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Geschichtsbild einer Nation: So war es doch - oder?
Kultur 4 Min. 16.11.2014 Aus unserem online-Archiv

Geschichtsbild einer Nation: So war es doch - oder?

Großherzogin Charlotte und Prinz Félix bei den Feiern zu 100 Jahren Unabhängigkeit  1939.

Geschichtsbild einer Nation: So war es doch - oder?

Großherzogin Charlotte und Prinz Félix bei den Feiern zu 100 Jahren Unabhängigkeit 1939.
LW-Archiv
Kultur 4 Min. 16.11.2014 Aus unserem online-Archiv

Geschichtsbild einer Nation: So war es doch - oder?

So einfach, wie manches Klischeebild es haben will, ist die Geschichte Luxemburgs gar nicht gestrickt. Eine Vortragsserie stellt die Frage, warum dennoch Altbewährtes vorherrscht.

1839 war die Geburtsstunde der luxemburgischen Unabhängigkeit, der Erste Weltkrieg betraf das Großherzogtum nicht, 1940-45 bot seine Bevölkerung geschlossen den Nazis Widerstand… Doch so einfach, wie manches Klischeebild es haben will, ist die Geschichte Luxemburgs gar nicht gestrickt. Eine Vortragsserie stellt die Frage, warum dennoch Altbewährtes vorherrscht.

Nicht die Geschichte, sondern die Geschichtsschreibung beschäftigt heute viele Historiker, unter anderem an der Universität Luxemburg. In Frage gestellt wird das, was in der Fachsprache gerne als „master narrative“ bezeichnet wird: ein roter Faden, der über Jahrzehnte die implizite oder explizite Aussage von Büchern, Artikeln, Reden und öffentlicher Meinung geprägt hat. Denn Vorsicht: Was ausschließlich auf historischen Fakten zu basieren scheint, kann durch eine selektive Sichtweise so ausgewählt, zusammengestellt und weitervermittelt werden, dass daraus ein Bild mit alleinigem Wahrheitsanspruch entsteht, das andere Sichtweisen völlig unter den Teppich kehrt.

In einer Vortragsreihe unter dem Motto „Au-delà de la mémoire“ will die Stiftung Forum des Civilisations – Journées d‘Echternach, die 2010 zur Förderung des „Dialogs der Kulturen“ gegründet wurde, in der Saison 2014-2015 ebenfalls einen kritischen Blick auf luxemburgische Geschichte und Geschichtsschreibung werfen. Wie das menschliche Gedächtnis sei diese nämlich durch Selektion, Verdrängung und Akzentuierung geprägt, heißt es in der Ankündigung.

Luxemburgs Geburtsstunde(n)

Hatte die Stiftung in den vergangenen Jahren vor allem auf größere Kolloquien gesetzt (die Ausstrahlung der Abtei Echternach, der Mythos von Al-Andalus, die interkulturelle Toleranz), steht diesmal eine Themenreihe im Mittelpunkt, die in der jüngeren Geschichte Luxemburgs gründet. Forum-Generalsekretärin Simone Beck, selbst Historikerin, spricht von „Grauzonen“, die ihr immer schon immer in der Luxemburger Geschichtsschreibung aufgefallen seien, einem „selektiven Gedächtnis“.

Die Feier des 175. Jahrestages der luxemburgischen „Unabhängigkeit“, angeblich im Jahre 1839 durchgesetzt, verlief dieses Jahr recht bescheiden, wenn man sie mit dem Jubeljahr 1939 vergleicht, als es darum ging, das Nationalgefühl im Land gegenüber der Nazibedrohung zu beschwören. Dennoch wurde der Jahrestag an sich, der eigentlich zunächst nichts weiter als die Abspaltung des französischsprachigen Teils und die Rückkehr des Rest-Großherzogtums an Wilhelm I. bedeutete, bis heute nicht von den Veranstaltern solcher Feierlichkeiten und vielen Medien nicht in Frage gestellt.

Die Ausstellung, die nicht war.

Denn eine große Geschichtsausstellung – sie hätte 2015 im Musée Dräi Eechelen stattfinden sollen – wurde dieses Jahr bereits abgesagt: jene über Luxemburg im Ersten Weltkrieg. Eine Forschergruppe der Universität Luxemburg um Benoît Majerus hatte zuvor gut ein Jahr in ihre didaktische Vorbereitung gesteckt. Die aktuelle Regierung, die nach den vergangenen Wahlen im Dezember 2013 ihr Amt angetreten hatte, beschloss schließlich, dieses Projekt zu streichen – mit der Begründung, es sei versäumt worden, rechtzeitig das auf 250 000 bezifferte Budget einzureichen.

Der jahrzehntelange Mangel an Interesse seitens luxemburgischer Geschichtswissenschaft betrifft auch Großherzogin Marie-Adelheid, die in diesen schwierigen Kriegsjahren regierte. „Ihr wurde bisher kaum eine Publikation gewidmet, was mich eigentlich immer schon gestört hatte“, konstatiert Simone Beck. Regelmäßig hervorgehoben wird lediglich, dass die junge Staatschefin sich durch ihre monarchistische Selbstherrlichkeit mit den politischen Entscheidungsträgern anlegte und sich zu „deutschfreundlich“ unter der ersten deutschen Besatzung gab. Anders ihre jüngere Schwester und Nachfolgerin, Großherzogin Charlotte. Deren Exil im Zweiten Weltkrieg führte letztlich dazu, dass ihr Bild in der Öffentlichkeit (und etlichen Geschichtsbüchern) in einem Maße verklärt wurde, das der komplexen Realität moderner Geschichte nicht unbedingt gerecht wird.

Genauso wie bei der Behandlung der Position Luxemburgs unter den Nationalsozialisten ein einheitliches Bild von geeintem Widerstand und gemeinsamem Leid am Leben gehalten wird, das Schattenseiten (etwa die Kollaboration von einigen Tausend Luxemburgern mit der deutschen Besatzung) völlig verkennt. Erst nach und nach wird dieses zum Teil konstruierte Erinnerungsbild durch die Forschung hinterfragt, vor allem jüngeren Historikern wie Denis Scuto und Vincent Artuso.

Jean-Louis Scheffen

Betonen und weglassen

Am 18. Oktober 2014 fand der erste Vortrag statt: «1839 oui, 1815 non ou de la difficulté de trouver une date de naissance» (Redner: Michel Pauly). Die Konferenz wird von Radio 100,7 am Sonntag, den 16. November um 11.05 Uhr gesendet (Wiederausstrahlung am gleichen Tag um 18.30 Uhr).

Weitere Vorträge:

- am 22. November 2014, 10.30 Uhr:

La mémoire sélective: Charlotte oui, Marie-Adelaïde non (Renée Wagener)

- am 31. Januar 2015, 10.30 Uhr:

La mémoire sélective: 40-45 oui, 14-18 non (Denis Scuto)

- am 28. März 2015, 10.30 Uhr:

La mémoire sélective: Résistance oui, collaboration non (Vincent Artuso)

- am 6. Mai 2015, Ort und Zeit stehen noch nicht fest:

La mémoire négligée: De la difficulté de traiter de l’histoire au Luxembourg (Rundtischgespräch mit Benoît Majerus u.a.)

- am 16. Mai 2015:

La mémoire pétrifiée: Monuments cimetières (Sonja Kmec)

Die Vorträge finden im Veranstaltungsraum (1. Stockwerk) bei Cathy Goedert statt. Adresse: 8, rue Chimay, Luxembourg.

Weitere Informationen:

www.forumofcivilisations.lu


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