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Große Inka-Schau im Saarland: Gier nach Gold
"Goldener Kopfschmuck mit Raubkatze, Schnabel und Vogelfedern"  - eines "der" Stücke der Schau.

Große Inka-Schau im Saarland: Gier nach Gold

Foto: Weltkulturerbe Völklinger Hütte/Hans-Georg Merkel
"Goldener Kopfschmuck mit Raubkatze, Schnabel und Vogelfedern" - eines "der" Stücke der Schau.
Kultur 10 Min. 08.08.2017

Große Inka-Schau im Saarland: Gier nach Gold

„Inka – Gold. Macht. Gott.“: Die Weltkulturerbestätte Völklinger Hütte beleuchtet die 3 000-jährige Geschichte einer untergegangenen Hochkultur.

Von Michael Merten

Als Amerikas Schätze auf die Gier der Eroberer trafen: Mit der Ausstellung „Inka – Gold. Macht. Gott.“ beleuchtet die Weltkulturerbestätte Völklinger Hütte die 3 000-jährige Geschichte einer untergegangenen Hochkultur. Wir haben die Schau besucht und uns mit dem Hauptleihgeber, dem Direktor des Museo Larco in Lima, unterhalten (s.u.)

Zwischen den alten Gebläsemaschinen

Das Areal am Rande der saarländischen Stadt Völklingen lag nach dem Ende der Produktion 1986 lange brach. 1994 wurde es zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt.
Das Areal am Rande der saarländischen Stadt Völklingen lag nach dem Ende der Produktion 1986 lange brach. 1994 wurde es zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt.
Foto: VH/F. Mörschner

Nebelverhangener Regenwald. Ein Wasserfall, der sich seinen Weg durch Felsvorsprünge ebnet. Die Dünen der pazifischen Küstenwüste. Großformatige Leinwände zwischen den gewaltigen Rohren und Maschinen der alten Gebläsehalle begrüßen den Besucher. Kaum hat sich das Auge an den überwältigenden Naturlandschaften Perus sattgesehen, eröffnet sich dem Betrachter ein noch prachtvolleres Panorama: die Andenstadt Machu Picchu, eine Symbiose aus Berggipfeln, Urwald, Terrassen und Häuserruinen auf 2 350 Metern. Zeugnis einer längst untergegangenen Hochkultur, der sich das stillgelegte Eisenwerk nun in einer neuen Sonderausstellung widmet.

220 Exponate

„Inka – Gold. Macht. Gott.“, unter diesem Titel beleuchtet die Weltkulturerbestätte Völklinger Hütte die rund 3 000 Jahre währende Herrschaft der Inka und anderer peruanischer Frühkulturen ab dem zweiten vorchristlichen Jahrtausend. Bis zum 26. November sind rund 220 Exponate zu sehen, von denen die meisten aus dem Larco- Museum in Lima und Cusco stammen, das nach Angaben der Völklinger Hütte eine der weltweit größten Sammlungen altperuanischer Kunst besitzt. Darunter sind Kultgegenstände wie Opfermesser, mit denen Tieren wie Menschen die Kehle durchtrennt wurde, um das Blut auffangen und damit die Götter milde stimmen zu können. Totenmasken aus Kupfer oder Muscheln, die Gottheiten darstellen, gehören ebenso dazu wie Keramik-Kultgefäße mit Fruchtbarkeitsdarstellungen, die zum Teil explizit sexuelle Handlungen darstellen.

Blickfang sind vor allem aber viele goldene und silberne Kostbarkeiten: Verzierte Schmuckstücke, Nadeln, Ketten, Ringe, Skulpturen, Diademe, Kronen, Becher, Kelche. Für die Inka hatten sie vor allem symbolische Bedeutung, sie standen nicht für Reichtum. Die spanischen Invasoren sahen hingegen nur den materiellen Wert, weshalb 
sie tonnenweise Kunstgegenstände einschmolzen. „Der Mythos des Inka-Goldes hat in dieser Unversöhnlichkeit zweier Wertesysteme ihren Ursprung“, erklärt Generaldirektor Meinrad Maria Grewenig, der mit der Schau an die 2004 zu sehende Ausstellung „InkaGold“ anknüpft. Im letzten Raum der Ausstellung dann nach all der Pracht der Bruch: eine spanische Eisenrüstung aus der Zeit um 1480. Ein Ledersattel, ein Konquistadorenhelm, ein meterlanges Schwert, eine Armbrust, eine Hakenbüchse. Werkzeuge der Vernichtung.

