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Hartes Rennen um die Goldene Palme
Kultur 4 3 Min. 19.05.2018 Aus unserem online-Archiv

Hartes Rennen um die Goldene Palme

(v.l.n.r.) Ava DuVernay, Lea Seydoux, Cate Blanchett, Kristen Stewart und Khadja Nin entscheiden über die Preisträger.

Hartes Rennen um die Goldene Palme

(v.l.n.r.) Ava DuVernay, Lea Seydoux, Cate Blanchett, Kristen Stewart und Khadja Nin entscheiden über die Preisträger.
Foto: AFP
Kultur 4 3 Min. 19.05.2018 Aus unserem online-Archiv

Hartes Rennen um die Goldene Palme

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Wie er denn nun war, dieser „Cru 2018“ der Filmfestspiele von Cannes? Überraschend anders, unerwartet vielschichtig, manchmal etwas ungleich, doch im Nachgeschmack angenehm. Denn die Würze von sieben Filmen ließ die Schalheit der anderen schnell vergessen.

„Und dann hat ein Kenner mir noch geflüstert, dass früher das Geld von Weinstein und Co. die Stars an die Croisette brachte – und jetzt, na ja ...“, meint ein Insider – und nennt das, nach der Abwesenheit amerikanischer Produktionen in den diesjährigen Wettbewerbsreihen und der Angst der Amerikaner vor Attentaten, als Gründe, wieso die Croisette diesmal etwas leerer als in den Vorjahren war. Prompt titelten denn auch zahlreiche Presseorgane über den langsamen Niedergang des Sterns von Cannes.

Zu Unrecht: Denn Erfolg misst sich nicht an der Zahl der Stars und Partys, sondern der Qualität der Wettbewerbsbeiträge. Und ist 2018 auch ein (un-)ruhigeres Jahr, das mit viel Kritik anfing, so hat es auch etwas von einer Umbruchstimmung. Die lässt darauf schließen, dass Leiter Thierry Frémaux versucht, seinem Festival ein neues, zukunftsorientiertes Profil zu geben: Zurück zu einem Autorenkino mit starker persönlicher Prägung, die denn auch nicht jedem gefallen muss, und hin zu gesellschaftskritischen und politisch engagierten Themen. Das Ganze trotzdem publikumsfreundlich, ja verdaulich – Altmeister Godard ausgenommen! –, so könnte man die Ausgabe 2018 zusammenfassen.

Fünf würdige Preisträger

Für jedermanns Gusto dürfte dies sicher nicht sein: Denn am liebsten hat man es ja bekanntlich so, wie man es kennt – und am besten auch noch mit den üblichen Verdächtigen. Dabei gab es beim diesjährigen Wettbewerb gleich sieben Filmhöhepunkte, die sich berechtigte Preis-Chancen machen dürften, da sie allesamt überzeugen und einen bleibenden Eindruck hinterlassen. So machen sie denn auch schnell die im Wettbewerb weniger schlüssigen Beiträge, gar regelrechte Enttäuschungen vergessen.

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Allerdings verantworten zwei dieser Highlights zwei Regisseuren, die, falls sie eine Auszeichnung erhalten sollten, diese nicht entgegennehmen werden können. Ihnen wird die Ausreise aus ihrer Heimat an die Croisette verweigert: Vermag Regisseur Kirill Serebrennikov mit „Leto“ die Form des Musikfilms „Made in Russia“ formal frisch umzusetzen, so beweist sein iranischer Kollege Jafar Panahi mit „3 Faces“, dass es nicht großer Mittel, sondern einfach nur eines richtigen Erzähltalents bedarf.

Verdiente Hoffnungen dürfen sich ebenfalls der Japaner Kore-eda Hirokazu und der 1989 für „Do the Right Thing“ bereits mit einer Palme ausgezeichnete Amerikaner Spike Lee machen: Überzeugt Erster in „Shoplifters“ mit einem feinen, doch vielschichtigen Familienporträt, in dem Form und Inhalt ausgewogen zusammenfinden, so kann der Zweite mit „BlacKkKlansman“ Humor und Ernsthaftigkeit so gut miteinander verbinden, wie man es auf der Leinwand selten gesehen hat. Beiden ist gemein, dass sie das Medium Film mit bemerkenswertem technisch-handwerklichem und erzählerischem Können einsetzen.

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Dies tut auch Matteo Garrone in seinem düsteren „Dogman“, der unvorstellbare Brutalität ohne Voyeurismus zeigt – und Marcello Fonte eine Rolle bietet, für die er den Darstellerpreis verdient hätte. Die Libanesin Nadine Labki hätte für die überzeugende Art, wie sie in „Capharnaüm“ ihre jungen Darsteller leitet und die beklemmende Geschichte visuell umsetzt, den Regiepreis verdient.

Erschütternde Fehlbesetzungen im Wettbewerb

Außenseiterchancen hat auch der polnische Regisseur und Oscar-Preisträger Pawel Pawlikowski. Sein Streifen „Zimna Wojna“ überzeugt allein schon durch seine meisterhafte Faktur, wenngleich er genau wegen dieser „geleckten“ Perfektion in der Emotionalität von den sechs anderen Filmen etwas abfällt.

Insgesamt ist das Verdienst dieses Drittels des Wettbewerbs eindeutig: Schnell lassen sie die Filme, über deren Platz im Wettbewerb man sich wundern konnte, vergessen. So wie etwa „Burning“ von Lee Chang-dong, der anderthalb Stunden braucht, um in die Gänge zu kommen, oder die Stilübung „Under the Silver Lake“.

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Herb enttäuschte Eva Hussons „Les filles du soleil“, der zwar wichtige Themen anschneidet, sich jedoch in Klischees und Melodramen verirrt: Hier könnte man einen kollektiven Darstellerinnenpreis befürchten, der zwar den Mut ehren würde, dem Resultat jedoch nicht entspricht. Ein Fall für sich ist Jean-Luc Godards „Le livre d'image“, an dem sich die Geister mit klarer Demarkationslinie im Atlantik scheiden, und der eher visuelle Performance denn Film ist.

Spannend bleibt es bei der Bandbreite der Beiträge und einer mit starken, jedoch gänzlich unterschiedlichen Persönlichkeiten besetzten Jury unter Cate Blanchett bis zur heutigen Preisverleihung. Denn die Entscheidung wird, bei der gebotenen Qualität, nicht nur allein Filme auszeichnen, sondern zeigen, welche politische und künstlerische Botschaft Cannes an die ganze Welt richten will.


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