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Gegenwartskünstler und Regimekritiker Ai Weiwei im Interview
Kultur 5 Min. 30.03.2014 Aus unserem online-Archiv

Gegenwartskünstler und Regimekritiker Ai Weiwei im Interview

Ai Weiwei (56) ist Bildhauer, Dokumentarfilmer und Installationskünstler und gilt als einer der wichtigsten Gegenwartskünstler der Welt.

Gegenwartskünstler und Regimekritiker Ai Weiwei im Interview

Ai Weiwei (56) ist Bildhauer, Dokumentarfilmer und Installationskünstler und gilt als einer der wichtigsten Gegenwartskünstler der Welt.
Foto: AFP
Kultur 5 Min. 30.03.2014 Aus unserem online-Archiv

Gegenwartskünstler und Regimekritiker Ai Weiwei im Interview

Am 3. April 2014 wird im Martin-Gropius-Bau in Berlin mit „Evidence“ die bislang größte Werkschau des Künstlers eröffnet – ohne ihn.

Interview: LW-Korrespondant Felix Lee (Peking)

Ai Weiweis Traum von China, ist ein Land, in dem sich jeder ohne Angst frei entfalten kann. Doch dies werde unter kommunistischer Herrschaft nicht möglich sein. Der Gegenwartskünstler glaubt nicht, dass er am 3. April 2014 zur Eröffnung von „Evidence“, seiner bislang größten Werkschau im Martin-Gropius-Bau nach Berlin kommen kann.

  • Herr Ai, haben Sie schon Ihre Koffer gepackt?

Wohin?

  • Na, zur Ausstellungseröffnung nächste Woche nach Berlin.

Schön wär's. Ich glaube nicht, dass ich die Erlaubnis bekommen werde. Ich habe nicht nur keinen Pass. Mir wird auch kein Grund genannt, warum mir der Pass nicht ausgehändigt wird.

  • Was würde passieren, wenn Sie jetzt sofort zum Flughafen fahren würden und dort ausharrten, bis die Behörden reagieren?

In anderen Ländern würde man sicherlich auf meine Bedürfnisse eingehen und mir zumindest die Rechtsgrundlage nennen. Aber nicht in China. Hier wird man verhaftet. Auch wenn es sich um keinen Verstoß handelt – irgendwas findet sich schon.

  • Chinas Staatspräsident Xi Jinping war ja zu Besuch in Deutschland. Glauben Sie, Kanzlerin Merkel hat sich für Ihre Ausreise eingesetzt?

Ich denke schon. Sie hat mir auch schon geholfen, als ich vor drei Jahren im Gefängnis saß. Ihr Einsatz dürfte mit dazu beigetragen haben, dass ich nach 81 Tagen wieder frei kam. Ich halte es für sehr bedauerlich, dass so viel Aufwand um meine Person betrieben wird. Ich bin doch bloß ein Bürger von vielen, ein Künstler. Trotzdem gibt es so viel Wirbel. Ich habe eine solche Rolle nie gewollt. Nun ist sie meine Realität.

  • Sie sind ein Gefangener des chinesischen Staates und dürfen nicht ausreisen. Zugleich können Sie aber eifrig bloggen und Ihre Meinung äußern.

Ich bin zugegeben in einer sehr seltsamen Lage. Aber ich bin ja nicht der Einzige. China durchläuft derzeit einen gigantischen Modernisierungsprozess. Zugleich wird das Land aber seit 60 Jahren von Kommunisten regiert. Sie haben diese Veränderungen mit eingeleitet, trauen ihren Bürgern aber nicht. Die Regierung verwehrt freie Wahlen. Wir haben keine Meinungsfreiheit und keinen unabhängigen Rechtsstaat. Das schafft Widersprüche. Meine Lage spiegelt also bloß die Lage des gesamten Landes wider.

  • Haben Ihnen die Behörden klar mitgeteilt, was Sie dürfen und was nicht?

Ja, haben sie. Vor meiner Freilassung sagten sie: Ich sei kein Künstler und würde Kunst lediglich für politische Zwecke nutzen. Sie warfen mir vor, von ausländischen Geheimdiensten angeheuert worden zu sein, ich würde versuchen, China zu destabilisieren. Nach meiner Freilassung teilten sie mir mit: Wenn ich hart arbeite, könne aus mir mal ein guter Künstler werden. Ich solle mich doch auf meine Kunst konzentrieren und nicht auf die Politik. Sie haben mir die Internetnutzung untersagt, ich soll nicht mit ausländischen Journalisten reden und nicht über meine Haft.

