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Hugos Urenkel treffen sich in Tetingen
Kultur 8 Min. 28.03.2014 Aus unserem online-Archiv

Hugos Urenkel treffen sich in Tetingen

Die Organisatoren der ersten Sci-Fi-Convention in Luxemburg: Ben Bauler, Sandy Hepp und Gérard Kraus.

Hugos Urenkel treffen sich in Tetingen

Die Organisatoren der ersten Sci-Fi-Convention in Luxemburg: Ben Bauler, Sandy Hepp und Gérard Kraus.
Foto: Guy Jallay
Kultur 8 Min. 28.03.2014 Aus unserem online-Archiv

Hugos Urenkel treffen sich in Tetingen

Sie lernen Klingonisch, sammeln Comics, vertiefen sich stundenlang in Strategiespiele, und Schmöker wie „Der Herr der Ringe“ haben sie mehrfach gelesen: Wer ein richtiger Science-Fiction- und Fantasy-Fan ist, lebt sein Hobby. Die Szene kommt nun erstmals auf einer Convention in Luxemburg zusammen.

Von Martine Hemmer

Sie lernen Klingonisch, sammeln Comics, vertiefen sich stundenlang in Strategiespiele, und Schmöker wie „Der Herr der Ringe“ haben sie mehrfach gelesen: Wer ein richtiger Science-Fiction- und Fantasy-Fan ist, lebt sein Hobby. Die Szene kommt nun erstmals auf einer Convention in Luxemburg zusammen.

Die frisch gestrichene Fassade leuchtet zwar etwas grell, aber ansonsten sieht das Einfamilienhaus in einer ruhigen Straße abseits des vielbefahrenen Tetinger Ortskerns doch sehr bürgerlich aus. Nichts lässt vermuten, dass sich dahinter eine wahre Schatzhöhle für Science-Fiction-Liebhaber verbirgt. Gleich im Eingangsflur stößt man auf einen „Star Trek“-Flipperautomaten. Im Wohnzimmer türmen sich die mit fantastischen Romanen, Comics und Fachbüchern vollbeladenen Regale.

Science-Fiction-Experte mit Diplom

Gérard Kraus ist nicht nur Sammler, sondern ein wahrer Science-Fiction-Experte. Sogar mit Diplom. Der 35-jährige Englischlehrer hat in Liverpool studiert, europaweit eine der wenigen Universitäten, wo sich angehende Literaturwissenschaftler auf das Genre spezialisieren können. Dort hat er auch seine Frau kennengelernt, die deswegen auch kein Problem damit hat, inmitten von Fan-Memorabilien zu leben. Im Gegenteil: Ihre Tochter haben sie Alia genannt, nach einer Figur aus den „Dune“-Romanen von Frank Herbert. Mit seinen Mitstreitern von der Science Fiction & Fantasy Society organisiert Gérard Kraus nun die erste Convention in Luxemburg.

Schon vor dem Interview hatte er höflich klargestellt, dass er sich für die Fotos nicht verkleiden werde. Als er die Tür öffnet, stehen demnach weder Captain Kirk noch Darth Vader vor uns. Sondern ein Familienvater in Jeans und schwarzem T-Shirt, das auf die persönliche Leidenschaft seines Trägers hinweist: „Metropolis“ prangt dort in weißen Lettern. Fitz Langs Meisterwerk aus den 1920ern gilt als Meilenstein in der Geschichte des Science-Fiction-Kinos. „Wir besitzen zwar alle Kostüme, doch wollen wir der stereotypen Vorstellung vom weltfremden Außenseiter nicht Vorschub leisten“, erläutert Gérard Kraus.

Von der Subkultur zum Mainstream

Dabei ist die sogenannte Geek-Kultur längst kein Randphänomen mehr. Jugendliche tragen freiwillig Nerd-Brillen, für die sie vor zehn Jahren auf dem Schulhof noch gehänselt worden wären, Comicverfilmungen überschwemmen die Kinos und spätestens seit der TV-Serie „The Big Bang Theory“ ist der menschenscheue Computerfreak gesellschaftlich akzeptiert – denn man weiß ja nie, ob man es nicht vielleicht doch mit dem nächsten Steve Jobs zu tun hat.

