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Interaktives „Bandersnatch“ erweist sich als Rohrkrepierer
Stefan Butler (Fionn Whitehead) ist der Protagonist der „interaktiven“ Folge.

Interaktives „Bandersnatch“ erweist sich als Rohrkrepierer

Foto: Netflix / Black Mirror
Stefan Butler (Fionn Whitehead) ist der Protagonist der „interaktiven“ Folge.
Kultur 1 2 Min. 10.02.2019

Interaktives „Bandersnatch“ erweist sich als Rohrkrepierer

„Bandersnatch“ in der Zapping-Serienkritik der Woche: Netflix präsentierte kürzlich eine aufwendig produzierte Serie, in der die Zuschauer über den Lauf der Handlung bestimmen. Ein viel diskutiertes Experiment, dessen Ergebnis aber bestenfalls langweilt. Ist das die Zukunft des Serien-Schauens?

VON KATHRIN KOUTRAKOS - Wer seine Fernsehsozialisation lange vor der Internet-Ära erfahren hat, erinnert sich daran, wie einfach alles einmal war. Seitdem die Streaming-Dienste die abendliche Unterhaltung maximal individualisiert haben, ist das abendliche Fernsehen als gesellschaftliches Lagerfeuer passé.

Doch während man sich bislang zumindest noch über Serien austauschen konnte, die das Gegenüber ebenfalls gesehen hatte, bröckelt nun auch diese Sicherheit. Mit „Bandersnatch“, einer Folge der Erfolgsserie „Black Mirror“, hat Regisseur David Slade ein neues Genre aus der Taufe gehoben: Die interaktive Serie, bei der die Zuschauer individuell entscheiden, welchen Lauf die Handlung nimmt – jeder sieht hier (zumindest in der Theorie) einen anderen Film.

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Das Prinzip ist dabei freilich nicht neu. In den 1980er-Jahren erfreuten sich sogenannte Spielbücher mit derselben Idee großer Beliebtheit. Nach jedem Abschnitt wurde der Leser vor die Frage gestellt, welche Entscheidung der Held treffen soll und zum Weiterlesen auf die entsprechende Seite verwiesen. Verschiedene Versionen und alternative Enden koexistierten friedlich zwischen zwei Buchdeckeln.

Genau so, allerdings durch bequemes Klicken statt umständlichen Seitenblätterns, funktioniert auch „Bandersnatch“.

Die Handlung kreist um den jungen Programmierer Stefan Butler (Fionn Whitehead), der eine visionäre Idee für ein interaktives Computerspiel hat: Der Spieler soll selbst zwischen unterschiedlichen Optionen wählen können – eine von vielen verschachtelten Referenzen, mit denen das Format sich laufend selbst thematisiert.

Zwölf mögliche Enden

Der Zuschauer begleitet ihn bei diesem Vorhaben und kann dabei nicht nur entscheiden, was Stefan Butler frühstückt und welche Musik er im Bus hört, sondern auch weitreichende Entscheidungen für ihn treffen – ob er den Vertrag beim großen Spielelabel unterschreibt, wie er sich zum frühen Tod seiner Mutter verhält, auf welche Anweisungen seines Vaters er hört. Die angeklickte Option bestimmt den weiteren Verlauf des Geschehens.

Möglich machen das fünf Stunden Filmmaterial, 250 Kapitel und zwölf mögliche Enden – bei 90 Minuten durchschnittlicher Spielzeit. Der Zuschauermehrwert dieses Experiments: eher bescheiden.

Die Möglichkeit, als Zuschauer zwischen vorgefertigten Kapiteln wählen zu können, mag als technische Spielerei zunächst faszinieren, auf Dauer lassen die ständigen Unterbrechungen und die generell schwache erzählerische Kraft aber keinen Sog entstehen.

Verleidete Seherfahrung

Dies ist vor allem dann unbefriedigend, wenn beschrittene Wege im Nichts versanden. Die Idee eines interaktiven Kunstwerks ist ein Produkt der Postmoderne, die das „Ende der großen Erzählung“ proklamierte und die Möglichkeit nebeneinanderstehender Wahrheiten einforderte. Als Gedankenspiel anregend, ästhetisch kein Hochgenuss – ganz so wie diese Black-Mirror-Folge, die dem üblichen erzählerischen und intellektuellen Niveau der Serie an keiner Stelle gerecht wird.

Die ständigen selbstreferenziellen Verweise auf einer pseudo-ironischen Meta-Ebene (so kann man etwa entscheiden, ob dem Protagonisten mitgeteilt werden soll, dass er Teil einer Netflix-Produktion ist), verleiden diese Seherfahrung vollends.

Im Kontext einer Serie, die sich mit den dystopischen Folgen technischer Entwicklungen auseinandersetzt, ist „Bandersnatch“ fast schon wieder ein gelungener Treppenwitz – als eine sich selbst thematisierende Unterhaltungsdystopie.
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„Black Mirror: Bandersnatch“ ist auf Netflix abrufbar.


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