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Hingehen! Hinsehen!
Kultur 1 4 Min. 01.05.2015 Aus unserem online-Archiv
Europäischer Monat der Fotografie

Hingehen! Hinsehen!

Kultur 1 4 Min. 01.05.2015 Aus unserem online-Archiv
Europäischer Monat der Fotografie

Hingehen! Hinsehen!

Die Ausstellungen im Rahmen des Europäischen Monats der Fotografie sind nicht nur Naziposen und androgyne Jungs. Es geht dabei auch um den Mut, den Betrachter in über 30 Schauen zu neuen Blicken auf die Welt herauszufordern.

Von Daniel Conrad

Tatiana Lecomte lässt einfach das Zentrum ihrer Bilder weiß, Andreas Mühe arbeitet sich an der Bildästhetik der Naziprogapanda ab, Adrian Paci zeigt seine künstlerische Sicht auf sozioökonomische Konflikte – alles zu schwermütig? Ganz im Gegenteil: Die Luxemburger Ausstellungen im Rahmen des europäischen Monats der Fotografie sind in ihrem Gesamtansatz eine hochwertige und immer wieder überraschende Feier an eine Kunstsparte, die in ihrer breiten technischen, thematischen und kunsttheoretischen Vielfalt schillern darf.

Nach dem Terminbombardement an Vernissagen, Vorträgen und Begegnungen mit Künstlern um das Wochenende vom 25. April als offiziellen Startschuss, ist etwas Ruhe eingekehrt – auch für die Organisatoren des fünften „Europäischen Monats der Fotografie“, insbesondere das Organisationsteam um Paul di Felice und Pierre Stiwer, die als Protagonisten für dieses Mammutprojekt im Land stehen.

Paul Di Felice
Paul Di Felice
Foto: Lex Kleren

„Ohne die Mithilfe der vielen Institutionen – von den Museen bis zum den Kuratoren und Helfern in den privaten Galerien von Düdelingen bis Clerf wäre das gar nicht zu leisten“, betont Di Felice. Ganz abgesehen von den Koordinationen im Land bringt die groß angelegte internationale Initiative auch Absprachen mit den Partnern in Athen, Berlin, Bratislava, Ljubljana, Paris und Wien mit sich.

Doch muss es wirklich auch ein Besuch in den anderen beteiligten Metropolen sein? Nein, zumal wegen des internationalen Zeitplans kaum mehr etwas dort zu sehen wäre und schon die im Rahmen des „Monats“ im Großherzogtum stattfindenden 30 Ausstellungen in 22 „Spielstätten“ kaum zu schaffen sind, aber hohe Qualität bieten.

Lorenzo Vitturi „Purple“ (aus der Reihe „Dalston Anatomy“), 2013: Vitturi zeigt im Pomhouse des CNA seine Ode an den multikulturell geprägten Londoner District Dalston: farbintensive Fotografie als Mahnung zur Bewahrung dieses Viertels.
Lorenzo Vitturi „Purple“ (aus der Reihe „Dalston Anatomy“), 2013: Vitturi zeigt im Pomhouse des CNA seine Ode an den multikulturell geprägten Londoner District Dalston: farbintensive Fotografie als Mahnung zur Bewahrung dieses Viertels.
Foto: Lorenzo Vitturi

Wo soll denn da der Besucher nur anfangen? Allein die jeweils begleitenden Materialien, Kataloge, Dokumentationen und Beschreibungen sind ein echter Dschungel. Als Dreh- und Angelpunkt gilt die zentral im Fokus stehende Ausstellung mit dem Leitmotto „Memory Lab – Photography Challenges History“, die Di Felice und Stiwer für Luxemburg aus den insgesamt für diese Auflage aus den 43 internationalen Vorschlägen an künstlerischen Arbeiten in ihrer Sicht kuratiert haben.

Darin beleuchten die beiden Fotografieexperten den Umgang der Europäer mit ihrer Vergangenheit – insbesondere der kriegerischen Konflikte, die ihre Spuren physisch wie psychisch hinterlassen haben – und damit sind nicht nur die beiden Weltkriege, sondern zum Beispiel auch der Balkan-Konflikt in den 1990er-Jahren gemeint.

Um noch deutlicher den Blick zu schärfen, arbeiten die Kuratoren mit vier Schwerpunkten der Schau an vier Standorten. Ob das auch der Situation in Luxemburg zu schulden ist, das für so eine Gelegenheit keine große flexiblere Galerie zur Verfügung steht, bzw. Bestehendes nicht gemietet und umgerüstet werden kann?

