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"Green Book" als Balsam für die Seele
Kultur 3 3 Min. 02.02.2019

"Green Book" als Balsam für die Seele

Zwei Welten treffen aufeinander: Nachtclub–Rausschmeißer und nun Chauffeur Tony (Viggo Mortensen) und sein „Boss“, der feingeistige, farbige Pianist Don Shirley (Mahershala Ali).

"Green Book" als Balsam für die Seele

Zwei Welten treffen aufeinander: Nachtclub–Rausschmeißer und nun Chauffeur Tony (Viggo Mortensen) und sein „Boss“, der feingeistige, farbige Pianist Don Shirley (Mahershala Ali).
Foto: Universal Pictures
Kultur 3 3 Min. 02.02.2019

"Green Book" als Balsam für die Seele

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Im tiefen Süden Amerikas ist die Welt nicht mehr in Ordnung: Denn der farbige Pianist Don Shirley lässt sich von dem italienischstämmigen Chauffeur Tony „Lip“ Vallelonga dort herumkutschieren. "Green Book" ist ein Feel-Good-Movie à la „Intouchables“ – Made in the USA –, das überzeugt, weil es verzaubert.

Das Leben ist manchmal wirklich für eine Überraschung gut. Und wenn sie dann auch noch so angenehm unterhaltsam und gleichzeitig lehrreich ausfällt, wie in „Green Book“, sollte man sich umso mehr freuen.

Denn nicht nur gefühlt, sondern ganz real werden derartige Gelegenheiten in Donald Trumps „Make America Great Again“ immer seltener. Im direkten Vergleich ist Peter Farrellys Werk nämlich zweifelsohne „greater“: Bereits mit drei Golden Globes ausgezeichnet, geht der Film mit fünf Nominierungen Ende Februar ins Oscar-Rennen.

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„Green Book“ ist eine unerwartet schöne Bescherung, die die auf den ersten Blick eher konventionell klingende Geschichte der Männerfreundschaft zwischen einem weißen Proleten und einem farbigen Feingeist in den USA der 1960er-Jahre eigentlich so nicht erahnen lässt.

Ein Regisseur mit zwei Jokern

Während der aktuelle amerikanische Präsident von trennenden Mauern träumt, baut Regisseur Peter Farrelly mit seinem auf wahren Begebenheiten basierenden Film Brücken. Und schreckt nicht davor zurück, die vielleicht tiefste Wunde der Vereinigten Staaten, i. e. seinen Umgang mit den afro-amerikanischen Mitbürgern, zu berühren. Das verspricht zwar nicht auf Anhieb Heilung, hat aber zumindest den Verdienst gegen alteingesessene und sich hartnäckig haltende Vorurteile anzugehen. In letztere Kategorie dürfte dann auch hineinfallen, dass man allzu schnell einen Regisseur allein nach seiner vorhergehenden Filmografie richtet.

Ein Fehler! Denn damit hätte man sich im Fall von „Green Book“ flugs die Möglichkeit verspielt, herauszufinden, dass der Filmemacher, der „Dumb and Dumber“ (Teil Eins und Zwei!) inszeniert hat, auch solch ein Kleinod, wie dieses sympathisch humorvolle, von feinen Zwischentönen gezeichnete Werk zustande bringt. Denn Farrelly hat ebenfalls als Produzent und, neben Nick Vallelonga, dem Sohn des realen Chauffeurs Tony, als Co-Autor des Drehbuchs fungiert.

Zwei Welten treffen aufeinander: Pianist Don Shirley (Mahershala Ali, r.) hilft Chauffeur Tony (Viggo Mortensen), um dessen Liebesbriefe an die Ehefrau zu „pimpen“.
Zwei Welten treffen aufeinander: Pianist Don Shirley (Mahershala Ali, r.) hilft Chauffeur Tony (Viggo Mortensen), um dessen Liebesbriefe an die Ehefrau zu „pimpen“.
Foto: Universal Pictures

Dabei hat der Regisseur gleich zwei Joker in seinem Ärmel, die er genau richtig ausspielt: Viggo Mortensen als Tony „Lip“ Vallelonga, ein raubeiniger Nachtclub-Rausschmeißer italienischer Abstammung, und Mahershala Ali als eleganten, kultivierten und farbigen Pianisten Dr. Don Shirley.

Eine wichtige Lebenslektion

Beide bringt das Schicksal zusammen, als Tonys Club vorübergehend schließt. Um die Familie in der Bronx durchzufüttern, nimmt er eine Stelle als Shirleys Chauffeur an. Denn für die Tournee des Musikers durch Amerikas tiefen Süden bedarf es nicht nur eines Fahrers, sondern auch noch des „Green Books“ – eines speziellen Reiseführers für Farbige, der ihnen in Zeiten von Rassentrennung zugängliche Hotels, Restaurants und Bars auszeichnet; und nicht zuletzt Tonys Muskeln, um rassenbedingten Ärger zu vermeiden.

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Die Klischees, die über die beiden, mit spielfreudigem Brio dargestellten, Hauptcharaktere einfließen, verleihen dem Film überraschenderweise eine humorvolle, gewinnende Leichtigkeit. Farrellys pädagogischer Ansatz funktioniert nicht mittels Zeigefinger, sondern per Augenzwinkern. Das erinnert in seiner Wirksamkeit an „Intouchables“, der von einer gleichsam unerwarteten Männerfreundschaft erzählt. Der Entwicklungscharakter der Figuren ist dabei keine Einbahnstraße, denn Tonys ganz gewöhnlicher Alltagsrassismus fällt ebenso langsam in sich zusammen wie Dons Klassendenken.

Bis ins letzte Detail inszeniert

„Green Book“ ist ebenso durchdacht wie liebevoll bis ins letzte Detail inszeniert – wie u. a. die Wahl von Chopins Etude für Klavier op. 25 No. 11 „Wintersturm“, ein technisch überaus anspruchsvolles Werk, beim improvisierten Konzert in der Schwarzenbar zeigt.

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Ein Film, der zwar keine wirklich neue Geschichte erzählt, jedoch verdeutlicht, dass es eigentlich gar nicht so schwierig ist, eine gemeinsame Verständnisbasis zu finden. Bestenfalls bleibt beim ständigen Wiederholen dieser Lebenslektion etwas davon hängen.

Damit hält „Green Book“ nicht nur dem US-amerikanischen Publikum einen heilsamen Spiegel vor in dem man die eigene Kleinbürgerlichkeit erblicken und zugleich besiegen kann. Allen „Too much feel good“-Unkenrufen zum Trotz sollte man demnach „Green Book“ als das schätzen, was es ist: der filmische Traum von einer besseren Welt.



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