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"Hope Gap": Gestrandet in der Gefühlsblase
Kultur 1 3 Min. 05.09.2020

"Hope Gap": Gestrandet in der Gefühlsblase

Showdown ohne wahre Spannung: Edward (Bill Nighy) und Grace (Annette Bening) treffen sich beim Notar.

"Hope Gap": Gestrandet in der Gefühlsblase

Showdown ohne wahre Spannung: Edward (Bill Nighy) und Grace (Annette Bening) treffen sich beim Notar.
Origin Pictures
Kultur 1 3 Min. 05.09.2020

"Hope Gap": Gestrandet in der Gefühlsblase

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Ein Mann, eine Frau, ein Sohn - und das Aus nach 29 Jahren Ehe. Klingt banal - und ist es auch. Dabei rettet das Schauspielduo Annette Bening und Bill Nighy zum Glück noch das Kammerspiel vor dem totalen Absturz.

Immer wieder gerne wird Leo Tolstois Einstiegssatz aus „Anna Karenina“ ausgepackt, wenn es gilt, irgendeine Art von ehelicher Beziehungskiste in Literatur und Film zu beschreiben: „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich“, schrieb der russische Schriftsteller in seinem 1878 veröffentlichten Roman – wobei die Interpretation dieser Aussage praktischerweise so zurechtgebogen werden kann, wie es am besten in die eingenommene Perspektive passt. 

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Ist nicht Tolstoi, wer will

Gleich mit seiner ersten Szene in „Hope Gap“ will auch William Nicholson, britischer Filmemacher und hier ebenfalls Drehbuchautor sowie Autor des Theaterstückes auf dem der Film fußt, dem Zuschauer verdeutlichen, was ihn als Erkenntnis (wenn es denn überhaupt eine ist) nach den darauffolgenden 100 Minuten erwartet: Nämlich, dass nach dem Implodieren einer 29-jährigen Beziehung jeder der drei von diesem Ende Betroffenen – Mann, Frau und der gemeinsame Sohn – wie die kleinen Meerestierchen von der Ebbe kalt erwischt in einer kleinen Meerespfütze festsitzen sprich Gefangene in ihrer eigenen, kleinen Gefühlsblase sind. 

Und dass seine Botschaft eine universelle Tragweite hat, unterstreicht der Regisseur dann auch noch visuell, indem er seine drei Figuren, Ehemann Edward (Bill Nighy), Gattin Grace (Annette Bening) und Sohn Jamie (Josh O’Connor), erst einmal als identitätslose Hülle einführt, ohne ihre Gesichter zu zeigen: Sie sind wir und wir sind sie. 

Edward (Bill Nighy) verlässt Grace - für eine Andere. Doch ist er wirklich der Schuldige?
Edward (Bill Nighy) verlässt Grace - für eine Andere. Doch ist er wirklich der Schuldige?
Origin Pictures

Schon Tausende Mal so gesehen

Alles andere als spektakulär, ja geradezu alltäglich und fast banal klingt die Geschichte, die „Hope Gap“ erzählt: Edward und Grace leben im malerischen Küstenstädtchen Seaford. 

Ohne warnendes Vorzeichen und nach 29 Jahren scheinbar glücklicher Ehe verlässt der zuvor nicht nur verbal dominierte Edward Grace für eine andere – jedoch nicht, bevor er den erwachsenen Sohn Jamie gebeten hat, als moralische Stütze für die Mutter zu fungieren.

Wo der französische Film jede Emotion meist totdiskutiert, zeigt sich die Bandbreite des britischen Gefühlsphlegmas im Ausdrücken des Teebeutels.

Während Grace diesen Schritt nicht akzeptieren kann, versucht jedes Familienmitglied auf seine Weise mit ihm fertig zu werden ... 


Nicht nur der Protagonist (John David Washington) hat Mühe das Konzept der zurücklaufenden Zeit zu verstehen, auch der Zuschauer muss sich wie gewohnt bei einem Nolan-Film, etwas anstrengen.
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Für so manchen Zuschauer mag allein diese Kombination aus gefühlt schon Tausend Mal Gesehenem zu viel des Guten sein, und er wird auch in den psychologischen Zwischentönen, die Nicholson zuweilen recht krampfhaft herausarbeitet, nicht sein filmisches Glück finden. 

Gefilmtes Theater mit wenig Mehrwert 

Was bringt dem Zuschauer aber nun eine Leinwandadaptierung des Tony-Award-nominierten Erfolgsstücks „Retreat from Moscow“ eigentlich überhaupt an Mehrwert im Vergleich zur unmittelbaren Intensität der Bühne? Zumindest eines: die wundervollen Klippenaufnahmen von Kamerafrau Anna Valdez-Hanks. Die opulenten Landschaftsbilder und das kalte Licht, das sie verströmen, lässt einen die Ausweglosigkeit der Lage visuell erfahren. 

Der ferne Horizont und die Weite von Himmel und Meer sind hier nicht befreiend, sondern beengend.

 Dem Schauspielduo Annette Bening und Bill Nighy ist es zu verdanken, dass der Film überhaupt einen Anreiz behält. Denn ihnen gelingt durch ihre Darbietung dem manierierten Ganzen und seinen teils schwerfälligen Dialogen, wenn schon nicht eine Glaubhaftigkeit, zumindest grazile Momente kurzzeitiger Erleuchtung zu entlocken. 

Grace (Annette Bening) kann sich mit dem Verlassenwerden nicht abfinden.
Grace (Annette Bening) kann sich mit dem Verlassenwerden nicht abfinden.
Origin Pictures

 Warum ein erwachsener Sohn die Trennung derweil wie ein kleiner hilfloser Junge durchlebt, bleibt dabei das Geheimnis des Drehbuchs ...   

Das Zusammenspiel von Benings intellektuell unerbittlicher, forscher Provokationshaltung und Nighys kapitulierender Zurückgezogenheit mitsamt beschämt gesenktem Blick mag vielleicht für so manchen Zuschauer einen gewissen Wiedererkennungswert haben, doch genau da drückt der Schuh. 


Weil er nicht gleich bei Grün losgefahren ist, wird Tom (Russell Crowe) angehupt und verliert daraufhin nicht nur seine Nerven, sondern auch jegliche Hemmungen: Er will Genugtuung für die Demütigung.
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Denn ins Kino geht niemand, um sich dort genau die Probleme anzusehen, die er vielleicht aus dem richtigen Leben kennt – es sei denn, um Antwortansätze zu finden und bestenfalls eine eigene Entwicklung anzustoßen. Beides ist hier Fehlanzeige. 

 Wer es allegorisch und elegisch mag, wird mit einem beschaulichen Kammerspiel entlohnt, alle anderen sollten sich wohl besser enthalten. Wie heißt es so schön: Jeder muss am Ende sein eigenes Päckchen tragen!

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