Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Inszenierte Wirklichkeit des American Dream
Kultur 3 3 Min. 27.08.2019

Inszenierte Wirklichkeit des American Dream

Die Fotoreihen von Mary Frey geben einen ungewöhnlichen Einblick in den Alltag der US-amerikanischen Middle-Class in Massachusetts.

Inszenierte Wirklichkeit des American Dream

Die Fotoreihen von Mary Frey geben einen ungewöhnlichen Einblick in den Alltag der US-amerikanischen Middle-Class in Massachusetts.
Foto: Mary Frey
Kultur 3 3 Min. 27.08.2019

Inszenierte Wirklichkeit des American Dream

Daniel CONRAD
Daniel CONRAD
Alles lebensecht oder doch gestellt? Fotografin Mary Frey und ihr an der Wirklichkeit inspirierter Kosmos um die US-amerikanische Middle Class zeigen die Verwerfungen des American Dream präzise auf. Ihre Fotos sind im CNA zu sehen. Am 12. November ist Frey persönlich im CNA zu einem Künstlergespräch zu Gast.

„Als wir diese Bilder von Mary Frey in Köln gesehen haben, waren wir sofort begeistert – und hatten gefragt, ob eine Ausstellung in Düdelingen möglich wäre“, sagt Michèle Walerich vom Centre national de l'audiovisuel“ (CNA). 

Nun ist es so weit: Norbert Moos vom Kölner Forum für Fotografie, der die Wiederentdeckung der US-amerikanischen Künstlerin in Europa maßgeblich mit vorangetrieben hat, hat auch diese Schau persönlich mit der Hilfe von Walerich und dem CNA-Team kuratiert.


Die meistfotografierte Frau
Neugierig lugt sie zwischen alten Maschinen hervor, so, als wolle sie einen heimlichen Blick in die dunkle Gebläsehalle werfen. Auf dem Kopf ein blauer Hut, auf den Lippen ein zartes Rot – die Völklinger Hütte hat Queen Elizabeth den Teppich ausgerollt.

Aber was ist denn da das Besondere an diesen im CNA-Ausstellungsraum „Display01“ gezeigten Bildern, die auf den ersten Eindruck wie Schnappschüsse aus dem Fotoalbum einer US-amerikanischen Familie daherkommen? „Sie sehen lediglich wie Schnappschüsse aus, aber letztlich sind sie komplett inszeniert“, sagt Moos. Was? Alles nur Show? 

Dokumentarisch, ohne reell zu sein  

Das ist das herrlich Absurde in Freys Fotografie – sie scheint dokumentarisch, ohne reell zu sein. Die Fotos wirken schließlich doch so authentisch, weil es ihr gelingt, in den Bildern eine Art visuelle Tiefenpoesie einfließen zu lassen. Denn Frey schafft es, kleine Nebenhandlungen und Ebenen hinzuzufügen und mit der ausgewählten Umgebung und den jeweiligen Utensilien sowohl Konnotationen als auch bemerkenswerte Kontraste aufzuwerfen. 


Schueberfouer-Experte Steve Kayser vor der größten transportablen Achterbahn der Welt
"Meine erste Zeichnung war eine Geisterbahn"
Im Interview verrät der Schueberfouer-Experte, was ihn an der Jahrmarktwelt so fasziniert und was es in der Ausstellung „Ons Schueberfouer“, derzeit im Lëtzebuerg City Museum, zu sehen gibt.

„Sehen Sie die offenen Türen oder andere Details am Bildrand?“, fragt Moos Betrachter bei der Präsentation. Genau darin liegen dann diese Erzählungen vom scheinbaren Alltag. Das suggeriert Authentizität. Nicht zuletzt sind es echte Familienangehörige und Vertraute aus der Nachbarschaft von Frey, die sich ihr vor der Kamera präsentieren; keine Schauspieler oder Models.

So entsteht in ihren Arbeiten diese trügerische Konstruktion aus Schein und Sein, zwischen dem eingefangenen American Dream in der Vorstadt und der Bewertung des Betrachters, dass aus dieser Middle-Class-Hölle der 1970er- und 1980er-Jahre zwischen Kitsch, Pop-Idolen und dem angeranzten Interieur eigentlich kein Entkommen liegt. Die Schere zwischen dem von Frey aufgezeigten Selbstbild und dem sozialen Wertebild, das sich durch den abgebildeten Medienkonsum ihrer Charaktere formt, klafft deutlich auseinander.

