Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Janine Jansen: "Musik ist nicht auf einen Weg festgelegt"
Kultur 2 6 Min. 13.09.2019

Janine Jansen: "Musik ist nicht auf einen Weg festgelegt"

Ob sie nun mit einem Orchester oder nur mit einem Musikerkollegen spielt: Für Janine Jansen kommt es beim Musizieren auf eine echte und offene Kommunikation an.

Janine Jansen: "Musik ist nicht auf einen Weg festgelegt"

Ob sie nun mit einem Orchester oder nur mit einem Musikerkollegen spielt: Für Janine Jansen kommt es beim Musizieren auf eine echte und offene Kommunikation an.
Foto: Janine Jansen
Kultur 2 6 Min. 13.09.2019

Janine Jansen: "Musik ist nicht auf einen Weg festgelegt"

Die preisgekrönte Violinistin Janine Jansen gibt am kommenden Dienstag ein Gastspiel in der Philharmonie. Danach begleitet sie das OPL als Solistin auf der Südamerika-Tournee. Über künstlerische Ringkämpfe.

Von Christoph Forsthoff 

Die Niederländerin Janine Jansen zählt nicht nur daheim zu den größten Stars ihres Landes. Die 41-Jährige, ebenso selbstbewusste wie natürliche Frau mit dem ansteckenden Lachen spielt Violine – und zwar derart voll und strahlend im Klang, dass ihr das Publikum von Europa bis Amerika zu Füßen liegt. Vor ihrem Gastspiel beim Orchestre Philharmonique du Luxembourg, das sie auch als Solistin auf der Südamerika-Tournee kommende Woche begleiten wird, hat das „Luxemburger Wort“ die Geigenspielerin getroffen.

Janine Jansen, ob Winter oder Sommer – auf der Bühne zeigen Sie eine Vorliebe für schulterfreie Abendkleider…
Es ist einfach wichtig, sich bewegen zu können – müsste ich etwa in einem Blazer spielen, dann wäre das viel schwieriger. Fast genauso wichtig ist allerdings, nicht bei jedem Auftritt das gleiche Kleid zu tragen. (lacht)

360 Videos werden hier nicht unterstützt. Wechseln Sie in die Youtube App, um das Video anzusehen.

Ein Faible, das sicher auch Ihre Plattenfirma freut, verpassen doch Musiklabels Geigerinnen schon aus Promotion-Gründen gern ein bestimmtes Image – wie sieht denn das Ihre aus?
Ich kann mit dem Begriff Image wenig anfangen… ja, für mich klingt es auf eine bestimmte Weise negativ, denn Image ist etwas, das einem übergestülpt wird. Ein solches Image möchte ich aber gar nicht haben – ich bin ich! Natürlich verkörpere ich auf den Cover-Fotos meiner CDs ein Image – aber das ist doch nur für das Foto! Nein, über ein Image für mich denke ich gar nicht nach – und ich möchte auch nicht, dass meine Plattenfirma für mich darüber nachdenkt.

Wie sind Sie denn?
Das ist sehr schwierig. Musikalisch sind für mich Emotionen unglaublich wichtig, und diese Gefühle möchte ich auch immer in einer spontanen und unmittelbaren Art ausdrücken.

Janine Jansen tritt am kommenden Dienstag in der Philharmonie auf. Mit dem OPL spielt sie unter dem Dirigat von Gustavo Gimeno Stücke von Schubert, Tschaikowski und Brahms.
Janine Jansen tritt am kommenden Dienstag in der Philharmonie auf. Mit dem OPL spielt sie unter dem Dirigat von Gustavo Gimeno Stücke von Schubert, Tschaikowski und Brahms.
Foto: Janinen Jansen

Wenn der visuelle Eindruck nicht im Mittelpunkt stehen soll, wie versuchen Sie dann, Ihr Publikum zu überwältigen?
Zu allererst: Begeisterung wecke ich nicht mit meinem Aussehen. Vielmehr geht es darum, Musik zu machen, dem Publikum Emotionen zu vermitteln und zwar auf eine ganz natürliche Art und Weise. Zudem ist es wichtig, offen gegenüber den anderen Musikern auf der Bühne zu sein und spontan auf sie zu reagieren, denn am Ende sollte ein einziges Ziel stehen: die Musik möglichst unmittelbar und überzeugend dem Publikum nahezubringen.

