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„Ich bin dein Mensch“ - oder auch nicht
Kultur 1 3 Min. 02.07.2022
Kinokritik

„Ich bin dein Mensch“ - oder auch nicht

„Nur wer eine Vergangenheit hat, hat auch eine Zukunft.“ Alma und Tom malen sich gemeinsame Erinnerungen aus.
Kinokritik

„Ich bin dein Mensch“ - oder auch nicht

„Nur wer eine Vergangenheit hat, hat auch eine Zukunft.“ Alma und Tom malen sich gemeinsame Erinnerungen aus.
Foto: Majestic/Christine Fenzl
Kultur 1 3 Min. 02.07.2022
Kinokritik

„Ich bin dein Mensch“ - oder auch nicht

Nora SCHLOESSER
Nora SCHLOESSER
Maria Schraders Spielfilm „Ich bin dein Mensch“ entpuppt sich als durchwachsene Sci-Fi-Romanze.

Kann ein humanoider Roboter tatsächlich einen Menschen aus Fleisch und Blut ersetzen? Sind menschenähnliche Maschinen in naher Zukunft überhaupt noch von den Homo sapiens zu unterscheiden? Der deutsche Spielfilm „Ich bin dein Mensch“ von Maria Schrader versucht sich genau diesen Fragen anzunähern und schlägt sogar Antworten vor – obgleich diese nur teilweise innovativ und zufriedenstellend sind.

Zärtlich und lustvoll zugleich streichelt Alma (Maren Eggert) Tom (Dan Stevens) über den nackten Körper, während die beiden miteinander schlafen. Für einen kurzen Augenblick scheint sie zu vergessen, dass der gut aussehende Tom eigentlich nichts anderes ist als eine humanoide Maschine, die darauf programmiert wurde, den perfekten Partner für Alma zu verkörpern und sie glücklich zu machen. Denn immerhin wollen alle Menschen glücklich sein, oder etwa nicht? Dazu später mehr.

Ein Roboter als Lebenspartner

Alma - eine Frau mittleren Alters - ist alleinstehend und steckt gerade inmitten eines archäologischen Forschungsprojekts, bei dem sie die Leitung hat. Zusammen mit einer Gruppe junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler versucht sie zu beweisen, dass Schriftzeichen bereits Jahre vor Christus einen poetischen Zweck hatten, also sich als niedergeschriebene Poesie definieren lassen.

Zwischen Alma und Tom entsteht allmählich etwas Ähnliches wie eine zwischenmenschliche Beziehung.
Zwischen Alma und Tom entsteht allmählich etwas Ähnliches wie eine zwischenmenschliche Beziehung.
Foto: Majestic/Christine Fenzl

Nebenbei kümmert sie sich ebenfalls zusammen mit ihrer Schwester Cora (Annicka Meier) um ihren dementen Vater (Wolfgang Hübsch) und verarbeitet immer noch ihre letzte Trennung. Da passt ein humanoider Roboter, der versucht, Alma für sich zu gewinnen, eigentlich nicht mehr rein.

Trotzdem stimmt sie dem von der Ethikkommission eingeleiteten Experiment zu und lässt sich darauf ein, drei Wochen mit Tom - der auf persönlichen Daten, Angaben und Vorlieben von ihr zusammengestellt wurde - zusammenzuleben. Später soll sie dann beurteilen, ob Maschinenwesen künftig Bürgerrechte in Deutschland erhalten sollten oder nicht.

Können Maschinen fühlen?

Die Vorstellung, dass Künstliche Intelligenzen (KI) wie Tom sich nahezu unbemerkt unter die menschliche Spezies mischen, ein menschliches Bewusstsein entwickeln und mit einem grenzenlosen Wissen daherkommen, ist genauso spannend wie beängstigend. Dennoch sind derartige futuristische Gedankenspiele nichts Neues - man denke beispielsweise an Raphaela Edelbauers dystopischen Roman „DAVE“.

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Maria Schraders KI namens Tom beeindruckt in „Ich bin dein Mensch“ nicht nur mit seiner Superintelligenz - so reagiert der Roboter beispielsweise in Windeseile, als auf einer Einweihungsparty die schwangere Gastgeberin ohnmächtig wird oder rechnet innerhalb von Sekunden aus, ob das riesige Gemälde aus Almas Wohnung in Julians (Hans Löw) Auto passt. Vielmehr ist es Toms Empathie, die sich aufgrund von Erfahrungen kontinuierlich weiterentwickelt, die fasziniert.


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Tom bleibt dennoch „nur“ eine Maschine, die nach einem bestimmten Algorithmus funktioniert und die, anders als reale Menschen, weder schlafen noch essen und trinken muss. Diese humanoiden Grundbedürfnisse werden von ihm genauso vorgespielt wie seine Gefühle und seine inexistente Vergangenheit. Seine leidenschaftliche Neigung für Alma ist im Endeffekt nur eine Simulation: Bei ihm werden Empfindungen nicht durch bestimmte Worte, Gedankengänge, Erinnerungen oder Szenarien ausgelöst, sondern werden in seinem System errechnet.

Dan Stevens verkörpert den humanoiden Roboter Tom mit britischem Akzent.
Dan Stevens verkörpert den humanoiden Roboter Tom mit britischem Akzent.
Foto: Majestic/Christine Fenzl

Zwar scheint der Film diese Kluft zwischen Mensch und Maschine überwinden zu wollen - was ihm auch stellenweise gelingt - doch wissen die Zuschauerinnen und Zuschauer ganz genau, dass ein Roboter, der aus einer Software besteht, nie vollkommen die Sehnsucht nach menschlicher Nähe stillen und auf derselben Ebene mit Menschen interagieren kann, wie es in zwischenmenschlichen Beziehungen der Fall ist. So bleiben sowohl die Handlung als auch die Botschaft des Films relativ flach und simpel.

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Problematisch ist zudem das Gesellschafts- und Weltbild, das die Sci-Fi-Romanze vermittelt: Das Glück der Menschen ist hier nämlich abhängig von der Partnerin oder vom Partner, denn immerhin ist es Toms Aufgabe, Alma glücklich zu machen. So wirkt es, als ob allein die Paarbeziehung ein erfülltes Leben bringen kann und das Individuum dazu verdammt ist, ein einsames Dasein zu führen. Davon abgesehen, dass die Definition von Glück auch charakterabhängig ist.

Genauso klischeehaft gestaltet sich auch die Figur der Alma: Als Single-Frau hat sie nicht nur Angst vor dem Alleinsein im Alter, sondern hegt obendrein auch noch einen unerfüllten Kinderwunsch - denn immerhin träumt jede Frau vom Muttersein. Damit kommuniziert „Ich bin dein Mensch“ dem Publikum ein weiteres, veraltetes Gesellschaftsbild, das sicherlich nicht nötig gewesen wäre.

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