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Im Porträt: Louise Glück und die Flucht in die Bücher
Kultur 3 5 Min. 08.10.2020

Im Porträt: Louise Glück und die Flucht in die Bücher

2016 in Washington: Die amerikanische Poetin Louise Glück bei der Verleihung der National Humanities Medal (Medaille für Geisteswissenschaften) im Weißen Haus.

Im Porträt: Louise Glück und die Flucht in die Bücher

2016 in Washington: Die amerikanische Poetin Louise Glück bei der Verleihung der National Humanities Medal (Medaille für Geisteswissenschaften) im Weißen Haus.
Foto: Shawn Thew/epa/dpa
Kultur 3 5 Min. 08.10.2020

Im Porträt: Louise Glück und die Flucht in die Bücher

Schon als junges Mädchen hat sich die frisch gekürte Literatur-Nobelpreisträgerin Louise Glück gerne hinter Büchern versteckt.

(dpa) - Schon als junges Mädchen hat sich die frisch gekürte Literatur-Nobelpreisträgerin Louise Glück gerne hinter Büchern versteckt. „Ich war ein einsames Kind“, sagte die 1943 in New York geborene Lyrikerin in einem ihrer seltenen Interviews. „Meine Interaktionen mit der Welt als soziales Geschöpf waren unnatürlich, gezwungen, und ich war am glücklichsten, wenn ich gelesen habe.“ Besonders bei Gedichten habe es sich angefühlt, als ob die Autoren direkt zu ihr sprächen. „Mein frühes Schreiben war dann ein Versuch, mit diesen Autoren zu kommunizieren, ihnen zu antworten.“

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Glücks Spezialität sei „genau die Sache, die nur lyrische Dichtung schaffen kann, und die zu den intimsten, nicht-öffentlichsten Dingen gehört, die Wörter schaffen können: Die ganz spezielle Musik der Gedanken zu imitieren“, schrieb die „New York Times“ einmal. In Glücks Texten geht es fast immer um Emotionen und Gedanken – um Einsamkeit, Familienbeziehungen, Liebe, Verzweiflung, Scheidungen und Tod – oft durchwirkt mit klassischen antiken Mythen und Sagen. 

„Das ist die normale menschliche Erfahrung“, sagt Glück. „Man benutzt also sich selbst als Labor, um darin die für einen selbst zentralen menschlichen Dilemmas zu üben und zu meistern.“ Die Lyrikerin wuchs als Tochter eines Unternehmers und einer Hausfrau in New York auf, ihre Großeltern väterlicherseits waren aus Ungarn eingewanderte Juden. 

Als Kind litt Glück unter Essstörungen, Psychotherapie ist bis heute wichtiger Teil ihres Lebens. Nach der Schule besuchte sie zeitweise das Sarah Lawrence College und die Columbia University in New York. Später lehrte Glück, die zweimal verheiratet war und einen Sohn hat, an verschiedenen Universitäten, heute an der Elite-Universität Yale. Sie lebt laut Schwedischer Akademie im US-Bundesstaat Massachusetts.

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Ihr erster, 1968 erschienener Gedichtband „Firstborn“ sei ihr heute eher peinlich, sagt Glück. „Ich schaue ihn mir jetzt an und er scheint mir dünn und uninformiert und gefüllt von dem Wunsch zu schreiben. Das nächste Buch zu schreiben – „The House on Marshland“ – hat etwa sechs Jahre gedauert und ich denke, von diesem Punkt an bin ich gewillt, meinen Namen draufzusetzen.“ Rund ein Dutzend Gedichtsammlungen folgen. 

Spätestens seit „The Triumph of Achilles“ (1985) ist sie einem größeren US-Publikum bekannt und der Band „The Wild Iris“, der 1992 erschienen ist und mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, wird von Kritikern bis heute als ihr bestes Werk angesehen. 2014 bekam sie den National Book Award für „Faithful and Virtuous Night“. Glück war zeitweise Vorsitzende des Literaturkomitees der American Academy of Arts and Letters, zudem auch im Führungszirkel der Academy of American Poets.

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Sie schreibe auf zwei ganz unterschiedliche Arten, sagt Glück. Entweder ganz langsam oder ganz schnell. „Es gibt die Gedichte, die immer und immer wieder neu bearbeitet werden, auseinandergenommen werden, aber in sehr komprimierter Zeit. Und dann gibt es Gedichte mit widerspenstigen Wörtern, Phrasen, Dinge, von denen ich denke, dass sie besser sein könnten.“ 

Wichtig sei aber die stetige Veränderung: „Sobald ich mich selbst fassen und beschreiben kann, will ich sofort das Gegenteil tun.“ „Ihre Gedichte schicken einen in die Welt hinaus, ein bisschen kälter, aber komplett wach, mit ihrer Stimme nachklingend im Kopf“, schreibt die „New York Times“. 

