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Glass: Wahnsinn ohne Methode
Gruppentherapiesitzung im rosa Zimmer: Elijah Price alias Mr. Glass (Samuel L. Jackson), Kevin Wendell Crumb (James McAvoy) und „Poncho-Man“ David Dunn (Bruce Willis) im Gespräch mit Psychiaterin Dr. Ellie Staple (Sarah Paulson) (v.l.n.r.).

Glass: Wahnsinn ohne Methode

Foto: Universal Pictures/Jessica Kourkounis
Gruppentherapiesitzung im rosa Zimmer: Elijah Price alias Mr. Glass (Samuel L. Jackson), Kevin Wendell Crumb (James McAvoy) und „Poncho-Man“ David Dunn (Bruce Willis) im Gespräch mit Psychiaterin Dr. Ellie Staple (Sarah Paulson) (v.l.n.r.).
Kultur 1 2 Min. 19.01.2019

Glass: Wahnsinn ohne Methode

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Die Filmkritik der Woche: Rund 19 Jahre nach „Unbreakable“ bringt M. Night Shyamalan die drei Figuren Mr. Glass, David Dunn und „The Beast“ in einer psychiatrischen Anstalt zusammen – und entpuppt sich damit selbst als potenzieller Patient.

Eines muss man Regisseur M. Night Shyamalan lassen: Er hat die Zeichen der Zeit erkannt, wenngleich rein zufällig, ja gänzlich ungewollt – frei nach dem blinden Huhn, das auch mal ein Korn findet. Denn mit Elijah Price alias Mr. Glass (Samuel L. Jackson) hat der Regisseur einen (Anti-)Helden erfunden, dessen Superkraft Intelligenz ist. Anno 2 nach Donald Trump klingt dies nach fein destilliertem Zeitgeist – nur leider fehlt es dem Filmemacher am Ende selbst an dieser. Schlimmer noch: Er traut mit seinem „Glass“ sogar seinen Zuschauern keine zu – und so wird, was der erzählerische Klimax sein sollte, der „Unbreakable“ (2000) und „Split“ (2016) zusammenbringt, ein Sch(l)uss in den Ofen.

Für alle, die sich seit 1999 und seinem internationalen Durchbruch mit „The Sixth Sense“ die Frage stellen: Das „M“ steht für Manoj, und eigentlich heißt der Filmemacher mit dem auf den ersten Blick unaussprechlichen Namen nicht Night sondern Nelliyattu Shyamalan. Dass er trotzdem Filmfans weltweit ein Begriff ist, verdankt der US-Regisseur, Jahrgang 1970, genau dieser Geistergeschichte und ihrem großartigen Twist. Ein Blick auf den Rest seiner Filmografie zeigt aber, dass er diesen Erfolg später jedoch nie wiederholen konnte: Die Muse scheint nur einmal geküsst zu haben. 

Poncho-Man und selbst ernannte Helden

Bemerkenswert ist dennoch, mit welcher Inbrunst, und vor allem mit wie wenig Methode der Filmemacher an seinem Wahn festhält. Dabei macht Shyamalan gleich einige der Fehler, die man schon einem Filmstudenten im zweiten Jahr nicht mehr verzeihen kann: Er hält felsenfest an seiner Praxis fest, dem Zuschauer seine Geschichte nicht nur allzu ausladend zu erzählen, sondern ständig auch noch in einem entmündigend belehrenden Ton zu erklären.

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So lautet das Fazit der Zusammenführung des (fast) unzerstörbaren Selbstjustiz-Superhelden, Poncho-Man David Dunn (Bruce Willis), des an der Glasknochenkrankheit leidenden Superhirns mit „MG“-Swarovski-Brosche Elijah Price und dem „Beast“ mit multipler Persönlichkeitsstörung Kevin Wendell Crumb (James McAvoy) am Ende: Lass dir von der mittelmäßigen Allgemeinheit niemals deine Superkräfte ausschwatzen!

Ohne Spannung

Schnell beschleicht den Zuschauer da die böse Ahnung, dass der Filmemacher sich selbst auf der Leinwand 129 zäh fließende Minuten lang als verkanntes Filmgenie bedauert. So wird „Glass“ zum Superheldenfilm voller küchenpsychologischen Selbsthilfe-Handbuch-Plattitüden, der weder richtig Spannung aufzubauen, noch einen schlüssigen Rhythmus zu entwickeln vermag.

Während man bei den alten Film-Hasen Bruce Willis und Samuel L. Jackson zuweilen den Eindruck hat, dass sie sich fragen, was sie da eigentlich machen, und professionell, wie sie nun mal sind, das Ganze dennoch durchziehen, trägt ihr jüngerer Kollege James Mc-Avoy als 23-fach gestörtes Muskelpaket Kevin Wendell Crumb stellenweise so dick auf, dass er statt furchterregend eher lachhaft scheint.

Am Ende zeigt „Glass“, dass nicht alles auf dieser Welt verloren ist: Denn trotz Verriss wird der Film sein Publikum finden. Und wenn das nicht den Glauben an das Gute zeigt, was dann?


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