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„In Therapie“: Eine Nation auf der Couch
Kultur 1 2 Min. 14.02.2021

„In Therapie“: Eine Nation auf der Couch

 Mélanie Thierry begibt sich in der Rolle als „Ariane“ „In Therapie“.

„In Therapie“: Eine Nation auf der Couch

Mélanie Thierry begibt sich in der Rolle als „Ariane“ „In Therapie“.
Foto: Les filmdu poisson
Kultur 1 2 Min. 14.02.2021

„In Therapie“: Eine Nation auf der Couch

Kathrin KOUTRAKOS
Kathrin KOUTRAKOS
Zapping: Die frisch gestartete Arte-Serie und die Kunst der Drehbuchautoren.

Betrachtet man die Handlung, passiert nicht viel in der Serie „In Therapie“: In 35 knapp halbstündigen Episoden folgt der Zuschauer den Sitzungen des Psychoanalytikers Philippe Dayan (Fréderic Pierrot) mit seinen Patienten, ihren Fort- und Rückschritten und den kleinen Dramen des Alltags, die sich auf dem roten Sofa in einer aparten Praxis in bester Pariser Lage abspielen. Und doch entfaltet diese Serie einen Sog, dem man sich schon ab der ersten Folge kaum entziehen kann.

Da ist zum einen das Setting: Die Regisseure Eric Toledano und Olivier Nakache („Ziemlich beste Freunde“) haben das Konzept der israelischen Serie „BeTipul“ in das traumatisierte Paris nach den Anschlägen im November 2015 übertragen. Als die Handlung einsetzt, liegt die Terrornacht wenige Tage zurück und hat gerade erst begonnen, ihre Spuren in die Biografien der Stadtbewohner einzuschreiben. 

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 Einen Nerv getroffen

Die Produktion hat offenbar einen Nerv getroffen: Schon vor dem Fernsehstart klickten sechs Millionen Zuschauer die Folgen in der arte-Mediathek an. Und schon jetzt ist klar: Diese Serie hat ihren festen Platz in der französischen Fernsehgeschichte.

„In Therapie“ erzählt von fünf Menschen, deren Wege sich in Dr. Dayans Praxis kreuzen: Die junge Chirurgin Ariane (Mélanie Thierry), die die Nacht der Anschläge an vorderster Front in der Notaufnahme verbrachte, hegt eine verzweifelte Liebe zu ihrem Therapeuten. Der Polizist Adel (Reda Kateb) war Mitglied des Sondereinsatzkommandos, das den Konzertsaal des Bataclan sicherte, und hadert seit den Anschlägen mit seiner eigenen Herkunft und Identität. Camille (Céleste Brunnquell), eine jugendliche Leistungsschwimmerin, legt erst nach und nach ihre Lebensmüdigkeit offen.

Vielschichtiges Panoptikum

Und dann ist da noch das streitsüchtige Paar (Pio Marmaï und Clémence Poésy), das sich Rat zu einem möglichen Schwangerschaftsabbruch erhofft und plötzlich vor einer Scheidung steht. Und obwohl die Serie weitestgehend ein Kammerspiel ist, dessen einzige Handlung die Dialoge zwischen Therapeut und Patienten sind, entwickelt sich eine Spannung, die thrillerreif ist. Die Welt draußen findet nur in kurzen Eingangssequenzen statt, und in den langen Blicken der Protagonisten aus dem Fenster. Als unsichtbare Dritte sitzt die Gesellschaft jedoch immer mit auf dem Sofa: Als Werturteile, Sichtweisen und Verletzungen, die sich in die Subjekte eingeschrieben haben.

Die Drehbuchautoren haben mit den fünf Figuren ein faszinierendes Panoptikum geschaffen, in dem sich die großen Themen der Gegenwart auf allzu menschliche Weise spiegeln. Das Format der Psychoanalyse gibt dabei nicht nur den formalen Rahmen vor, sondern färbt auch die Sprache der Protagonisten: Feinste Nuancen führen in eine neue Richtung, scheinbar nebensächliche Redewendungen enthüllen großen Schmerz. Als Zuschauer lernt man, so genau zuzuhören wie der stoische Dayan in seinem Sessel. So entfaltet sich ein manchmal berührendes, manchmal verstörendes Porträt unseres Lebens, Liebens und Arbeitens, das in seiner Treffsicherheit fasziniert.

  Inspiriert vom Trauma des November 2015  

„In Therapie“ ist inspiriert vom Trauma des November 2015. Die Serie kreist vordergründig um die Frage, wie man als Gesellschaft über die Verletzungen dieser Nacht sprechen kann, ohne die Bilder und die Logik der Täter zu reproduzieren. Aber sie ist darüber hinaus auch eine Hommage an das Leben und das Weitermachen der Hinterbliebenen. Denn so vertrackt dieses Leben auch sein mag – es gibt nichts Schöneres.

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