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Harte Kontraste, Finesse im Detail
Kultur 3 Min. 30.08.2018

Harte Kontraste, Finesse im Detail

Ein Portrait von Gustav Adolf Graf von Gotter und seine Nichte Friederike von Wangenheum in Pilgerkostüme (1750) nach Pesne Adolf von Gotter ist in der Ausstellung "Confrontatios" in der Villa Vauban zu sehen.

Harte Kontraste, Finesse im Detail

Ein Portrait von Gustav Adolf Graf von Gotter und seine Nichte Friederike von Wangenheum in Pilgerkostüme (1750) nach Pesne Adolf von Gotter ist in der Ausstellung "Confrontatios" in der Villa Vauban zu sehen.
Foto: Villa Vauban
Kultur 3 Min. 30.08.2018

Harte Kontraste, Finesse im Detail

Daniel CONRAD
Daniel CONRAD
Gummihandschuhe liegen bereit, um zwei Skulpturen zu Leibe zu rücken. Direkt und kontrastreich wirkt die „Confrontations“-Schau in der Villa Vauban schon an den beiden ersten Ausstellungsstücken. „Nah ran, ganz bewusst und mit Neugier entdecken“, ist das Motto.

Kunst direkt erfahren lernen, unbekannte Facetten mit den eigenen Sinnen neu und anders zu verstehen – das allein sind schon Gründe, sich die aktuelle Ausstellung „Confrontations“ in der Villa Vauban nicht entgehen zu lassen.

Schon die ersten Stücke stehen dafür sinnbildlich. Handschuhe liegen für die Besucher bereit. Es gilt, die Formen der Skulpturen von Rodin (eine Kopie) und Lobo (ein Original) – die eine noch recht figürlich, die andere schon abstrahierend und die menschliche Form auflösend – mit den Händen direkt nachzufühlen.

Wie hat der Künstler gearbeitet, die Oberfläche gestaltet, welches Material ausgesucht, seine „Sprache“ umgesetzt? Unabhängig davon, dass so sehbeeinträchtigte Menschen auch mit ihrem Tastsinn Kunst erleben können und ganz eigene Eindrücke sammeln können, ist das ein herrlicher Bruch der sonst zwischen Besucher und Objekt aufgebauten Distanz. Jeder soll hier Kunst so nah wie möglich vermittelt bekommen. Die Schau steht eben unter dem Motto „Ein Museum für alle“. Das schließt unter anderem spezielle Führungen bis zu Aufarbeitungen der konkreten Stücken ein. Die Ausstellungstexte auch in „einfacher Sprache“ für Menschen mit Verständnisproblemen anzubieten ist ein weiteres Plus.

Epp Liebespaar (1868) in der Villa Vauban Ausstellung "Confrontations".
Epp Liebespaar (1868) in der Villa Vauban Ausstellung "Confrontations".
Foto: Villa Vauban

Ein neues, inzwischen drittes Tastmodell im Auftrag des Museums bereichert die Schau. Es wurde speziell in Frankreich gefertigt. Mit seinen reliefartigen Hervorhebungen und unterschiedlichen Oberflächen zentraler Bildanteile lässt es eine andere Art der Wahrnehmung zu. „Zug um Zug werden wir von unseren wichtigsten Sammlungsstücken, die wie eben der Canaletto auch gerne als Leihgaben angefragt werden, Tastmodelle anfertigen lassen“, sagt die Museumskuratorin Gabriele Grawe, die die Schau maßgeblich konzipiert hat.

Der Selbstversuch mit geschlossenen Augen hilft, sich neue Fragen zu stellen: „Hätte ich die Dachlinien des Canalettos oder die perspektivischen Ebenen wirklich so bemerkt? Sind mir die Personen im Vordergrund als Sehender wirklich aufgefallen?“ Überraschend wirkt dieses Wechselspiel.


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Doch das ist nur eine Nuance dieser Wahrnehmungsmöglichkeiten. Gezielt lässt das Museum noch Spielerischeres zu. Über ein eingerichtetes „Fotostudio“ und passende Kostüme dürfen große und kleine Besucher sogar Teil eines der Gemälde werden. Dabei rückt plötzlich die Frage um die Positionierung der im Bild eingearbeiteten Personen in den Fokus. Und in welcher Stimmung werden sie gezeigt? Welchen Eindruck würde das machen, wenn sich nur eine Nuance verändert?

