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Irrfahrt zwischen Freund und Feind
Kultur 1 3 Min. 25.11.2018

Irrfahrt zwischen Freund und Feind

Überall lauert Verrat und Personenschützer David Budd (Richard Madden) ist mittendrin.

Irrfahrt zwischen Freund und Feind

Überall lauert Verrat und Personenschützer David Budd (Richard Madden) ist mittendrin.
Foto: World Productions
Kultur 1 3 Min. 25.11.2018

Irrfahrt zwischen Freund und Feind

Marcel KIEFFER
Marcel KIEFFER
Unsere Zapping-Serien-Kritik der Woche: Seit „Downton Abbey“ hat keine Serie das britische TV-Publikum so sehr in Atem gehalten wie „Bodyguard". Die neue Serie über London im Terrorfieber verbindet hohe Qualität und geballte Kompetenz.

Seit „Downton Abbey“ hat keine Serie das britische TV-Publikum so sehr in Atem gehalten wie diese. Im vergangenen August auf BBC One gestartet, brach der Politthriller „The Bodyguard“ auf Anhieb alle Quotenrekorde auf der Insel und brachte den Hauptakteur Richard Madden in der Rolle der Titelfigur David Budd sogar ins Gespräch für den künftigen Agenten im Dienst Ihrer Majestät, 007 alias James Bond – was in Großbritannien als die wohl höchste Auszeichnung für einen männlichen Agentendarsteller gilt.

Kein Wunder, dass der Streaminggigant Netflix sich diese Gelegenheit nicht entgehen ließ und die von bis zu 10,4 Millionen Zuschauern pro Folge verfolgte Miniserie schnurstracks unter das eigene Label nahm.

Tatsächlich kommt bei dieser Erfolgsproduktion viel geballte Kompetenz zusammen, vom Autor Jed Mercurio („Line of Duty“) über die Regisseure Thomas Vincent („Versailles“) und Peter Strickland bis zum sehr anspruchsvollen Casting, aus dem neben Richard Madden – er glänzte in „Game of Thrones“ und stand mit Kenneth Branagh auf der Shakespeare-Bühne – u. a. Gina McKee, Paul Ready („The Terror“) und Keeley Haws herausragen.

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Und die Handlung bringt dabei all das zusammen, wofür britische Serienproduktionen ohnehin stehen: Spannung, Action, persönlichen Realismus und einen gehörigen Schuss Lokalkolorit. Den äußeren Rahmen geben in diesem Fall die Kulissen und Hinterzimmer der britischen Regierung ab sowie die offenen und verdeckten Intrigen zwischen Polizei und Geheimdienst vor dem Hintergrund einer Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus.

Ein konfliktreiches Dickicht

Zentrale Figur ist David Budd, ein polizeilicher Personenschützer mit herrlich sattem schottischen Akzent im Dienst der britischen Regierung, doch auch und vor allem ein traumatisierter Afghanistanveteran, dessen Ehe auf der Kippe steht. Seine persönliche Stresssituation erfährt eine ganz neue Dimension, als er für die persönliche Sicherheit der Innenministerin Julia Montague (Keeley Haws) zuständig wird, eine nach außen hin wohl attraktive, aber kühle und abweisende und vor allem berechnende Politikerin, die für eine Verschärfung der Sicherheits- und Abhörgesetze steht.

Doch gilt sie ebenso als Rivalin des britischen Premierministers und somit als politische Bedrohung in den eigenen Parteikreisen. Dies ruft wiederum Rivalitäten zwischen der Polizei und dem Geheimdienst auf den Plan, und bald schon entsteht im Kontext alltäglicher terroristischer Bedrohungen und einsetzender Anschläge ein Dickicht an verwirrenden Zusammenhängen und Verdächtigungen, die kaum noch erkennen lassen, wo Freund und Feind sind. Einen besonderen Raum nimmt dabei die Beziehung zwischen der Innenministerin und ihrem Bodyguard ein, wo anfänglich ebenso Distanz und Misstrauen bestimmend sind.

Neben dem politischen Kontext gewinnt in dieser packenden sechsteiligen Serie immer mehr auch die menschliche Dimension an Raum. Sehr geschickt wird dabei auch der moralische Konflikt von Leibwächter David Budd thematisiert, der die politischen Ansichten der Ministerin nicht teilt, aber ihr beruflich und auch menschlich bald immer näher kommt. Über allem schwebt dabei ein leiser Verdacht von Missbrauch und Verrat, bis ein schreckliches Attentat neue, weitere Fragen und Verdächtigungen aufwirft, bis hin zur Rolle, die der „Bodyguard“ dabei selbst spielt.

Überraschende Effekte

Überhaupt gehört neben der sehr gelungenen Charakterzeichnung der Figuren die atmosphärische Dichte zu den Stärken dieser Serie. Sie wechselt wiederholt von langsamen verschwörerischen, an manche Spionagethriller erinnernden Passagen zu plötzlichen actiongeladenen und mitreißenden Szenen, ehe sie wieder in betulichere charakterliche Tiefen eintaucht und dabei doch immer wieder neue, überraschende Effekte hervorruft.

„The Bodyguard“ ist eine sicher nicht perfekte – der Griff in die Stereotypenkiste ist manchmal ebenso ärgerlich wie ein zuweilen verwirrender Hang zur thematischen Komplikation –, aber trotz allem hervorragende und dabei gleichsam spannende und überzeugende Produktion, deren nervenkitzelnder Reiz vor allem darin liegt, dass das Gezeigte durchaus plausibel und realistisch erscheint. Die Botschaft ist letztlich umso beängstigender und die Hoffnung auf eine (noch nicht beschlossene, aber wahrscheinliche) nächste Staffel völlig begründet.
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„Bodyguard“ ist als sechsteilige Miniserie auf Netflix abrufbar.


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