  • Aber all das machen Sie jetzt ja.

Eigentlich haben sie ja recht. Ich bin kein Politiker und nicht in der Position, die Probleme dieses Landes zu lösen. Doch in den meisten Punkten geht es unmittelbar um mich. Wenn sie mir Steuervergehen unterjubeln wollen, muss ich das doch richtigstellen dürfen.

  • Was ist aus diesen Vorwürfen geworden?

Hintenherum haben sie mir mitgeteilt, ich solle die Vorwürfe nicht so persönlich nehmen. Der Staat hatte nun einmal beschlossen, mir eine Lektion zu erteilen. Das könnten sie nun nicht mehr rückgängig machen. Ich solle die Schuld auf mich nehmen. Und dann sei alles geklärt. Ich kann und will dieses Vorgehen aber nicht akzeptieren. Dabei geht es nicht nur um mich selbst. Sie gehen auch mit anderen so um. Sie können doch nicht einfach jemanden bestrafen, nur weil er anderer Meinung ist.

  • Was halten Sie von Chinas seit einem Jahr amtierenden Staatspräsidenten Xi Jinping?

Er ist ein mutiger Mensch und hat einiges angestoßen, etwa die Korruptionsbekämpfung. Die Korruption hier in China ist inzwischen so tief verwurzelt. Fast jeder ist daran beteiligt. Ich sehe, wie schwierig das ist, dieses Problem anzugehen. Der heutigen chinesischen Politik fehlen die Rahmenbedingungen. Es fällt mir zugleich schwer, das politische Wirken von Xi Jinping wirklich beurteilen zu können, weil ich nicht weiß, welchen Anteil er daran hat. In China ist es selbst für einen Staatschef nicht möglich, seine eigenen politischen Visionen zu entwickeln.

  • Wenn Sie ihn treffen würde, was würden Sie ihn fragen?

Wo mein Pass bleibt.In Anlehnung am „American dream“ hat Xi den „chinesischen Traum“ eingefordert und will damit eine Debatte anstoßen, wohin China streben soll.

  • Was ist Ihr „chinesischer Traum“?

Mein Traum ist sehr einfach. Jeder Mensch muss das Recht haben, sich ohne Angst entwickeln zu dürfen. Jeder muss frei kommunizieren und sich vollständig informieren können. Er muss die Möglichkeit haben, seinen eigenen Lebensstil auswählen zu dürfen. Das wird unter kommunistischer Herrschaft aber nie Wirklichkeit werden.

  • Halten Sie es für absurd, unter diesen Voraussetzungen vom „chinesischen Traum“ zu reden?

Über Träume reden ist nicht absurd. Für absurd halte ich, dass die Partei denkt, den Traum vorgeben zu können. Sie glaubt, der Traum der Partei sei der Traum aller Chinesen.

  • Intellektuelle in China greifen die Debatte aber auf.

Wer? Wenn überhaupt, ist das Teil der Propaganda. Ich kenne niemand, der diese Debatte ernst nimmt. Ich weiß nur von Leuten und ihren chinesischen Alpträumen. Die sind sehr real.

„Evidence“ heißt Ihre Ausstellung. Wieso dieser Titel?

Wenn ich auf die vergangenen paar Jahre zurückblicke, war ich immer auf der Suche nach unverfälschten Informationen. Das ist hier in China besonders schwierig. Aber allgemein gilt: Wir suchen ständig nach Beweisen. Haben wir sie gefunden, können wir sie vorlegen.

  • Bei einem Werk handelt es sich um Handschellen aus Jade. Was wollen Sie damit sagen?

Als ich verhaftet wurde, nahmen sie auch meinen Mitarbeiter fest. Ihm wurden in diesen 80 Tagen nicht einmal die Handschellen abgenommen, auch nicht beim Schlafen. Er wurde an einen Stuhl gefesselt, durfte nicht duschen und wenn er auf Toilette ging, musste er den Stuhl mitschleppen.

  • Und warum Jade?

Konfuzius verband diesen Stein mit den sieben positiven Eigenschaften, nach denen auch der Mensch streben sollte, darunter Weisheit, Gerechtigkeit und Ehrlichkeit. Ein wahrer Gentlemen sollte keinen Schritt aus der Tür machen ohne ein Stück Jade bei sich zu haben, sagte er. Heutzutage verlassen wir in China das Haus ohne ein Stück Jade.