Die Totenmaske der Gottheit Ai Apaec ist ein Zeugnis aus der Moche-Kultur, die von 100 bis 800 nach Christus in Peru existierte.
Die Totenmaske der Gottheit Ai Apaec ist ein Zeugnis aus der Moche-Kultur, die von 100 bis 800 nach Christus in Peru existierte.
Foto: Weltkulturerbe Völklinger Hütte/Hans-Georg Merkel


„Angetrieben von materialistischer Goldgier, eroberten die Konquistadoren das mächtigste Reich Amerikas mit seiner 3 000 Jahre alten Hochkultur“, erinnert Grewenig an die Feldzüge der spanischen Expedition unter Francisco Pizarro. Es waren Abenteurer, Analphabeten, Hasardeure, die von den Erzählungen über den sagenhaften Reichtum der Inka angelockt wurden.

Brutale Unterwerfung

Noch heute erscheint es schier unglaublich, dass eine Expedition mit 183 Mann, 27 Pferden und vier Kanonen ein derart großes Reich wie das der Inka erobern konnte. Das liegt zum einen am Überraschungseffekt: „Pferde, Feuerwaffen, Kanonen: Die Inka hatten so etwas vorher nie gesehen“, sagt Grewenig. Tausende Indianer wurden von den Spaniern niedergemacht, „es war eine brutale Art der Unterwerfung, mit der eine Hochkultur ausradiert wurde“, so der Direktor.

Doch viel größere Opferzahlen als die Gefechte forderten eingeschleppte Erreger wie Typhus, Diphtherie, Keuchhusten und die Pocken. „Die Krankheiten waren für die Eroberung des Inka-Reiches wahrscheinlich entscheidender als die technologische Überlegenheit der Spanier“, schreibt der Direktor der Rüstkammer am Kunsthistorischen Museum Wien, Matthias Pfaffenbichler, im Begleitkatalog. Zudem gab es seit 1525 einen grausamen Bürgerkrieg um die Thronfolge, der noch andauerte, als Pizarros Expedition 1532 begann.

Der Spanier nutzte den inneren Zwist aus und konnte König Atahualpa gefangen nehmen. „In diesem kurzen Kampf wurde ein Imperium zerstört“, erklärt Pfaffenbichler. Obwohl Atahualpa schier unermessliche Reichtümer zu seiner Befreiung zusammentragen ließ, wurde er von Pizarro exekutiert. An das Ende des letzten Inkaherrschers wird der Besucher erinnert, wenn er durch einen goldfarbenen Gang die Schau verlässt.

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„Inka – Gold. Macht. Gott. – 3 000 Jahre Hochkultur“ bis 26. November 2017 im Weltkulturerbe Völklinger Hütte, Rathausstraße 75-79, D-66333 Völklingen, täglich von 10 bis 19 Uhr geöffnet, Eintritt: 13 Euro (Kinder bis 18 Jahre und Studenten mit Ausweis Eintritt frei)

www.voelklinger-huette.org

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„Es geht nicht um das Material Gold an sich“

Andrés Álvarez-Calderón und die Leihgaben des Museo Larco im Völklinger Weltkulturerbe

Interview: Daniel Conrad

Eine Stippvisite gehört dazu: Wenn die Schätze aus dem Museo Larco in Lima rund um den Globus auf Reisen gehen, schaut Andrés Álvarez-Calderón schon mal nach dem Rechten. Die Begegnung mit dem Museumsdirektor aus Peru bei der „Inka“-Schau in der Völklinger Hütte birgt Überraschendes – unter anderem ein Geheimnis um ein eher unscheinbares Gefäß in der Schau.

Herr Calderon, Ihr Museum in Lima verleiht weltweit Werke wie jetzt auch nach Völklingen. Ist dabei auch ein Stück, das Sie jetzt besonders vermissen?

Ja sicher. Es ist kein Stück aus Gold, sondern eine Keramik-Arbeit aus der Moche-Kultur, die in der Schau hier in Völklingen nicht so leicht zu entdecken ist. Sie ist eine Art Flasche, eines der Kultgefäße, die für die Welt der Toten, die Unterwelt geschaffen wurden. Zentral ist die Zusammenführung von wichtigen Symbolen, die auf sie gemalt wurden. Drei Treppenstufen, das Zeichen für die Unterwelt, das Zeichen für die Mutter Erde, die Welt der Lebenden und die himmlische Welt, in der die Sonne, der Regen und die Jahreszeiten verankert sind, die für eine landwirtschaftlich geprägte Kultur eine zentrale Rolle spielte.

