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Im Kasemattentheater: Jammern auf dem roten Teppich
Eine absurde Statue, ein Klumpen Gold, für den Film „Klumpenapokalypse“. Der Preis verhindert nicht, dass die drei Schauspieler endlos jammern: Eugénie Anselin, Anouk Wagener und Dominik 
Raneburger (v.l.n.r.).

Im Kasemattentheater: Jammern auf dem roten Teppich

FOTO: KASEMATTENTHEATER
Eine absurde Statue, ein Klumpen Gold, für den Film „Klumpenapokalypse“. Der Preis verhindert nicht, dass die drei Schauspieler endlos jammern: Eugénie Anselin, Anouk Wagener und Dominik 
Raneburger (v.l.n.r.).
Kultur 3 Min. 08.02.2018

Im Kasemattentheater: Jammern auf dem roten Teppich

Marc THILL
Marc THILL
Wenn extravagantes Schuhwerk ein Maßstab für Blasiertheit ist, dann muss man sagen, diese Inszenierung ist gelungen. Die Schauspieler wechseln im Kasemattentheater mehrmals ihre trendigen Treter, was aber nicht verhindert, dass der Schuh dennoch ab und zu drückt.

von Marc Thill

Alles hat irgendwo seinen Ursprung – auch Felicia Zellers grotesk-fantastisches Stück „Zweite Allgemeine Verunsicherung“, das 2016 in Frankfurt uraufgeführt wurde und derzeit im Kasemattentheater gespielt wird. Die deutsche Stückeschreiberin holte sich die Inspiration hierfür bei Anton Tschechow, der in seiner Komödie „Iwanow“ eine ganze Riege von Jammerlappen aus der russischen Bourgeoisie des 19. Jahrhunderts porträtiert hat: Schwätzer und Trinker, Nichtstuer und Nerventöter, die endlos über ihre Langeweile lamentieren.

FOTO: KASEMATTENTHEATER

Tschechows Jämmerlichkeit findet man auch bei Zeller wieder. Hier sind es Promis, Schauspieler und Drehbuchautoren, die heute genauso an ihrem Lebensalltag verzweifeln, wie etwas mehr als hundert Jahre zuvor die russischen Phrasendrescher aus dem „Iwanow“.

Sprachwitz und absurde Pointen

Felicia Zeller hat keine Figuren in ihrem Stück vorgeschrieben; es ist ein Fließtext, der sich auf unterschiedliche Schauplätze – eine Filmpreisverleihung und eine Hotelveranstaltung – verteilt. Der Bühnenbauer des Kasemattentheaters hat beides geschickt voneinander getrennt: einen roten Laufsteg im Zuschauerraum für die Galaveranstaltung, die Bühne für das Hotelseminar. Die Zuschauer werden somit auch Teil des Stücks, was wiederum deutlich macht, dass Langeweile, Selbstzweifel und gekränkte Hoffnungslosigkeit nicht nur die narzisstisch-depressive Promiwelt treffen.

Regisseur Jens Bluhm hat derweil den Text auf drei Schauspieler – Eugénie Anselin, Anouk Wagener und Dominik Raneburger – verteilt. Das Stück lässt er schon im Eingangsbereich an der Theaterbar beginnen, während die Zuschauer noch ihre Tickets zahlen ... oder ihr Gläschen „Crémant“ trinken.

FOTO: KASEMATTENTHEATER

Die drei Schauspieler interviewen sich abwechselnd vor laufender Kamera, wobei die Bilder mit den Plattitüden, die die Promis von sich geben, auf die Bildschirme in den Theatersaal übertragen werden. So beginnt das Jammern schon außerhalb der Bühnenwelt, im Vorzimmer des Schauspiels – ein wohlüberlegter Spiegel, den Regisseur Bluhm dem Zuschauer vorhält. Genauso verlagert er einen Teil des Bühnenspiels in die Logen; dem Zuschauer bleibt in dem Fall, wie auch zu Hause, nur der Fernseher.

Die Galaveranstaltung, früher ein Anlass, um einfach nur gut auszusehen, wird im Theaterstück von Felicia Zeller zu einem seelischen Kummerkasten. Auf dem roten Teppich wird gejammert – Vorwürfe und Selbstvorwürfe, Kritik und Selbstkritik. Jede Äußerung wird dabei zu einem Statement, zu einer Belehrung, zu einem Appell. Den drei Schauspielern gelingt es, ihre extremen Unsicherheiten zu übermitteln. Aus der Feder von Felicia Zeller klingt das aber manchmal sehr grotesk: „Tut mir leid, für das, was ich nicht bin.“

„Was könnte ich selbst denken?“

Sprachwitz, Sätze, die ins Leere laufen, Floskeln und absurde Pointen kommen beim Publikum gut an, und es wird, zumindest im ersten Teil des Theaterabends, herzhaft gelacht: „Was könnte ich selbst denken, ist das richtig, was ich denke, kann ich das so denken, wird das so gedacht ... aber ich bin doch prominent und auch ein aufgenähtes Lächeln kann Leben retten.“

Zufall oder gewollt? Die Schauspieler tragen extravagantes Schuhwerk, das sie immer wieder wechseln, so als würden sie darin ihren Halt fürs Leben suchen. Aber auch ein goldener Schuh drückt immer irgendwo.

FOTO: KASEMATTENTHEATER

Leider gerät das Stück in seinem zweiten Teil leicht ins Trudeln. Es wird kaum noch gelacht. Liegt es daran, dass der Zuschauer des Lamentos überdrüssig geworden ist? Oder bricht der plötzliche Übergang der Handlung vom Laufsteg auf die Bühne den Rhythmus? Wahrscheinlich ist es ein bisschen von beidem und vielleicht hätten die Schauspieler einfach nur schneller von der Filmpreisverleihung in die Hotelveranstaltung die „Bottroper Powertage“, überwechseln sollen.

Im Kasemattentheater, am 8., 9., 10., 15. und 16. Februar, jeweils 20 Uhr. Tickets über Tel. 291 281 (Anrufbeantworter)