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Georg Schramm im Interview: "Dieter Hildebrandt war mein Vorbild"
Kultur 1 8 Min. 26.11.2013 Aus unserem online-Archiv

Georg Schramm im Interview: "Dieter Hildebrandt war mein Vorbild"

Im Rahmen seiner letzten großen Solo-Tournee war der Kabarettist Georg Schramm auch in Luxemburg zu Gast.

Georg Schramm im Interview: "Dieter Hildebrandt war mein Vorbild"

Im Rahmen seiner letzten großen Solo-Tournee war der Kabarettist Georg Schramm auch in Luxemburg zu Gast.
Foto: Marc Wilwert
Kultur 1 8 Min. 26.11.2013 Aus unserem online-Archiv

Georg Schramm im Interview: "Dieter Hildebrandt war mein Vorbild"

Georg Schramm ist einer der bekanntesten und wohl scharfsinnigsten deutschen Kabarettisten. Im Exklusiv-Interview mit dem "LW" spricht er über sein kabarettistisches Selbstverständnis und sein Verhältnis zu seinem verstorbenen Freund Dieter Hildebrandt.

(CBu) - Georg Schramm ist einer der bekanntesten und wohl scharfsinnigsten deutschen Kabarettisten. Er wurde einem breiteren Publikum, auch hier im Land, durch seine Auftritte in TV-Formaten wie dem "Scheibenwischer" oder "Neues aus der Anstalt" bekannt. Am vergangenen Donnerstag trat Schramm mit seinem vorerst letzten Solo-Programm im Escher Stadttheater auf.

Im Exklusiv-Interview mit "wort.lu" spricht Schramm über sein kabarettistisches Selbstverständnis, seine Vorstellung eines gelungenen Auftritts, die Gründe für seinen Rückzug als Solo-Kabarettist sowie sein Verhältnis zu dem in dieser Woche verstorbenen Dieter Hildebrandt.

wort.lu: Herr Schramm, nach Ihrem Auftritt im Escher Theater haben Sie das Publikum ausdrücklich gelobt. Warum?

Georg Schramm: Ich merke oft schon in den ersten Minuten, ob es eine gute Vorstellung wird. Also in dem Sinn, dass es dem Publikum, aber auch mir selbst Spaß macht. Das war in Esch eindeutig der Fall. Und das kann ich wirklich nicht nach jedem meiner Auftritte sagen. Ich lobe mein Publikum jedenfalls nicht freiwillig. Ich mag und merke es, wenn es aufmerksam zuhört. Dann lasse ich mir etwas mehr Zeit, was dann dazu führt, dass die Vorstellung, wie dieses Mal, fast drei Stunden dauert. Das kommt in der Form nur alle 20 bis 30 Vorstellungen vor. Dass es ein guter Abend wurde, lag aber auch an der angenehmen Altersmischung im Publikum. Und nicht zuletzt auch an der hervorragenden Akustik im Saal, was mir das Spielen und Sprechen enorm erleichtert. Insofern war der Auftritt hier ein wahrer Glücksfall.

Sie sind zum ersten Mal in Luxemburg. Was ist Ihr Eindruck von diesem ganz besonderen "Ländchen"?

Also ich dachte ja bis jetzt: Luxemburg, ist das überhaupt ein Land? Oder nur eine Steueroase? Leben hier echte Menschen? Als ich hier in Esch/Alzette spazieren ging, ist mir aber aufgefallen, dass das Land natürlich mehr ausmacht als nur Banken und Schwarzgeld. Zum Beispiel eine kommunistische Partei. Ich habe bei meinem Spaziergang ein Schild gesehen, „Kommunistische Partei Luxemburg“. Das bekommt man in Deutschland nicht mehr zu sehen. (Übrigens läuft im Laufe unseres Gesprächs in einem Hotel-Restaurant in der Escher Rue de la libération der luxemburgische Kommunistenführer Ali Ruckert am Fenster vorbei, Anm. d. Red.).

