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Hart, aber überraschend
Adeel Akhtar spielt Wilson Wilson

Hart, aber überraschend

Foto: Channel 4
Adeel Akhtar spielt Wilson Wilson
Kultur 1 2 Min. 15.04.2018

Hart, aber überraschend

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Keine Zutat fehlt: Da wäre ein wahnsinnig gewordener Wissenschaftler, eine Schattenorganisation mit Weltherrschaftsagenda, ein paar skrupellose Killer, skurrile Geeks und ein Comic, der alle Geheimnisse preisgibt. Doch nicht der Inhalt, die Mischung macht's bei „Utopia“.

Studentin Becky (Alexandra Roach), IT-Spezialist Ian Johnson (Nathan Stewart-Jarrett), der Verschwörungstheoretiker Wilson Wilson (Adeel Akhtar) und der elfjährige Grant Leetham (Oliver Woollford) sind ziemlich in der Klemme – und Schuld daran ist ein Comic: „The Utopia Experiments“. Um an das Manuskript des zweiten Teils zu gelangen, haben Arby (Neil Maskell) und Lee (Paul Ready), zwei eiskalte Killer einer obskuren Organisation, die sich „The Network“ nennt, gerade Bejan Chervo (Mark Stobbart), einen Kollegen der vier Geeks aus dem Comicforum von seinem Balkon in den Tod gestürzt.

Denn „Utopia“ ist der Schlüssel zu allmöglichen Verschwörungstheorien: Der Comic beweist sie alle. Als Grant die Zeichnungen mitgehen lässt, ist die Jagd auf die vier Comicfans eröffnet. In Jessica Hyde (Fiona O'Shaughnessy), der auf der Flucht lebenden Tochter des wahnsinnigen Wissenschaftlers, der das Ganze verbrochen hat, findet die Truppe eine schlagkräftige, doch gefährliche Verbündete. Ein dramatisches Rennen mit der Zeit beginnt ...

Bei der Flut von Neuproduktionen, die laufend auf der Streamingplattform Netflix hinzugefügt werden, ist es zuweilen auch mal interessant, etwas ältere Produktionen (wieder) zu entdecken. So beispielsweise die britische Channel-4-Serie „Utopia“. Sensible Gemüter seien jedoch eindringlich gewarnt, dass das Blut zuweilen ziemlich doll herumspritzt; und zwar crescendo. In der zweiten Staffel manchmal so sehr, dass es einem regelrecht auf den Magen schlagen kann. Die Gewalt (mit unter anderem einer brutalen Schießerei in einer Schule) wäre aber dann auch der einzige Kritikpunkt, den man an der Serie anbringen könnte.

Denn die Entdeckung von „Utopia“ lohnt visuell und erzählerisch. Dabei sollte sich der Zuschauer an eine einzige Faustregel halten: hier nichts für bare Münze zu nehmen. Die Vielschichtigkeit und die fantasievolle Umsetzung mitsamt zahlreicher gelungener Twists macht nämlich den Charme der Serie aus. Der britische Serienmacher Dennis Kelly zeichnet sich mit „Utopia“ auf einem Gebiet aus, das ansonsten meist Steckenpferd seiner amerikanischen Kollegen ist: der Verschwörungstheorien aller Art.

Kein amerikanisches Remake – aus Kostengründen

„Utopia“ zeichnet dabei visuell eine farbvolle, bestechend schräge Welt, die aussieht, als hätte man einen Technicolor-Comic-Filter über die Realität gelegt – und flugs wird was erst banal wirkt zu einem wirkungsvollen erzählerischen Element. Regisseur Marc Munden zieht dabei konsequent eine spannende Ästhetik durch und vernachlässigt zudem auch nicht seine Figuren, die ebenso einfallsreich und skurril daherkommen.

Dass „Utopia“ 2014 mit dem „International Emmy Award“ für die beste Dramaserie ausgezeichnet wurde und Munden eine BAFTA-Nomination als bester Regisseur einbrachte, kommt nicht von ungefähr: Selten sieht man solch eine Konsequenz und Durchhaltevermögen auf allen Ebenen in einer Produktion – die leider nach zwei Staffeln eingestellt wurde.

HBO sicherte sich die Rechte für eine amerikanische Adaptation mit „Fight Club“-Regisseur David Fincher und „Gone Girl“-Autor Gillian Flynn als Drehbuchautor, selbst Rooney Mara wurde bereits als Jessica Hyde gehandelt, doch dann wurde das Projekt – aus Kostengründen – abgeblasen. Und das ist auch eigentlich gut so ...

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„Utopia“ (sechs Episoden pro Staffel) ist auf der Streamingplattform „Netflix“ abrufbar.