Als "Kultgefäß mit Treppen- und Spiralmotiv" bezeichnet der Katalog das Objekt, das Calderon in seinem Museum vermisst.
Als "Kultgefäß mit Treppen- und Spiralmotiv" bezeichnet der Katalog das Objekt, das Calderon in seinem Museum vermisst.
Foto: Weltkulturerbe Völklinger Hütte/Hans-Georg Merkel

Warum ist das denn so zentral?

An den drei Stufen dieser Darstellung beginnt eine Spirale, die auf ganz einfache Weise zeigt, dass diese drei Welten untrennbar miteinander und dynamisch verbunden sind. Diese Art Lebenszirkel ist eine Synthese der peruanischen Weltanschauung vor der Ankunft der Spanier im Jahr 1532. Das Objekt zeigt diesen besonderen, nie endenden Zirkel auf einfachste Weise. Wenn ich selbst besondere Gäste durch das Museo Larco führe, zeige ich normalerweise dieses Kultgefäß und erkläre diese „Cosmovision“ daran, die sich dann auch in vielen anderen Stücken widerspiegelt. Und nun schaue ich immer auf die leere Stelle, und ich vermisse es dann.

Wenn das Kultgefäß doch aus Ihrer Sicht so zentral ist, warum wurde es dann hier in Völklingen nicht präsenter gezeigt?

Die Völklinger Hütte erzählt wunderbar über alle diese Objekte – und das in einer wirklich einzigartigen Atmosphäre. Die meisten der ausgestellten Arbeiten, auch die aus Gold und Silber, enthalten diese Symbole in anderer Form. Aber die Sicht der Kuratoren ist eben etwas anders, und hier hat man sich so entschieden – eben aus der speziellen Perspektive heraus, die sie erzählen wollen.

Aber wiederholt sich da nicht das Klischee zwischen Kulturen, dass eben nur das Gold und die Pracht so wichtig sind, anstatt die Objekte, die wirklich eindrucksvoll auch die Lebensart des einstigen Peru einfangen?

Zunächst muss jede Ausstellung, gerade die temporären, ihren eigenen Zugang finden. Mit den gleichen Objekten lässt sich eine völlig andere Schau erarbeiten, eine andere Art der Vermittlung erzählen. Aber das ist auch das Wunderbare daran, dass man immer neue Perspektiven erarbeiten kann, indem man mit einem anderen Blick auf die Zeitzeugnisse schaut.

Sie haben aber dennoch meine Frage nicht beantwortet: Bieten hier die Kuratoren nicht eine klassische Eroberersicht, die quasi die Gier nach Edelmetall befriedigt? Das Hütten-Marketing wirbt auf den Plakaten ja auch nicht mit einem tönernen Kultgefäß, sondern einem goldenen Kopfschmuck.

Sehen Sie, wenn Sie in einem Museum oder Kulturzentrum arbeiten, haben Sie den schweren Job, attraktiv für einen Besuch zu sein. Wenn man dann mal die Leute dazu bewegt hat, hierherzukommen, dann kann man auch eine andere Geschichte als nur die vom Inka-Gold erzählen. Das Wichtigste ist aber, überhaupt Menschen für ein Thema zu begeistern. Und dann verstehe ich das Marketing auch. Man muss tun, was funktioniert. Aber letztlich kommt es dann auch hier auf die Präzision und Professionalität in der Umsetzung an. Hier ist das Gold ein Schlüssel in die Welt einer viel breiteren Kultur als die der Inkas. Nämlich der sich entwickelnden Hochkultur ab etwa 3 000 vor Christus.

Die Klischees können Sie aber nicht verleugnen ...

Klischees spielen da sicher auch eine Rolle. Es gibt in Peru wie in Europa schon den Mythos der Ankunft der Spanier und den Raub der Schätze. Das muss aber nicht notwendigerweise der Wahrheit entsprechen. Sicher fand man Gold, aber in den Minen. Denn als die Spanier kamen, stellten sie schnell fest, dass die meisten goldglänzenden Arbeiten nicht rein aus Gold bestanden. Meist war es eine Mischung aus 50 Prozent Kupfer, 30 Prozent Silber und 20 Prozent Gold – auch aus symbolisch-weltanschaulicher Hinsicht wurden sie so gefertigt. Kupfer steht für die Welt der Lebenden, Silber für die Unterwelt und Gold für das Himmlische. Als die Spanier feststellten, dass sich das Einschmelzen dann aber nicht lohnte, konzentrierten sie sich auf die Lagerstätten in den Bergen. Deswegen sind wohl auch heute noch viele Stücke erhalten. Vielmehr spiegelt sich in diesem Klischee der Kulturschock wider, als der spanische Katholizismus das Ende der bisherigen Weltsicht einläutete. Die Spanier nahmen nicht das Gold, sondern die Identität einer Kultur. Der Mythos aber blieb.

