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„Fritzi" zeigt Kindern, wie die Mauer fiel
Kultur 1 6 Min. 18.10.2019

„Fritzi" zeigt Kindern, wie die Mauer fiel

Zur Luxemburger Premiere des Films kamen auch die beiden Regisseure Ralf Kukula und Matthias Bruhn (r.).

„Fritzi" zeigt Kindern, wie die Mauer fiel

Zur Luxemburger Premiere des Films kamen auch die beiden Regisseure Ralf Kukula und Matthias Bruhn (r.).
Foto: Matic Zorman
Kultur 1 6 Min. 18.10.2019

„Fritzi" zeigt Kindern, wie die Mauer fiel

Marc THILL
Marc THILL
Der Herbst 1989, ein junges Mädchen und der innerdeutsche Grenzzaun: Wie der Animationsfilm „Fritzi – eine Wendewundergeschichte“ mit Luxemburger Hilfe deutsch-deutsche Geschichte für Kinder erzählt.

„Fritzi – eine Wendewundergeschichte“ erzählt aus der Sicht eines zwölfjährigen Mädchens, wie vor 30 Jahren der Eiserne Vorhang fiel. 

Dieser Animationsfilm wurde zum Teil auch von Luxemburger Hand gezeichnet, Doghouse Films aus Differdingen ist Koproduzent und bekam auch finanzielle Unterstützung vom Film Fund Luxembourg. Bei der Luxemburger Premiere waren auch die beiden Filmemacher Matthias Bruhn und Ralf Kukula präsent.

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Matthias Bruhn, Ralf Kukula, Sie haben Ihren Film in der Leipziger Nikolaikirche vorgeführt und das auch noch an einem Montag, also an jenem Wochentag, an dem vor 30 Jahren die Demos stattgefunden haben, die am Ende zum Mauerfall in Berlin beigetragen haben. Wie erlebt man eine Filmpremiere unter solch besonderen Umständen?

Matthias Bruhn: Die Premiere war ganz gewiss ein großartiger Moment, vor allem nach den zehn Jahren, in denen wir an diesem Projekt gearbeitet haben. Und dann noch an so einem geschichtsträchtigen Ort! Die Spannung war natürlich groß, wie das Publikum den Film aufnehmen würde – am Ende bekamen wir nur positive Resonanz und zehn Minuten Applaus ...

Ralf Kukula: ... und auch Fußtrampeln. Die Menschen waren berührt. Wir haben in unserem Film eine Szene, in der Fritzi erstmals in die Nikolaikirche kommt. Sie erlebt das erste Mal diesen Raum und wir haben im Film die Kirche ganz bewusst als einen Protagonisten inszeniert. Wenn man nun 30 Jahre später in diesem Raum sitzt und sich den Film anschaut, dann doppelt sich das, was auf der Leinwand passiert mit dem, was neben der Leinwand zu sehen ist. Man konnte daher beobachten, wie auf einmal die Zuschauer ihre Blicke nach oben ins Kirchenschiff gerichtet haben, genauso wie Fritzi im Film, als sie erstmals diese Kirche betritt. Das ist ein emotionaler Moment.


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Sie haben es bereits angesprochen: Zehn Jahre, das ist eine lange Zeit. Warum hat es so lange gedauert, bis dieser Film in trockenen Tüchern war?

M.B.: Es war relativ schwierig, den Film zu finanzieren. Wir haben es in Deutschland versucht, es hat aber nicht gereicht. Wir brauchten europäische Produzenten und erst als wir die Leute der Luxemburger Gesellschaft Doghouse Films trafen, hat sich die allerletzte Lücke geschlossen. Sie wollten auf Anhieb mitmachen und das hat die Finanzierung gesichert. Erst dann konnte die Produktionsphase anfangen.

R.K.: Man muss auch sagen, dass diese Art von Animationsfilm in Deutschland nicht die Tradition hat wie in anderen Ländern. Deshalb konnten wir den Produzenten keine Referenzen vorweisen, einige Finanzierungspartner waren sehr, sehr vorsichtig, da sie nicht so richtig erahnen konnten, was aus diesem Film einmal werden könnte. Die Überzeugungsarbeit, die wir leisten mussten, hat viel Energie gekostet.


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Die Vorlage ist ein Kinderbuch, wobei es insgesamt aber kaum Lesestoff für Kinder über die Wende gibt. Und auch beim Film sind Sie Vorreiter ...

R.K.: Das Kinderbuch von Hanna Schott ist bis heute das einzige, es gibt keine Geschichten, die die Ereignisse aus dem Blick der Kinder erzählen. Unser Film ist ebenfalls von diesem Alleinstellungsmerkmal gekennzeichnet. Deshalb warten viele auf diesen Film und viele Schulklassen und Lehrer sind darauf fixiert.

M.B.: Es ist schon erstaunlich, dass niemand in den vergangenen dreißig Jahren dieses Thema aus diesem Blickwinkel heraus verfilmt hat. Das ist natürlich gut für uns, weil wir nun die ersten sind.