In Luxemburg treten Sie als Solistin mit Orchester auf, doch ebenso häufig sind Sie auch als Kammermusikerin zu erleben – was ziehen Sie vor?
Keines von beiden, mir ist beides gleich lieb – das ist jetzt ziemlich langweilig, nicht wahr? Aber wenn die anderen sehr kommunikativ sind und man gegenseitig aufeinander reagiert, ist es ganz gleich, ob man mit einem Orchester spielt oder nur mit einem Musikerkollegen. Denn selbst mit einem großen Orchester ist musikalische Intimität möglich – auch wenn es natürlich einfacher ist, zwei oder drei Menschen auf eine Linie zu bringen als 80 Menschen.


„Die Elbphilharmonie, ein Bonus“
Von Hamburg nach Ettelbrück: Luxemburgerin Amanda Kleinbart mit Quintett im CAPE zu Besuch.

Zumal mancher Orchestermusiker einem Solisten auch erst einmal skeptisch begegnet.
Aber das ist auch die Herausforderung: zu einem Orchester zu kommen, einander kennenzulernen und miteinander zu spielen. Von Anfang mache ich stets klar, dass ich nicht als Solistin, sondern als Musikerin da bin und jeden einladen möchte, miteinander Musik zu machen. Und wenn alle dafür wirklich offen sind, dann können selbst Repertoirestücke zu etwas ganz Besonderem werden.

Nun geht man ja an ein Werk nicht immer mit denselben künstlerischen Vorstellungen heran – ist es schwieriger, sich gegen einen Dirigenten durchzusetzen oder gegen einen Kammermusikpartner?
Das hängt ganz von den Musikern ab und ihren Einstellungen. Dass jemand auf seinem Standpunkt beharrt, kann ebenso mit einem Dirigenten passieren wie mit einem Pianisten, Cellisten oder Geiger. Ich persönlich mag solch eine Sturheit aber grundsätzlich nicht: Musik ist nun einmal nicht auf einen einzigen Weg festgelegt – mein ehemaliger Geigenprofessor hat mich gelehrt, stets verschiedene, überzeugende Wege für jede einzelne Phrase zu suchen. Und entsprechend schätze ich am meisten die künstlerische Flexibilität.

Nimmt die mit dem Alter ab?
Vielleicht ist es in der Tat auch eine Frage der Generation, wenn ich an meine eigenen Erfahrungen denke – nicht nur bei den Dirigenten, sondern auch in der Kammermusik. Natürlich bin ich sehr glücklich, mit älteren Kollegen zusammenzuarbeiten, denn sie bringen einen großen Erfahrungsschatz mit. Doch zugleich kann es auch schwieriger sein als mit jungen Kollegen, etwa wenn man ihnen sagen möchte: Lass uns doch einmal dieses oder jenes ausprobieren, denn die denken natürlich: Dann zeig‘ mir doch erst einmal, dass du spielen kannst, bevor wir hier anfangen über Musik zu diskutieren.

Musik ist nun einmal nicht auf einen einzigen Weg festgelegt. Am meisten schätze ich die künstlerische Flexibilität.


Fällt es Ihnen schwer nachzugeben bei solchen künstlerischen Diskussionen?
Auch das hängt sehr vom Gegenüber ab. Wenn etwas so stark meiner Natur widerstrebt, dass ich einfach nicht fähig wäre, ein Werk auf eine bestimmte Art überzeugend zu musizieren, dann kann das Ganze auch schon einmal zu einem kleinen Ringkampf werden – wobei: Solch ein Kampf ist selbst mit meinen engsten Kammermusikpartnern nicht ausgeschlossen, denn auch dort herrscht keineswegs immer Friede, Freude, Eierkuchen.


Schostakowitsch bis zum Feinschliff: Jugendliche und Berufsmusiker des OPL proben im Konservatorium der Stadt.
Umgeben vom vollen Klang der Profis
"Side by side" spielen Musikschüler und Luxemburger Philharmonieorchester an diesem Samstagabend in Philharmonie. Bei den Proben konnten die jungen Musiktalente einiges von den Profis lernen.

Beeinträchtigt solch eine Auseinandersetzung dann die Güte der Interpretation?
Wir machen Musik, weil Musik unsere Leidenschaft ist – und insofern kämpfst du natürlich auch für das, woran du glaubst. Doch bei aller Überzeugung von der und bei allem Glauben an die eigene Idee, was zählt, ist die Art des Kampfes – und da ist letztlich immer wieder die Offenheit dem und den anderen gegenüber entscheidend.