Andrés Álvarez-Calderón leitet das Museo Larco in Lima.
Andrés Álvarez-Calderón leitet das Museo Larco in Lima.
Foto: Daniel Conrad

Ihr in privater Hand geführtes „Museo Larco“ hat über 45 000 Objekte in seiner Sammlung, die der Gründervater selbst als Archäologe zusammengetragen hat, und die im Gegensatz zu vielen anderen Ausstellungsobjekten in südamerikanischen Museen keine Nachbildungen enthält. Wie würden Sie die Rolle des Museums für das Peru von heute einordnen?

Rafael Larco Hoyle war einer von drei peruanischen Archäologie-Pionieren, und seit seinem Tod 1966 wurde der Sammlung, die er hinterlassen hat, nichts hinzugefügt. Wir sind stolz, wirklich reine Originale aus der vorkolumbianischen Zeit zeigen zu können. Das trägt auch zu unserer Reputation in Südamerika und als Leihgeber in internationalen Schauen von New York bis Tokio bei. Heute spielt das Museum eine sehr wichtige Rolle in Peru, und vielleicht sind wir das einzige Museum, das den Menschen vor Ort einen Zugang zu der historischen Weltanschauung und Symbole der alten peruanischen Kulturen wie den Inka, der Moche-Kultur oder den Nazca im Detail vermitteln kann. Wir merken, dass die einheimischen Besucher wirklich stolz sind, wenn sie verstehen, dass all diese Symbole Ausdruck der frühen, sehr entwickelten Kultur sind, die fast 2 000 Jahre vor Christus als eine der sechs Wiegen der menschlichen Zivilisation gilt.

Ist denn auch die Anerkennung dieser frühen Hochkulturen in den Köpfen weltweit angekommen?

Das ist ein Prozess, und wir müssen ihn aus der richtigen Perspektive sehen. Die Welt der temporären Ausstellungen, in denen wir diese Kontexte weltweit erklären können, ist noch vergleichsweise neu. Seit erst etwa 60 Jahren und mit der Globalisierung wurde das Interesse auch an anderen Kulturen und eben auch denen in Südamerika größer. Und wir zum Beispiel leihen etwa seit den 1990er-Jahren verstärkt auch in ausländische Schauen. Es wird also noch dauern.

Aber je mehr aber auch ausgestellt wird, desto mehr steigt auch die Nachfrage auf dem Kunst- und Antiquitätenmarkt. Sehen Sie nicht auch die Gefahr, dass das Gold der Inkas außer Landes geschafft wird?

Ehrlich gesagt nicht so sehr. Das hat unter anderem zwei Gründe. Der sozialökonomische Wandel in Peru hat mit sich gebracht, dass die Armut nicht mehr so hoch ist, und damit das Risiko sich nicht lohnt. Andererseits hat auch die Achtsamkeit gegenüber den eigenen Kulturgütern zugenommen und die Ausfuhr wird stärker kontrolliert. Das hat aber auch den Nachteil, dass es schwerer wird, Kunst ins Ausland wie hier nach Völklingen auszuleihen.

Sie sagten, dass Sie auch immer etwas lernen können, wenn Stücke Ihrer Sammlung im Ausland gezeigt werden. Was haben Sie von Völklingen gelernt?

Den Umgang mit den Zeugnissen der Industriekultur finde ich schon sehr besonders, und das schafft 
einen ungewöhnlichen Rahmen. Es berührt mich, wie in diesem aufgegebenen Ort neues Leben Einzug hält – und das macht auch die temporäre Schau sehr einzigartig. Aber diese Anlagen sind Teil der Geschichte einer industrialisierten Gesellschaft, die viel vergessen hat. Wer sich genau mit den Symbolen und Einsichten hier beschäftigt, dem wird klar, wie eindimensional unsere Welt heute geworden ist. Und wie viel in einer ganzheitlicheren Weltanschauung stecken kann, die in fast allen der einstigen Hochkulturen steckt. Vielleicht kann das sogar für den ein oder anderen Besucher das Leben einschneidend verändern.