Generell erinnern mich die Gebäude und die Atmosphäre hier in Esch ein wenig an das industriell geprägte Ruhrgebiet, wo ich einige Jahre gelebt habe. Im Prinzip geht hier eine Ära zu Ende. Man erkennt ganz klar die Anzeichen für den gleichen wirtschaftlichen Strukturwandel und dessen Folgen für Stadt und Menschen. Dieses Nebeneinander von alter Pracht und modernem Verfall ist mir aufgefallen.

Wie viel haben Sie von den politischen Entwicklungen der vergangenen Wochen hier eigentlich mitgekriegt?

Ich habe mitgekriegt, dass Luxemburg seinen Premier in die Wüste geschickt hat, ja. Die weitere Entwicklung habe ich natürlich, soweit das für uns in Deutschland möglich ist, mit Interesse verfolgt. Im Detail kenne ich mich aber nicht gut genug aus, um das kabarettistische Potenzial dahinter zu erkennen, geschweige denn zu nutzen. Außer in Form von kleinen spontanen Anekdoten, die ich jeweils angepasst an den Ort, an dem ich spiele, auf der Bühne vortrage.

Ihr aktuelles Programm trägt den Titel „Meister Yodas Ende. Die Zweckentfremdung der Demenz“. Was verbirgt sich dahinter?

Ich habe gemerkt, dass die Titel früherer Programme oft nicht oder falsch verstanden wurden. Meister Yoda aus Star Wars ist somit gewissermaßen das Gegenstück zu Thomas Bernhard (Schramms vorheriges Programm hieß „Thomas Bernhard hätte geschossen“, Anm. der Red.). Es geht letztlich um die Idee, dass sich alte Menschen mit der Zunahme ihrer körperlichen Behinderungen als rollendes Selbstmordkommando zur Verfügung stellen sollten. Das war die eigentliche Idee. Die habe ich dann aber doch wieder verworfen, weil sie für viele Menschen vielleicht doch ein Hauch zu radikal sein könnte.

Die Idee, dass alte Menschen ein Ventil suchen, um mit ihrem Zorn umzugehen, zieht sich aber durch ihr Programm ...

Richtig. Doch es geht mir bzw. meinen Figuren immer um den in Vernunft eingebetteten Zorn. In meinem Programm probe ich gewissermaßen kabarettistische Formen des Amoklaufs.

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Es gibt in Ihren Programmen immer auch sehr ernste Passagen, bei denen man die Betroffenheit des Publikums förmlich spürt. Ist es Ihr persönliches Erfolgsgeheimnis, ernste, mitunter todernste Themen auf unterhaltsame Weise darzustellen?

Ich glaube schon. Wenn man so will, ist das eine echte Marktlücke gewesen. Das war aber keine gewollte Erfindung von mir. Ich kann es halt nur so. Aber Stichwort Unterhaltung: Um eines kommen wir Kabarettisten nicht drum herum, denn wir müssen die Leute gut unterhalten. Für einen reinen Volkshochschulkurs werden wir nicht bezahlt.

Sie haben Ihr kabarettistisches Selbstverständnis einmal auf den Punkt gebracht, indem Sie George Tabori zitiert haben: „Im Kern jedes guten Witzes steckt eine Katastrophe...“ Im Gegensatz zu anderen Kabarettisten neigen Sie ja nicht so sehr zum Kalauer-Humor …

Ja, obwohl ich da oft eine große Verlockung spüre. Am liebsten mag ich es, wenn ich etwas furchtbares sage und die Leute lachen, aber genau wissen, das war jetzt nicht nur witzig gemeint. Was mein aktuelles Programm betrifft, beschäftigt mich die Frage des Alterns. Und zwar nicht nur im Sinn von: Was macht man mit seiner Zeit, wenn man auf die Zielgerade des Lebens eingebogen ist? Dass alte Menschen ein Ventil suchen, um mit ihrem Zorn umzugehen, da steckt ja schon die Unmöglichkeit dieses Unterfangens mit drin. Viele Menschen verspüren den Zorn, aber nicht mehr als von Vernunft geleiteten Zorn, sondern als pure Wut. Nein, es geht auch um sehr ernste Themen. Auch noch ernstere Themen als den Tod. Zum Beispiel das Thema Demenz. Wenn eine Person weiter existiert, aber die Persönlichkeit erloschen ist – das ist für mich eine viel grauenhaftere Vorstellung als der Tod.