Wie sind Sie vorgegangen, um Weltgeschichte in Kindersprache zu fassen?

M.B.: Unsere Drehbuchautorin Beate Völcker hat die Erzählung aus dem Buch weiterentwickelt und auch verändert. Wir haben dabei Fritzi eine deutlich aktivere Rolle gegeben und der Zuschauer, egal welchen Alters, erlebt die Ereignisse, so wie Fritzi sie erfahren hat. Die Zuschauer steigen mit ihr in die Geschichte ein, sie sind permanent auf Augenhöhe mit Fritzi und geraten auch zusammen mit ihr in die Montagsdemo. Das war eigentlich unser Trick – das Thema auf eine spielerische und sehr dramaturgische Art und Weise anzupacken.

R. K.: Wir haben eine Ebene in den Film eingebaut, in der wir den Konflikt so erzählen, dass Kinder ihn auch nachvollziehen können. Die Lehrerin, die Polizei, die Eltern, sie verdeutlichen das, was damals Erwachsene erlebt haben. Durch die Verquickung von beidem, dem Standpunkt des Kindes und der Position der Erwachsenen, ist uns ein Kunstgriff gelungen, wodurch der Film sowohl für Kinder als auch für Erwachsene geeignet ist.


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Sie haben eine sehr fröhliche und zuweilen auch sehr bunte DDR gezeichnet. War Ostdeutschland nicht doch etwas grauer?

R.K.: Wenn man aus dem Westen kam, dann war die DDR natürlich das, da der Vergleich stark abfiel. Aber die Menschen, die dort gelebt haben, die haben es nicht unbedingt so schlimm empfunden. Ich bin in Dresden aufgewachsen und ich muss sagen, Fritzi ist nicht übertrieben. Wir zeigen aber auch die Tristesse, zum Beispiel in der Schule. Die Orte, wo sich Fritzi wohl fühlt, ihr Baumhaus, ihr Zimmer, sind anders gezeichnet. Zudem haben wir den Wandel der Jahreszeiten im Film, auch ein dramaturgisches Element, das in der Farbgestaltung einen Niederschlag findet. Uns war es wichtig zu zeigen, dass die DDR nicht nur grau war.

Reagieren die Zuschauer im Osten anders auf den Film als im Westen und auch in Luxemburg?

M.B.: Wir hatten die Weltpremiere bei einem Filmfestival in Namur. Dort lief die französische Fassung vor einem belgischen Publikum. Die Reaktionen waren aber genau so emotional wie in Leipzig, obwohl dort bei den jungen Zuschauern ganz bestimmt kein Vorwissen vorhanden war. Es war uns wichtig, dass die Geschichte einen universellen Charakter behält, Fritzi soll unabhängig von einem länderspezifischen und historischen Charakter funktionieren. Für die, die damals dabei waren, ergibt sich notgedrungen nochmals eine zusätzliche Ebene, die mit persönlichen Erinnerungen und ganz anderen Emotionen verbunden ist.

R.K.: Für das Publikum in Leipzig ist der Film ein Sonderfall, sie sehen ihre Stadt auf der Leinwand. Der Film hat aber einen europäischen Anspruch, es ist kein Film für Ostdeutschland oder Leipzig, das wäre zu klein gedacht.

Was wurde an diesem Film bei Doghouse Films produziert?

R.K.: Fast sämtliche Dekore wurden in Luxemburg produziert und diese Arbeit ist für den Film ein großer Gewinn. Dank Doghouse Films haben wir auch den Musiker André Dziezuk, der in Luxemburg lebt, kennengelernt. Er hat die gesamte Filmmusik komponiert und seine Musik entführt den Film in noch eine ganz andere Welt.


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Es ist eine Koproduktion, an der vier Länder beteiligt waren: Deutschland, Belgien, Luxemburg und Tschechien. Was haben Tschechien und Belgien beigesteuert?

M.B.: In Prag fanden die Orchesteraufnahmen statt, in Tschechien wurde auch in den Animationsstudios von Maur Film produziert, in Belgien erfolgte die Soundpostproduktion.

Es ist Ihr erster gemeinsamer Langspielfilm. Haben Sie mittlerweile schon anderes vor? Gibt es vielleicht schon Pläne für einen Nachfolgefilm?

R.K.: Wir sind der Meinung, dass die Geschichte von Fritzi noch nicht ganz auserzählt ist. Fernsehanstalten in Deutschland haben uns Mut gemacht, weiterzumachen und es wäre auch interessant, die andere Seite der Medaille zu erzählen. Wir erleben im Film die Wende aus der Sicht der Fritzi. Aber wir könnten genauso gut auch zeigen, wie Fritzis Schulfreundin Sophie und deren Mutter über die damalige Tschechoslowakei, Ungarn und Österreich in die Bundesrepublik Deutschland gelangen. Diese Geschichte über deren Flucht könnte man ebenfalls an der Grenze enden lassen, nur diesmal auf westdeutscher Seite.


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