Urvater der Geeks dürfte jedoch keiner der Tüftler aus dem Silicon Valley sein, sondern ein Luxemburger: Hugo Gernsback, der 1904 in die USA auswanderte, gilt als Begründer des Science-Fiction-Begriffs. Ohne den Elektrohändler, Erfinder und Herausgeber des als Schundheft verschrienen Magazins „Amazing Stories“, hätte es die Science-Fiction-B-Movies der 1950ern vielleicht nie gegeben. Auch das Raumschiff Enterprise hätte sich nicht auf den Weg gemacht, um in Galaxien vorzudringen, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Gernsback war stets seiner Zeit voraus. 1928 ging er mit dem ersten TV-Sender der Welt an den Start – lange bevor der Fernseher Einzug in die Wohnzimmer amerikanischer Familien nahm. Das Unternehmen floppte.

Nach dem gebürtigen Bonneweger wurde der seit 1953 verliehene Hugo Award benannt. Der Preis gilt als wichtigste Auszeichnung auf dem Gebiet der Sci-Fi-Literatur und wird alljährlich auf der Worldcon, der weltweit größten Science-Fiction-Convention, verliehen. Auch Werke aus der Fantasy-Sparte können mit dem Hugo ausgezeichnet werden. Inoffiziell ist auch Luxemburg Preisträger. Als sich Gérard Kraus darum bemühte einer der Statuen zu Ausstellungszwecken nach Luxemburg zu holen, beschloss die World Science Fiction Society ihren Kollegen aus dem Großherzogtum einen Hugo zu schenken. „Als Dankeschön, weil Luxemburg der Welt eine Persönlichkeit wie Hugo Gernsback geschenkt hat.“

Luxemburg keine Pilgerstätte für Science-Fiction-Fans

Dennoch ist Luxemburg bis heute keine Pilgerstätte für Science-Fiction-Fans. Das könnte sich aber demnächst ändern. Am Wochenende vom 29. und 30. März verwandelt sich die „Schungfabrik“ in Tetingen nämlich in einen Hort von Jedi-Rittern, Aliens, Zauberern, Rollenspielern und lebenden Manga-Figuren. Zur Luxcon, dem ersten Luxemburger Treffen für Fans von Sci-Fi und Fantasy, dürfen sich die Besucher nämlich durchaus verkleiden. „Aber es besteht keine Kostümpflicht“, betont Ben Bauler, der sich fürs Interview dann doch die steinerne Faust des Comic-Helden Hellboy angezogen hat. Er hat auch von Berufswegen mit Menschen zu tun, die in andere Rollen schlüpfen: Ben Bauler ist Produktionsleiter an den Theatern der Stadt Luxemburg. Vielleicht macht er sich deswegen weniger Sorgen, als wunderlich zu gelten: „Ich habe noch nie verstanden, warum die Leute es seltsam finden, wenn „Star Wars“-Fans sich wie ihre Lieblingsfigur kostümieren, sich aber nicht daran stören, wenn Fußballanhänger den ganzen Tag mit einem Bayern-Trikot herum rennen.“

Lesungen und galaktische Schlachten

Um die Luxcon möglichst abwechslungsreich zu gestalten, haben sich die Organisatoren mit anderen Clubs und Vereinen zusammengetan. Die „Adult Fans of Lego“ – eine Gruppe erwachsener Legobauer – präsentieren zum Beispiel eine „Star-Wars“-Szenerie, die aus den bunten Steinen besteht. Die „Spillfabrik“ aus Gosseldingen lädt zu Gesellschaftsspielen ein, und die Strategie-Spieler vom „Cercle d’Alea“ rufen zur Kriegschlacht auf der Tischplatte auf. Aus dem Ausland kommen vor allem Autoren, Fantasy-Künstler sowie Cosplay-Gruppen, die in originalgetreuen Kostümen ihrer Helden auftreten.

„Die Fanszene ist leider sehr verstreut“, erklärt Ben Bauler. Oft finde man nur rein zufällig heraus, dass es bestimmte Fanclubs auch hier in Luxemburg gibt. Viele würden ihr Hobby allein im Keller ausüben. Wenn er von der Luxemburger Science-Fiction Society erzähle, höre er oft: „Ach, sowas gibt’s hier bei uns.“

Sandy Heep ist Mitglied der Society und gleichzeit im „Harry Potter“-Fanclub aktiv. Obwohl J.K. Rowling ihre Romanserie abgeschlossen hat, gibt es für die 21-Jährige immer wieder Neues in den Büchern und deren Verfilmungen zu entdecken. Wahre Fans könnten stundelang über den Zauberlehrling und seine Abenteuer diskutieren, indem sie etwa einzelne Filmpassagen analysieren. Und das Hogwarts-Universum gäbe genügend Inspiration, um selbst kreativ zu werden: „Im Juni bringen wir eine Theaterversion sämtlicher „Harry Potter“-Bände auf die Bühne“, kündigt die Schülerin an.

