In Utah (USA): Kunstlehrer gefeuert - weil er Kunstwerke erklärte
"L'Odalisque Brune" von Boucher ist eines der Bilder, die Kunstlehrer Mateo Rueda den Job kosteten. Das Original hängt im Louvre.

In Utah (USA): Kunstlehrer gefeuert - weil er Kunstwerke erklärte

Foto: Wikimedia Commons / Public Domain
"L'Odalisque Brune" von Boucher ist eines der Bilder, die Kunstlehrer Mateo Rueda den Job kosteten. Das Original hängt im Louvre.
Kultur 5 4 Min.02.01.2018

In Utah (USA): Kunstlehrer gefeuert - weil er Kunstwerke erklärte

Tom Ruedell
Tom Ruedell

Mateo Rueda gilt als passionierter Kunstpädagoge. Doch jetzt ist er seinen Job an einer Schule im US-Bundesstaat Utah los - weil er erklärte, warum klassische Kunstwerke Nacktheit zeigen. Dabei wollte er das eigentlich vermeiden.

Von Tom Rüdell 

Ein Kunsterzieher in Utah geht seiner Aufgabe mit Begeisterung nach: Er erklärt Fünft- und Sechstklässlern die Farbenlehre anhand großer Werke der Kunstgeschichte. Es ist Zufall, dass dabei das Thema Nacktheit aufkommt, doch er erklärt ihnen auch, dass und vor allem warum auf manchen Bildern nackte Menschen zu sehen sind. Empörte Eltern schreiben Mails an den Direktor, die Polizei erhält einen anonymen Anruf. Es fallen die Worte "Europäische Kunst" und "Pornografie". Am Ende einer Geschichte, die zunächst lustig klingt, es aber nicht ist, verliert der Lehrer seinen Job und der Sheriff konfisziert die Bildersammlung der Schule.  

Der Reihe nach: Mateo Rueda ist ein passionierter Künstler. Vor sechs Jahren kam er aus Kolumbien in die USA, um Kunst zu studieren. Mittlerweile unterrichtet er hauptberuflich. Er ist beliebt. Seine Schüler an der Lincoln Elementary School in Hyrum im Bundesstaat Utah, nennen ihn liebevoll "Mister Mateo". 

Anfang Dezember nimmt Rueda mit seinen Sechstklässlern Farbenlehre durch. Sie arbeiten an einem Projekt. Um das Gelernte zu veranschaulichen, schickt er die Schüler in die Bibliothek der Lincoln Elementary. Die verfügt über mehrere Bildbände und acht Kisten mit je 100 Postkarten berühmter Kunstwerke vom Kaliber da Vinci oder van Gogh. Vor etwa drei Jahren hatte die Schule sie angeschafft. Jetzt sollen die Kinder Beispiele für die Farbbeziehungen in den Werken finden. 

Nackte Menschen in der Kunstsammlung

Sie finden aber noch mehr - auf einigen Postkarten sind nackte Menschen zu sehen.  Unruhe kommt auf. Einige Schüler kichern. Rueda, so sagt er es später in einer Stellungnahme, greift ein, als er bemerkt, dass einigen Schülern diese Bilder unangenehm sind. Diese Karten habe er eingesammelt und den Schülern den Stellenwert von Nacktheit in der Kunst erklärt. Dass Kunst nicht immer nur Angenehmes abbilde. Dass es auf den Kontext ankomme. Dass in der Sammlung der Schule ikonische Bilder vertrteten seien, ein kulturelles Erbe der Menschheit. 

Große Worte für Sechstklässler, aber eine angemessene Erklärung eines Kunstlehrers, sollte man meinen. Und: Er habe den Eindruck gehabt, sie hätten ihre Wirkung erzielt, so Rueda: "Es schien mir, dass meine Worte geholfen hatten, die Verwirrung der Schüler aufzuklären." Und weiter: "Ich war selbst überrascht, diese Bilder in der Sammlung zu finden."

Rueda belässt es nicht dabei. In der Pause, bevor die fünfte Klasse den Raum betritt, mit der er ebenfalls mit den Karten arbeiten will, sichtet er die Kartenkisten und sortiert Nacktbilder aus. Darunter François Boucher’s "L'Odalisque Brune", der Akt "Iris Tree" von Amedeo Modigliani und  Jean Auguste Dominique Ingres' "La Grande Baigneuse". Den Fünftklässlern erklärt er das gleiche wie den Sechstklässlern und fügt an: Wer ein Bild findet, dass ihm unangenehm ist, solle es bei Rueda abgeben. Zwei Schüler bringen ihm Bilder, bei denen es nicht um Nacktheit geht: "Fountain" von Marcel Duchamp (ein umgedrehtes Urinal) und Caravaggios "Der ungläubige Thomas". Auch hier, so Rueda, habe er den Kontext erklärt und die Schüler ermutigt, mit ihren Eltern darüber zu sprechen. 

Vielleicht hätte er genau das nicht tun sollen: Mehrere Eltern beschweren sich per E-Mail bei der Schulleitung. Die Bilder seien nicht das Problem, wohl aber die Art, wie der Pädagoge darüber gesprochen habe. Eine Mutter sagt der Lokalzeitung "Herald Journal", ihr elfjähriger Sohn habe sich nicht ernst genommen gefühlt. Rueda habe gesagt, weibliche Brustwarzen seien etwas völlig Normales und die Schüler sollten "mal erwachsen werden". Rueda bestreitet das. Er habe lediglich gesagt, "als Erwachsene" würden die Schüler unvermeidlich in Situationen geraten, zum Beispiel in einem Kunstmuseum, wo sie Nacktheit sehen würden. Es steht Aussage gegen Aussage. Die Schule weiß sich keinen anderen Rat, als Rueda vorerst zu beurlauben. 

"Europäische Kunst", aber keine Pornographie

Drei Tage später geht bei der Polizei ein anonymer Anruf ein. Rueda habe seinen Schülern pornographische Bilder gezeigt. Der Sheriff von Cache County  beschlagnahmt die Kartensammlung. Oder zumindest das, was davon übrig ist - Medienberichten zufolge ist die Schulleitung schon dabei, die Karten in den Reißwolf zu werfen, als der Hilfssheriff auf dem Schulgelände erscheint. Auf Anraten der Schulverwaltung, um sie aus dem Verkehr zu ziehen, so die Direktorin. Den Rest nehmen die Polizisten mit. Die Staatsanwaltschaft entscheidet nach Inaugenscheinnahme: Keine Pornographie - keine Anklage. Rueda nützt diese offizielle Erkenntnis indes wenig: Vier Tage nach der verhängnisvollen Kunststunde wird er entlassen. Jetzt fürchtet er um seine Reputation - und um die Chance, wieder einen Job zu finden. 

Basteln statt Kunsterziehung

Doch er erhält auch Zuspruch: Der offene Brief der Mutter einer Fünftklässlerin wird fast 200 Mal via Facebook geteilt - er enthält auch Ruedas Statement. Ihrer Tochter Bella sei der Vorfall ganz und gar nicht unangenehm gewesen, schreibt Kamee Jensen über Ruedas Unterricht. 


Mehr noch: "Dank ihm hat Bella eine wahre Leidenschaft und Liebe für die Kunst entwickelt. Jetzt, wo er weg ist, gibt es statt Kunsterziehung wohl eine Bastelstunde. Bella ist sehr unglücklich damit, Schneeflocken auszuschneiden und Glitzer aufzukleben."  

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