Gerade einmal zwei ihrer Werke liegen auf Deutsch vor: die Gedichtsammlungen „Averno“ (2007), in der sie sich dem Zusammenspiel von Mythologie und Mensch nähert, und „Wilde Iris“ (2008) über den Kreislauf von Natur und menschlichem Dasein. Die beiden Bücher in Übersetzung sind aktuell beim Luchterhand Literaturverlag vergriffen. „Wir sind gerade dabei, die Rechte neu zu verhandeln“, sagte Sprecher Karsten Rösel gestern. Die Gedichte wurden aus dem Amerikanischen von Ulrike Draesner übersetzt. 

Giücks Bücher wurden bei der Bekanntgabe ausgestellt.
Giücks Bücher wurden bei der Bekanntgabe ausgestellt.
Foto: AFP

Zu „Wilde Iris“ heißt es laut der Angaben auf der Website von Draesner, diese „besingen den unüberwindlichen Gegensatz zwischen dem ewigen Kreislauf der Natur und dem individuellen menschlichen Leben, die Diskrepanz zwischen dem Garten Eden und der Conditio humana.“ Louise Glück interessiere dabei nicht der Sündenfall. „Mit ihrer klaren, scheinbar schlichten Sprache versetzt sie sich mal in eine Pflanze, mal in einen Gärtner, mal in Gott – und erkundet so die Essenz des menschlichen Seins.“

Mythen und Humor

Zum Band „Averno“ heißt es, der Titel sei der Name eines vulkanischen Kratersees in der Nähe von Neapel. „Für die alten Römer war hier der Eingang zur Unterwelt.“ Die Mythologie, die Natur, der Mensch zwischen Liebe, Leben und Tod – das seien die Themen der mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Dichterin Glück. 

Der bekannte deutsche Literaturkritiker Denis Scheck begrüßte gestern die Auszeichnung. „Es ist eine Überraschung, aber keine schlechte“, sagte Scheck. Glück sei eine äußerst qualitätsvolle und in den USA sehr berühmte Lyrikerin, die dort alles an Preisen erhalten habe, was man gewinnen könne. „Das ist ein Festtag für Leserinnen und Leser und unterstreicht die Bedeutung der Lyrik auch im 21. Jahrhundert.“


(FILES) This file photo taken on November 19, 2014 shows Louise Gluck attending the 2014 National Book Awards in New York City. - The Nobel Literature Prize went Thursday, October 8, 2020 to American poet Louise Gluck, the jury at the Swedish Academy said. Gluck was honoured "for her unmistakable poetic voice that with austere beauty makes individual existence universal," the Academy said. (Photo by Robin Marchant / GETTY IMAGES NORTH AMERICA / AFP)
Louise Glück gewinnt Literaturnobelpreis 2020
Die US-amerikanische Dichterin Louise Glück wird mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Das gab die Schwedische Akademie in Stockholm am Donnerstag bekannt.

Überraschend komme die Entscheidung der Schwedischen Akademie in Stockholm deshalb, weil man den US-Musiker Bob Dylan erst im Jahr 2016 ebenfalls für seine Lyrik ausgezeichnet habe. „Dass jetzt vier Jahre nach Bob Dylan wieder eine weiße, US-amerikanische Lyrikerin den Nobelpreis bekommt – und kein Asiat, keiner aus Afrika, kein Südamerikaner – das ist eine Überraschung.“ In Stockholm sei man damit auf Nummer sicher gegangen. „Die Akademie hat sich damit einen sehr sicheren Hafen gesucht nach der Kontroverse um Peter Handke im letzten Jahr“, sagte Scheck. 

Glücks Werke zeichneten sich dadurch aus, dass sie immer wieder in den Mythos zurückkehre und man dabei auch Humor entdecken könne, etwa wenn sie Penelope und Odysseus ihre Eheprobleme in alltäglicher Sprache besprechen lasse, sagte Scheck. Viele ihrer Gedichtbände fokussierten sich zudem auf einzelne Personen, die das Wort ergriffen. Die Nobelpreise sind diesmal mit zehn Millionen Schwedischen Kronen (rund 950 000 Euro) pro Kategorie dotiert. Offiziell gewürdigt werden die Preisträger traditionell am 10. Dezember, dem Todestag von Preisstifter und Dynamit-Erfinder Alfred Nobel.

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