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Für Königin und Vaterland
Sir John Franklin (Ciaran Hinds, l.) und Captain James Fitzjames 
(Tobias Menzies) wird die Suche nach der Nordwestpassage zum 
Verhängnis.

Für Königin und Vaterland

Foto: AMC
Sir John Franklin (Ciaran Hinds, l.) und Captain James Fitzjames 
(Tobias Menzies) wird die Suche nach der Nordwestpassage zum 
Verhängnis.
Kultur 2 3 Min. 06.05.2018

Für Königin und Vaterland

Marcel KIEFFER
Es ist Serienstoff „par excellence“, doch alles andere als leichte Unterhaltungskost: Die Horrorproduktion „The Terror“ kombiniert die Faszination eines realen legendären Nordpolabenteuers mit düsteren Spekulationen und fantastischen Elementen. Großes Kino im Serienformat.

Es war die wohl mörderischste Arktis-Expedition der Geschichte. Am 19. Mai 1845 stachen unter dem Kommando von Sir John Franklin (1786-1847) die beiden zu Forschungsschiffen umgebauten Bombarden „HMS Erebus“ und „HMS The Terror“ in See mit dem Ziel, in der vor dem arktischen Polarkreis, zwischen Grönland und dem kanadisch-arktischen Inselarchipel gelegenen Eislabyrinth die vermutete Nordwest-Passage zu finden und damit den direkten Zugang vom Atlantischen in den Pazifischen Ozean. Es sollte das letzte große Abenteuer der Seefahrt werden, zum Ruhm der britischen Marine beitragen, und vor allem, wie John Franklin seine Mannschaft bei den ersten aufkommenden Schwierigkeiten erinnerte, „der Königin und dem Vaterland verpflichtet“ sein.

Wie sie endete, ist seit Langem bekannt. Die Thematik hat in der Literatur, von Jules Verne über Mark Twain bis Sten Nadolny, in Film-, TV- und sogar Musikproduktionen sowie in der Forschungs- und Entdeckungsgeschichte enormen Nachhall gefunden. Die Expedition, gestartet 1845 und 1848 dramatisch gescheitert, bedeutete den Tod für sämtliche 129 Teilnehmer, und welches unergründliche Geheimnis die mehr als dreijährige Irrfahrt bis heute fest umschlingt, zeigt allein die Tatsache, dass, nach vielen Suchexpeditionen, die Überreste der beiden Schiffe erst nach mehr als 165 Jahren, 2014 und 2016, nahe der King-William-Insel im arktischen Norden Kanadas gefunden werden konnten.

Ein Mix aus Fakten und Fantasie

Die Franklin-Expedition bietet Roman- aber auch Filmstoff „par excellence“, allein wegen der Tatsache, dass vieles, was während ihres Verlaufs geschah und letztlich zu ihrem tragischen Ausgang führte, bis heute unbekannt geblieben ist. Ein breiter Spekulationsspielraum tat sich folglich auf, den sich nun amerikanische und britische Serienmacher, darunter Ridley Scott („Alien“, „Blade Runner“), David Kajganich („True Story“) und Soo Hugh („The Killing“), im Auftrag des US-Kabelsenders AMC für eine zehnteilige Horrorserie zu eigen machten.

Die groß angelegte (quasi zeitgleich bei AMC und auf Prime Video von Amazon gestartete) Produktion mit prominenter Besetzung beruht dabei auf der freien Adaptation des 2007 erschienenen Romans von Dan Simmons, der sich auf erwiesene Tatsachen zur Franklin-Expedition beruft. Die hervorragend gemachte Serie besticht durch einen ebenso intelligenten wie fesselnden Mix aus Fakten, Mutmaßungen und erfundenen Horrorelementen.

Zur Faszination einer legendären Expedition, die durch die biografisch genauen Details der realen Figuren John Franklin (Ciaran Hinds), Captain Francis Crozier (Jared Harris), Captain James Fitzjames (Tobias Menzies) und sogar des Schiffsarztes Henry Goodsir (Paul Ready) verkörpert wird, gesellt sich so der Nervenkitzelfaktor fantastischer Elemente. Das Resultat ist ein Serienepos, das sich in der Begegnung von europäischem Forschungsgeist und der Sagenwelt der Inuits zu einer geradezu mystischen Konfrontation fremder Lebens- und Erlebensdimensionen extrapoliert.


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Doch auch die erzwungene Koexistenz einer hierarchisch geordneten Gemeinschaft auf engstem Raum und unter lebensbedrohlichen Bedingungen – die Männer der Franklin-Expedition überwinterten drei Jahre in der zugefrorenen Arktis und unternahmen, Kälte, Hunger und Krankheit ausgesetzt, einen letzten verzweifelten, 350 Kilometer langen Fußmarsch in den Süden (wobei es offensichtlich zu Fällen von Kannibalismus kam), nachdem sie ihre im Packeis gefangenen Schiffe hatten aufgeben müssen – bietet viel Stoff zur Inszenierung extremer menschlicher Abgründe, die in einer Horrorserie neben einer monströsen, einem Eisbären ähnlichen Kreatur einen legitimen Platz einnimmt.

Keine leichte, ausschließlich unterhaltsame Serienkost

Die sehr intensive, charakterstarke Interpretation von Jared Harris, – bekannt aus „Der seltsame Fall des Benjamin Button“, „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“ oder auch Robert Zemeckis „Allied“) – in der Rolle der tragischen Figur des Captain Francis Crozier, gibt dabei der dramatischen Tragweite einer letztlich zur mystischen Apokalypse ausgearteten Unternehmung mit dem bezeichnend naiven Anspruch zur großen „Ehre von Königin und Vaterland“ den ultimativen, maßgeblichen Impuls.

„The Terror“ ist sicher keine leichte, ausschließlich unterhaltsame Serienkost, dafür aber extrem gut gemachtes Horrorkino mit großem Betroffenheitspotenzial, dem sich der Zuschauer auf dem kleinen Schirm nicht unbehelligt entziehen kann.

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„The Terror“ ist in einer zehnteiligen Staffel auf Prime Video von Amazon (kostenpflichtig) abrufbar.