„Real Life Dramas“, die keine sind

Sie fiktionalisiert und spricht dann doch über die Menschen ihrer Zeit und in ihrem Lebensumfeld. So ist Frey durchaus dokumentarisch, nämlich in ihrer ganz eigenen künstlerischen und fiktionalen Form und gleichzeitig als bewusster dekonstruktiver Entwurf in der dokumentarischen Fotografie einen gewissen Zeitgeist einzufangen – eben „Real Life Dramas“, die hart an der Wahrheit kratzen, aber keine sind. „Was ist Wahrheit? Was wissen wir von dem Bild und was erwarten wir?“ – diese Fragen wirft Frey dann auf.


Als "visual storyteller" bereist  Ann Sophie Lindström mit Kamera und Begleiter in Spe - Pony Dakota - die Welt.
Mit Dakota durch die Welt
Die junge Fotografin Ann Sophie Lindström weiss, wie man kurze Momentaufnahmen in ganze Geschichten verwandeln kann.

Vor Ort in Düdelingen lassen sich daraus auch neue Fragen an scheinbar gewohnte Bilder stellen. Da sind die Fotos aus Steichens „The Bitter Years“ im Wasserturm gleich nebenan, die mit ihrem dokumentarischen Bild von Amerika und dem besonderen Blick auf die Menschen ihren speziellen Fokus haben. Können sie die Wahrheit zeigen? Oder sind sie doch subjektiv?

Kurzbiografie zur Person

Mary Frey erwarb 1979 an der Yale University School of Art ihren Master of Fine Arts (MFA) und lehrte bis 2015 an der Hartford Art School. In ihrer künstlerischen Vita verzeichnet sie zahlreiche Auszeichnungen und Künstlerresidenzen.


Schluss mit Steinwüsten
Schottergärten bedrohen die Artenvielfalt und geben ein falsches Weltbild ab.

Freys Arbeiten sind Teil öffentlicher und privater Sammlungen unter anderem im Museum of Modern Art, New York, im Museum of Fine Arts, Houston, im Art Institute of Chicago und der International Polaroid Collection. Mary Frey lebt im US-Bundesstaat Massachusetts, wo viele ihrer Werke entstanden sind.
______
Noch bis zum 25. November im Centre national de l'audiovisuel, 1B, rue du Centenaire, Düdelingen, geöffnet, dienstags bis sonntags, von 10 bis 22 Uhr. Am 12. November ist Mary Frey persönlich im CNA zu einem Künstlergespräch zu Gast (Beginn 19 Uhr). Die ergänzenden Kataloge zum Werk der Künstlerin, „Reading Raymond Carver“ (36 Euro) und „Real Life Dramas“ (42 Euro), sind beim CNA erhältlich.



Lesen Sie mehr zu diesem Thema

"Meine erste Zeichnung war eine Geisterbahn"
Im Interview verrät der Schueberfouer-Experte, was ihn an der Jahrmarktwelt so fasziniert und was es in der Ausstellung „Ons Schueberfouer“, derzeit im Lëtzebuerg City Museum, zu sehen gibt.
Schueberfouer-Experte Steve Kayser vor der größten transportablen Achterbahn der Welt
Cindy Sherman sucht schöne Hässlichkeit
Die US-Fotografin Cindy Sherman wird 65 und in ihrer Kunst dreht sich weiter alles nur um sie selbst. Die Ideale unserer Zeit nimmt sie in ihren Werken immer wieder groß inszeniert aufs Korn.
Cindy Sherman lichtet sich am liebsten selbst ab - und entblößt die Stereotypen unseres Alltags.
Mit Dakota durch die Welt
Die junge Fotografin Ann Sophie Lindström weiss, wie man kurze Momentaufnahmen in ganze Geschichten verwandeln kann.
Als "visual storyteller" bereist  Ann Sophie Lindström mit Kamera und Begleiter in Spe - Pony Dakota - die Welt.
Die meistfotografierte Frau
Neugierig lugt sie zwischen alten Maschinen hervor, so, als wolle sie einen heimlichen Blick in die dunkle Gebläsehalle werfen. Auf dem Kopf ein blauer Hut, auf den Lippen ein zartes Rot – die Völklinger Hütte hat Queen Elizabeth den Teppich ausgerollt.