Nun beschränkt sich Musik ja bei Ihnen nicht allein aufs Spielen, Sie haben mehr als 13 Jahre bei Ihrem eigenen Kammermusik-Festival in Utrecht selbst Programme konzipiert – fallen selbige bei einer Musikerin anders aus als bei nicht konzertierenden Dramaturgen?
Wenn ich mir ein Programm überlege, stelle ich dies nie unter ein Motto, sondern mich interessiert, was die beteiligten Künstler gern spielen möchten. Natürlich habe ich ein grobes Konzept, aber ich diskutiere mit ihnen darüber und nehme ihre Ideen auf. Vor allem aber: Wir spielen Stücke, die wir lieben und versuchen, immer auch unbekannte oder selten gehörte Werke aufzuführen.

360 Videos werden hier nicht unterstützt. Wechseln Sie in die Youtube App, um das Video anzusehen.

Wer Ihre Leidenschaft für die Musik auf der Bühne oder auch hier im Gespräch erlebt, kann sich kaum vorstellen, dass Sie Ihre Geige jemals mehr als einen Tag aus der Hand legen…
Oh, doch, das schaffe ich schon – jeweils eine Woche im Januar und eine Woche im Sommer. Es ist einfach wichtig, den Fokus auch einmal auf etwas ganz anderes zu richten: Nicht allein, einmal nicht zu üben, sondern auch den Kopf frei zu bekommen von allem, was mit Musik zu tun hat, denn es gibt immer zahlreiche Sachen, die getan werden könnten. Und da versuche ich dann einfach, gänzlich abzuschalten. In der Vergangenheit hat das oft gut funktioniert, wenn ich in die Berge gefahren bin.


Ein Stück Luxemburger Kulturgeschichte
Die Maîtrise Sainte-Cécile de la Cathédrale de Luxembourg feiert 175. Geburtstag.

Sofern denn Ihr Mann, der ebenfalls Musiker ist, auch sein Instrument beiseite legt – wie kommt es eigentlich, dass Musiker oft mit anderen Musikern liiert sind?Natürlich versteht man sich sehr viel besser, weil man den Lebensstil des anderen kennt. Doch vor allem sind es gewöhnlich die Menschen, die wir kennenlernen können, weil man sich eben im Konzertleben trifft, gemeinsam auf der Bühne steht oder eine Tour zusammen unternimmt – denn daneben haben wir normalerweise ja gar keine Zeit, jemanden kennenzulernen.

Engt das aber nicht den Blick auch ein, wenn beide Musiker sind – und man vermutlich dann ständig über Musik spricht?
Nein. Klar: Wenn man mehr als 100 Konzerte im Jahr spielt und sich dann ein paar Tage im Monat sieht, ist Musik natürlich auch ein Thema, über das man spricht – zumal es für eine Beziehung sehr wichtig ist, das Leben des anderen zu teilen und nicht nur ihn zu treffen. Aber daneben geht es auch um den ganz normalen Alltag, geht es nicht um ihn als Musiker, sondern um ihn als Menschen: Ja, wäre er ein Zimmermann, vermutlich wäre ich ebenso glücklich.
_______
Philharmonie am Dienstag, 20 Uhr: Janine Jansen spielt mit dem OPL unter dem Dirigat von Gustavo Gimeno Stücke von Schubert, Tschaikowski und Brahms. Karten 30 bis 65 Euro.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Junge Stimmen auf Tour
Das Vokalensemble des Collegium musicum Bonn kommt zu zwei Konzerten nach Luxemburg. Die Sängerin Michèle Frantz stammt aus Diekirch und zeigt ihren Mitsängern ihre Heimat.
Michèle Frantz hat Diekirch verlassen und studiert in Bonn. Als Sängerin des Vokalensembles des Collegium musicum Bonn kommt sie nun für einen musikalischen Abstecher zurück.
Noten und Geigen statt Krieg und Angst
Musik als Seelentröster: Drei Musiker des OPL sind für die gute Sache in Athen unterwegs. Sie fahren in Flüchtlingscamps und geben kostenlosen Musikunterricht für Jungen und Mädchen. Die Erlebnisse im Blog.
Irène Chatzisavas (links), eine der OPL-Violinistinnen, gibt Flüchtlingskindern in der Klasse von Giannis Ismirnioglou (hinten) Tipps.
Umgeben vom vollen Klang der Profis
"Side by side" spielen Musikschüler und Luxemburger Philharmonieorchester an diesem Samstagabend in Philharmonie. Bei den Proben konnten die jungen Musiktalente einiges von den Profis lernen.
Schostakowitsch bis zum Feinschliff: Jugendliche und Berufsmusiker des OPL proben im Konservatorium der Stadt.