Bild für Bild ein neuer Impuls

Im Mudam rücken jedenfalls unter dem Titel „Memory-Lab I: Ré-écritures“ (bis 31. Mai) insbesondere die kritisch-künstlerische Neubewertung historischer Kontexte oder die Verwendung historischer Zitate als Teil einer Neukreation im Vordergrund. Unter den dort ausgestellten sechs Künstlern findet sich auch Tatiana Lecomte, die mit ihre außergewöhnlichen Arbeit „Zement“ aus dem Jahr 2006 mit dem Preis der internationalen Jury, einer Stiftung der auch als Sammler für zeitgenössische Fotografie aktiven Luxemburger Anwaltskanzlei Arendt und Medernach, ausgezeichnet wurde.

Ausgezeichnet: Tatiana Lecomte
Ausgezeichnet: Tatiana Lecomte
Foto: Tatiana Lecomte

Was macht ihre Serie so preiswürdig? Mit den riesigen Weißflächen verdeckt sie die Dokumentation, driften ihre Arbeiten ins Abstrakte, degradiert sie das Motiv, von dem nur Reste am Bildrand zu erkennen sind. Konkret handelt es sich aber um Aufnahmen des Geländes des ehemaligen Konzentrationslagers Ebensee, auf dem später eine Wohnsiedlung entstand. Mit dem Weglassen inszeniert sie in ihrer Fotografie auch das „Übertünchte“ dieses Ortes.

Im Nationalmuseum findet sich der zweite Teil „Le Passé du Présent“ (bis 13. September). Aufsehen erregend sind hier besonders die Arbeiten von Andreas Mühe und Erwin Olaf, die sich an der Zeit der 1930er und 40er-Jahre bzw. der darin entwickelten Bildästhetik abarbeiten. Aufnahmen in Naziposen, die durchaus polarisieren, stehen dann in der Dramaturgie der Ausstellung im Widerspiel mit den androgynen Porträts, die Bettina Rheims beisteuert – eine Auseinandersetzung mit den Geschlechterrollen, die gänzlich im Widerspruch zum Geschlechterbild der Nationalsozialisten steht; ein wirklich interessanter Winkelzug der Kuratoren.

Aura Rosenberg „The Angel of History“ (2013): In ihrem Video, das im Kunstforum Casino gezeigt wird, setzt sich Rosenberg in einem Bilderrausch mit dem Philosophen Walter Benjamin und den „historischen Ruinen und Fortschritten“ auseinander
Aura Rosenberg „The Angel of History“ (2013): In ihrem Video, das im Kunstforum Casino gezeigt wird, setzt sich Rosenberg in einem Bilderrausch mit dem Philosophen Walter Benjamin und den „historischen Ruinen und Fortschritten“ auseinander
Foto: Aura Rosenberg

Erweitert wird der Bogen der „Memory-Lab“-Teile im Ratskeller des Cercle Cité (bis 5. Juli), die unter dem Titel „Traces“ eher dokumentarische Aspekte der Fotografie wie Henning Rogges Spurensuche nach Bombenkratern des Weltkriegs hervorhebt. Passend zum Spielort reihen sich dann im Casino – Forum d'art contemporain“ (bis 6. September) noch die Arbeiten unter dem Titel „Transit“ ein, die die kollektiven Erinnerungen und Identität von Gesellschaften mit neuen Ausdrucksmitteln von Foto und Video hinterfragen.

Erwin Olaf „Berlin: Portrait 05 (9. Juli 2012)“: Im MNHA zeigt Olaf seine Sicht auf die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen an realen Schauplätzen in Berlin.
Erwin Olaf „Berlin: Portrait 05 (9. Juli 2012)“: Im MNHA zeigt Olaf seine Sicht auf die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen an realen Schauplätzen in Berlin.
Foto: Erwin Olaf

Doch gerade auch jenseits dieser zentralen Ausstellung finden sich echte fotografische Leckerbissen, die im Rahmen des „Monats“ auf ihre Weise und jeweils eigens kuratiert den Reigen ergänzen – darunter auch Arbeiten mit direktem Luxemburgbezug oder von Luxemburger Künstlern wie Yvon Lambert (Universität Campus Walferdange, bis 30. September) oder Laurianne Bixhain (Kiosk, bis 31. Mai) und Andrés Lejona (Neimënster, bis 21. Juni).

Nicht zu vergessen: Steichen. Gerade durch das Aufeinaderprallen der zeitgenössischen Arbeiten und der Steichen-Dauerausstellung im Wiltheim-Flügel des Nationalmuseums entstehen neue Fragestellungen an Steichens Arbeit und Menschenbild.

www.europeanmonthofphotography.org

www.cafecreme-art.lu


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