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Gorillaz in der Rockhal: Die Affen sind alt geworden
Die Kunst der visuellen Effekte und Videos beherrschen die Gorillaz perfekt.

Gorillaz in der Rockhal: Die Affen sind alt geworden

Foto: Claude Piscitelli
Die Kunst der visuellen Effekte und Videos beherrschen die Gorillaz perfekt.
Kultur 9 2 Min. 02.11.2017

Gorillaz in der Rockhal: Die Affen sind alt geworden

Die Gorillaz haben am Mittwoch in der Rockhal einen durchwachsenen Auftritt hingelegt. Zwar überzeugten sie mit einer aufwendigen Show, enttäuschten aber mit Musik vom Band und wenig Bühnenpräsenz.

Von Sarah München

Comicfiguren haben uns Menschen eins voraus: Sie altern nicht, zumindest nicht automatisch. Vielleicht wäre es besser gewesen, die Gorillaz wären für immer eine zeitlose, unsterbliche Illusion geblieben. Eine animierte Band aus vier Comicfiguren, die die Musikwelt Anfang der 2000er revolutionierte. Die Rock mit Hip-Hop, Funk und Dance vermischten, die Grenzen zwischen den Genres auflösten und gegen den damaligen Plastikpop kämpften.

Was ist 16 Jahre später davon übrig geblieben? Nicht viel. Wenn am Ende des seit Wochen ausverkauften Konzerts in der Rockhal mit dem letzten Ton das Licht angeht, niemand mehr klatscht und das Publikum im Eilschritt Richtung Ausgang geht, dann stimmt irgendetwas nicht.

Liebloses Ende

Zum Abschluss der 90-minütigen Show spielen die Gorillaz noch schnell ihre beiden bekanntesten Songs „Feel Good“ und „Clint Eastwood“. In diesen zwei Liedern erwacht der Sound vergangener Tage für ein paar Minuten wieder. Das Gorillaz-Gefühl kehrt zurück, verschwindet dann aber schnell im lieblosen Ende eines durchwachsenen Konzertabends.

Aber erst mal etwas Positives: Auch wenn mittlerweile zahlreiche Bands mit visuellen Effekten und Filmen ihre Konzerte untermalen, sind die Gorillaz nicht nur Vorreiter auf diesem Gebiet, sie beherrschen diese Kunst auch perfekt. Mit zwei kleinen und einer großen Leinwand erschaffen sie Räume zwischen Illusion und Wirklichkeit. Mit einer flexibel ausklappbaren runden Projektionsfläche konstruieren sie eine zweite Ebene über der Bühne.

Fast immer mit dabei: die animierte Band. Wenn Sänger Damon Albarn singt, bewegt sein überdimensional großer Alter Ego 2D auf der Leinwand die Lippen. Von Anfang bis Ende ist das Konzert zeitlich perfekt durchgetaktet, das ermöglicht einerseits eine perfekte Show, lässt aber andererseits keinen Platz für Spontanität.

Dem Magazin Billboard sagte Albarn kürzlich, er würde sich am liebsten vollständig durch seinen Comic Avatar ersetzen lassen. Dem Konzert hätte es sicher nicht geschadet: Der erfahrene Musiker zeigt wenig Bühnenpräsenz, überzeugt aber – wie auch die übrige Band – musikalisch mit seiner unverkennbar kräftigen und gleichzeitig melancholischen Stimme.

Die Setlist ist ein Querschnitt durch die vergangenen 16 Jahre Bandgeschichte und die bislang erschienen vier Alben. Den Großteil der Lieder singt der Blur-Sänger alleine, bei fünf Songs wird er von den Gastmusikern Jamie Principle, Pos und Dave (De la Soul), Zebra Katz sowie Little Simz unterstützt. Die junge Rapperin mit dem Fischerhut überzeugt mit ihrer klaren Stimme, ihrer Energie und ihrer Art, die Wörter unglaublich schnell herauszufeuern. Ihre Auftritte bei „Garage Palace“ und „We got the Power“ (beide vom neuen Album Humanz) sind die Höhepunkte des Konzerts.

Der Bass hämmert das Herz aus der Brust

Zu diesem Zeitpunkt, im letzten Drittel des Konzerts, passt musikalisch auch wieder alles zusammen. Nicht so bei den ersten Songs: Da ist der Bass so hart und laut, dass er einem fast das Herz aus der Brust hämmert und die Musik übertönt.

Das ist aber nicht der größte Kritikpunkt eines durchwachsenen Abends: Was leider gar nicht funktioniert, sind die Songs, bei denen die Künstler wie Popcaan („Saturns Barz“) nicht anwesend sind und die Stimme vom Band kommt. Dafür, dass die Bühne voll ist mit Musikern, gibt es ziemlich wenig Livemusik. Und das von einer Band, die aus der Wut auf den damaligen Plastikpop entstand.

Von den Gorillaz, die es einmal gab, ist nicht mehr viel übrig geblieben. Was bleibt ist die Erinnerung und die Erkenntnis: Comicfiguren altern nicht. Menschen schon. Und Musik auch.


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