Würden Sie mir zustimmen, dass Sie die Idee antreibt, dass Sie die Ungerechtigkeit um Sie herum nicht ertragen und deshalb dagegen ankämpfen?

Ja, wobei ich da ja nicht wirklich viel anrichten kann. Wenn mich der liebe Gott einmal fragt: Was hast du dagegen getan? Dann müsste ich sagen, dass ich nicht viel getan, sondern nur viel gesagt habe. Ich merke aber natürlich schon, dass viele Leute sich von mir inspiriert fühlen. Das schmeichelt mir sehr. Aber es treibt mich auch weiter an.

Nach 25 Jahren Bühnenpräsenz soll am Ende dieses Jahres Schluss sein mit den Solo-Tourneen. Warum?

Der Aufwand für ein solches Programm ist sehr groß. Angefangen vom Schreibprozess bis hin zu dem enormen psychischen und physischen Verschleiß, der mit solchen Tourneen einhergeht. Das verlangt mit zunehmendem Alter einen immer größeren persönlichen Aufwand. Es ist eine sehr harte, aber auch schöne Arbeit. Man wird aber eben nicht jünger. Das Gleiche gilt übrigens für meine Figuren, die sich irgendwann abnutzen und nur noch schwer weiterentwickeln. Um es aber auf den Punkt zu bringen: Meine Frau hat mich mal gefragt: „Willst du das eigentlich so lange machen, bis du umfällst?“ Meine Antwort war: Nein.

Werden Sie kabarettistisch weiter aktiv bleiben?

Ich schließe nicht aus, dass ich noch mal auf Tour gehen werde. Wenn, dann aber nur noch in viel kleinerem Umfang. Vielleicht in Form von Lesungen oder als Gastauftritt bei befreundeten Künstlern. Wer weiß, wenn ich den richtigen Kollegen finde, sage ich ihm: Komm lass uns nochmal nach Luxemburg gehen. Die Leute sind total aufmerksam. Und wenn wir Glück haben, sind es die selben wie damals. Ich werde das jedenfalls, wenn sonst alles passt, in Betracht ziehen. Es ist aber ein gutes Gefühl, seit langem einmal keinen vollen Terminkalender zu haben, und natürlich auch sich den Luxus leisten zu können, nicht jedes Engagement anzunehmen.

Über wen können Sie selbst eigentlich gut lachen?

Ich kann mich zum Beispiel bis zur Verkrampfung der Bauchmuskeln über Jochen Malmsheimer amüsieren. Ich bin ein großer Fan von Josef Hader, der für mich fast eine Ausnahmeerscheinung ist. Ein weiterer Kandidat wäre Rainald Grebe, ein Multitalent auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Wenn wir noch eine Stunde Zeit hätten, fielen mir bestimmt noch mehr ein.

Sie haben nach Ihrem Auftritt auch den am vergangenen Mittwoch verstorbenen Dieter Hildebrandt erwähnt. Welche Bedeutung hatte er in Ihrem Leben?

Dieter Hildebrandt war nicht nur mein langjähriger Kollege, sondern auch ein persönlicher Freund. Er war auch mein Vorbild. Und das eigentlich schon, als er mich noch gar nicht kannte. Ich bin ein Stück weit durch Dieter Hildebrandt sozialisiert worden. Er war für mich ein früher politischer Lehrer. Ich habe mehr von ihm über Demokratie und deutsche Politik gelernt als in der Schule. Kabarett war sein Leben. Und als Kabarettist habe ich ihm enorm viel zu verdanken. Er hat mich darin bestärkt, meinen eigenen Weg zu gehen. Letztlich habe ich keine wichtige berufliche Entscheidung getroffen, ohne vorher seinen Rat einzuholen. Alles in allem war er ein Mann, der eine Haltung hatte und den man dafür nur bewundern konnte.

Das Gespräch führte Christoph Bumb.

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