es auch schon mal: Mack ist begeisterter Fan von „Van Canto“, einer deutschen A-cappella-Metal-Band. Er brauche eben auch Musik, bei der er „beim Singen richtig entspannen kann“. Das gilt auch für das vor kurzer Zeit von ihm mitbegründete das Ensemble „Sing4You“: Mit dabei sind Benedikt Wesner (Bass), Macks Ehefrau Joëlle Wiseler (Alt) und seine einstige Gesanglehrerin Mariette Lentz sowie der Klavierbegleiter Philippe Beaujout. 

„In dieser Besetzung, in der ich Tenor singe, haben wir hauptsächlich Pop im Programm. Das ist Repertoire, das den Kopf so richtig befreit. Und dann kann ich mich wieder mit frischem Elan der Barockmusik widmen.“

 Für Jeff Mack ist sein Lehrauftrag als Trompetenlehrer auch „eine finanzielle Stütze in diesen schwierigen Zeiten“. ⋌Foto: privat
Für Jeff Mack ist sein Lehrauftrag als Trompetenlehrer auch „eine finanzielle Stütze in diesen schwierigen Zeiten“. ⋌Foto: privat
Foto: Jang Gaspart

Damit nicht genug: Mack ist auch noch ausgebildeter Trompeter und unterrichtet das Instrument am hauptstädtischen Konservatorium. „Das ist schon eine finanzielle Stütze in diesen schweren Zeiten. Es geht auch ums Überleben“, unterstreicht der Musiker, der seit März 2020 kein Konzert mehr geben konnte. „Dabei brauche ich die Bühne. Ein Konzert ist immer ein Spiel von Geben und Nehmen. Eine echte Verbindung zum Publikum aufzubauen, macht so viel Spaß.“


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Am Sonntag im Cape werden der Countertenor und seine Mitmusiker sich noch mit einem Auftritt im Live-Stream-Format begnügen müssen. „Da fehlt eben genau dieses Feedback des Publikums. Dazu kommt noch ein weiteres Risiko: Wird so nicht der allgemeine Wert der Kultur, die zwar greifbarer geworden ist, dabei gefährdet? Das generelle Konsumverhalten des Publikums verändert sich so und die Frage kommt auf, ob die Zuschauer wirkliche wieder einen Konzertsaal besuchen wollen. So Live-Stream-Konzert ist für mich als Musiker fast schon eine leichte Form der Prostitution“. Und doch ist ihm bewusst, dass er eben nun damit leben muss.

Der Sohn eines Elektrikers schloss noch in seinen Lycée-Jahren eine Ausbildung in den „communications électroniques“ ab und liebäugelte zwischenzeitlich mit dem Beruf des Tontechnikers. Diese Technikpassion ist heute noch präsent: Mack ist Mitbegründer eines Ton- und Lichtverleihbetriebs. „Ich mache das aus reinem Spaß.“ Wenn er nicht gerade in seiner Firma sitzt, auf einer Bühne singt oder unterrichtet, kann es auch vorkommen, dass der Countertenor einer weiteren Nebenbeschäftigung nachgeht: der Chorleitung. „Ich leite zwar aktuell kein Ensemble – aber ich mag das Dirigieren. Einfach, weil ich meine Begeisterung für die Musik weitergeben und mit anderen Menschen teilen will.“

Cape-Neujahrskonzert wird am Sonntag, dem 10 Januar, ab 17 Uhr live gestreamt. Infos: www.cape.lu 

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