Die Fans der Fantastik zusammenzubringen

Ziel der Luxcon ist es demnach auch, die Fans der Fantastik zusammenzubringen. „Sie sollen diskutieren, sich austauschen, Neues entdecken“, fasst Gérard Kraus zusammen. Wie groß der Zulauf sein wird, können sich die Veranstalter nicht ausrechnen: „Einerseits wäre es natürlich schlimm, wenn keiner kommen würde, andererseits hoffen wir, nicht völlig überrannt zu werden.“

Mit der Convention wollen sie die Hemmschwelle für jene senken, die sich bisher nicht getraut haben, zu den vierzehntäglichen Treffen im kleinen Kreis zu kommen. „Wer möchte, kann sich einfach nur ein bisschen umschauen, von Stand zu Stand schlendern und ein paar Vorträgen lauschen“, fährt Gérard Kraus fort. Dass die LuxCon nicht mit den großen Vorbildern zu vergleichen ist, wo Stars wie der mittlerweile 82-jährige William Shatner alias Captain Kirk zu Autogrammstunden auftreten, liegt vor allem daran, dass man deren Gagen nicht bezahlen kann.

Dafür wird aber Lieven L. Litaer, einer der wenigen Kligonisch-Lehrer weltweit, eine Einführung in die Sprache des unwirschen außerirdischen Kriegervolkes aus „Star Trek“ geben. Der gebürtige Belgier lebt in Saarbrücken, wo er regelmäßig Kolloquien in der Sondersprache hält, die eigens für die Filme von einem Linguisten entwickelt wurde. Klingonisch besitzt eine eigene Grammatik, ein eigenes Lautsystem und sogar eine eigene Schrift. Mit seinen ausgefallenen Sprachkenntnissen hat es Lieven L. Litaer bereits in Stefans Raabs Fernsehsendung „TV Total“ geschafft. Seinen Lebensunterhalt verdient der Freizeit-Klingone ganz bodenständig als Architekt. Dass sein Hobby belächelt wird, daran hat er sich wie viele Fans aus dem Sci-Fi-Bereich längst gewöhnt. Stattdessen kontert er: „Nur, weil es viele tun, ist ein Hobby wie Briefmarkensammeln nicht weniger seltsam als Klingonisch lernen.“ Wer im Internet sucht, findet allerdings sogar echte Briefmarken mit klingonischer Schrift. Es gibt eben nichts, was es nicht gibt. Und dafür muss man noch nicht einmal ins Weltall reisen.

Festival des Fantastischen:  Luxcon 2014 in Tetingen

Während zwei Tagen gehört die Tetinger „Schungfabrik“ den Aliens, Monstern, Zauberern und Raumschiffkapitänen. Am 29. und 30. März treffen sich hier jeweils ab 10 Uhr die Fans von Sci-Fi, Fantasy und Horror, um Autoren des Genres kennenzulernen, Vorträge und Lesungen zu hören und gemeinsam zu diskutieren. Geladene Gäste sind unter anderem: Peadár Ó Guilín, Sandra Baumgärtner, Ann-Kathrin Karschnick, Marc Hoffmann, Suzanne Vanweddingen, Pierre Heinen, Claude Peiffer, Natscha Schmit. Zum Mitmachen bieten die Organisatoren verschiedene Aktivitäten wie Strategiespiele („X-Wing“-Miniaturturnier, Warhammer 40 000) Rollenspiele und einen Raumschiffbrückensimulator an. Beim Retrogaming entdecken die Besucher alte Videospiele, die längst ihren Platz im Museum gefunden haben. Samstagabend können sie beim fantastischen Pubquiz ihr Fan-Wissen testen. Sonntagnachmittag können sich die Verkleidungsenthusiasten beim Cosplay Contest in Schale werfen und um den Preis fürs beste Kostüm wetteifern.