Es geht hier aber nicht nur um eine vereinfachte Zugänglichkeit und das Zugehen auf Menschen, die eine Ausstellung sonst nur schwerlich besuchen könnten.

Innovative Konzepte an den klassischen Stücken der Sammlung

Letztlich versucht das Museum, seine breite Sammlung unter den verschiedenen Aspekten nach vorne zu spielen und sie anhand dieser ausgewählten „70 Gemälde, Aquarelle, Stiche und Skulpturen aus dem 17. bis zum 21. Jahrhundert“ als Schatz und lokaler Ankerpunkt eindrücklich im Neubau der Villa in Szene zu setzen. Die Konfrontation besteht hier nicht nur zwischen Betrachter und Kunstobjekt. Konfrontation ist hier im Sinne von Vergleich zu verstehen – mal hart, mal weich, mal thematisch, mal technisch, mal zum Staunen, mal zum selbst Ausprobieren. Der Spaßfaktor macht es auch für Kinder einfach, zumindest die ersten Schritte in die Kunst zu wagen.

Liebe und Zuneigung kann kunsthistorisch so unterschiedlich gezeigt werden: ob so frivol-liebesnärrisch wie in Pesnes „Gustav Adolf Graf von Gotter und seine Nichte Friederike von Wangenheim“ (l., um 1750) oder so als fast keusches „Liebespaar“ von Epp (r., 1868). Um selbst sehbeeinträchtigten Besuchern Kunsteindrücke zu vermitteln, hilft ein weiteres Tastmodell. Das Museum hat in den letzten Jahren mehrere in Auftrag gegeben: Das um Canalettos „Der Canal Grande von Campo San Vio aus gesehen“ ist das jüngste.
Liebe und Zuneigung kann kunsthistorisch so unterschiedlich gezeigt werden: ob so frivol-liebesnärrisch wie in Pesnes „Gustav Adolf Graf von Gotter und seine Nichte Friederike von Wangenheim“ (l., um 1750) oder so als fast keusches „Liebespaar“ von Epp (r., 1868). Um selbst sehbeeinträchtigten Besuchern Kunsteindrücke zu vermitteln, hilft ein weiteres Tastmodell. Das Museum hat in den letzten Jahren mehrere in Auftrag gegeben: Das um Canalettos „Der Canal Grande von Campo San Vio aus gesehen“ ist das jüngste.
Foto: Villa Vauban / Guy Jallay

Apropos Kinder: Vier Kinderporträts hängen in einem der Säle nebeneinander. Zwei aus dem 17. Jahrhundert von Pieter Nason und Ferdinand Bol und zwei ganz aktuelle aus dem Atelier der Luxemburger Künstlerin Chantal Maquet wurden quasi noch mit feuchter Farbe zur Ausstellungseröffnung aufgehängt. Hier bietet sich nicht nur ein kunsthistorischer Vergleich von dargestellten Kindheitsvorstellungen und Rollenbildern an. Die Bilderreihe wirft auch soziologische Fragen auf: Spiel als Erziehung und Vorbereiten auf das Erwachsenenleben zum Beispiel. Und Eltern können ihren Kindern diesen Abgleich zunutze machen und sie „konfrontieren“: Wie leben wohl diese dargestellten Altersgenossen, welche Unterschiede bestehen, wie lebst du und wie leb(t)en andere Kinder?

„Was macht die Farbe mit mir, wenn nur eine andere Nuance auftaucht? Oder löst die gleiche Farbe auf einer anderen Oberfläche etwas anderes aus?“, eben auch Erwachsene gewinnen bei dieser Reise, die in ihrem Rahmen unerschöpflich wirkt. Diese Selbsterfahrungen ohne erhobenen Zeigefinger über die gesamte Schau schaffen bestenfalls so etwas wie ein Wahrnehmungsportfolio, das sich wieder für neue Kunstwahrnehmungen eignet. Und das geschieht nicht zuletzt im Eigeninteresse des Hauses.

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„Confrontations“, bis 3. Februar 2019 in der Villa Vauban. Geöffnet mittwochs bis montags, 10 bis 18 Uhr, freitags 10 bis 21 Uhr, dienstags geschlossen, ein breites Rahmenprogramm ergänzt die Schau. Alle Informationen hierzu: www.villavauban.lu


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