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Francesco Tristano in der Philharmonie: Die Messbarkeit des Schönen
Während Francesco Tristano spielt, trägt jeder Ton zur Projektion einer virtuellen dreidimensionalen Stadt bei.

Francesco Tristano in der Philharmonie: Die Messbarkeit des Schönen

Foto: M. Steggat
Während Francesco Tristano spielt, trägt jeder Ton zur Projektion einer virtuellen dreidimensionalen Stadt bei.
Kultur 2 3 Min. 09.02.2018

Francesco Tristano in der Philharmonie: Die Messbarkeit des Schönen

Daniel CONRAD
Daniel CONRAD
Jeder Ton ist eine Keimzelle, ein kleiner Baustein einer ganz eigenen Welt: während Francesco Tristano am Freitagabend in der Philharmonie Bachs berühmte „Goldberg Variationen“ spielt, entsteht Stück für Stück vor den Augen der Zuschauer das 3D-Modell einer Stadt.

Von Daniel Conrad

Jeder Ton ist eine Keimzelle, ein kleiner Baustein einer ganz eigenen Welt: während Francesco Tristano am Freitagabend in der Philharmonie Bachs berühmte „Goldberg Variationen“ spielt, entsteht Stück für Stück vor den Augen der Zuschauer das 3D-Modell einer Stadt.

Es wirkt, als würden Kameras wie Drohnen um und in der mit jedem Ton entstehenden Stadt schweben, um jede Nuance zu dokumentieren. Mal ein Detail eines Gebäudes ganz nah, mal ein Einblenden des gesamten Konstrukts.

Die kosmische Stadt

„I had a dream – to build a city with Bach's Goldberg Variations. The premise is the Cosmic city by Iannis Xenakis.“ Schon in seinem kurzen Statement zum anstehenden Konzert in der Philharmonie verrät Francesco Tristano auf seiner Facebookseite viel über das Aufsehen erregende Projekt, das er da mit seinem Team am Freitag im Großen Saal zeigen will.

Der international erfolgreiche Luxemburger Pianist, mit Ambitionen zu neuen künstlerischen Ansätzen und Liebhaber aufeinanderprallender Kunst- und Stilrichtungen, macht sich einerseits auf die Spur von Bachs Zahlenmystik.

Ja, der berühmte Barockkomponist soll in der Tiefe seiner Werke gar ganze mathematische Formeln verborgen haben. Douglas Hofstadter hat das unter anderem 1979 in seinem Buch „Gödel, Escher, Bach“ analysiert, weil die wiederkehrenden Schleifen und markanten Muster für Insider bei der Auslese der Partitur schlicht augenfällig sind. Und dann ist es auch nicht mehr weit zu Iannis Xenakis.

Aus den Tönen GeBäude und letztlich eine ganze Stadt.
Aus den Tönen GeBäude und letztlich eine ganze Stadt.
Foto: E. Pietrogrande

Der berühmte Komponist und Architekt ging der Frage nach: „Kann Musik gebaut werden?“. Er machte es mit seinem Wegbegleiter LeCorbusier vor – und das, was er in den Recherchen an dieser Schnittstelle fand und nicht in reale Formen gießen konnte, hinterließ er als Theorem der „Cosmic City“, seiner Symbiose zwischen Musik und Architektur.

Weit mehr als eine bunte Lightshow

„Ich brachte Francesco auf Xenakis' Konzept, als er mich fragte, wie man für Bachs Goldbergvariationen eine Visualisierung entwickeln könnte, wie Bachs Musik funktioniert und was sie in sich birgt“, sagt der Toningenieur, Produktionsdesigner, Architekt und inzwischen enge Freund des Pianisten, Edoardo Pietrogrande. So machten sich die beiden jungen Künstler, die auch bei anderen Projekten zusammenarbeiten, daran, diese verschiedenen Ideen zwischen Barock, Moderne und Postmoderne zu vereinen.

„Ich kenne mich zwar mit der Visualisierung elektronischer und experimenteller Musik aus, aber das war etwas ganz Neues für mich“, gibt Pietrogrande zu. Mit Tristano wertete er jede einzelne Note aus (je nach Länge des Konzerts über 26 000), forschte nach Sequenzen, Abschnitten, Wechseln, Harmonieschemen, Grafischem in der Partitur – allem, was als Richtschnur für die visuelle Umsetzung dienen könnte.

Bach wird vermessen und mit diesen Maßen in ein neues ästhetisches Gewand gehüllt, das sich während des Konzerts als Projektion Stück für Stück enthüllt. Mit der Basis der Ideen von Xenakis und ersten Zeichnungen von Pietrogrande, entwickelten die beiden schließlich mit einem kleinen Team von zwei Videospezialisten ihre „Cosmic City“ – mal in rohen Linien, mal in fotorealistischer Darstellung. Da entsteht aus einer Melodiephrase ein Turm und im Gesamten „letztlich eine voll funktionierende Stadt“, sagt Pietrogrande.

Doch damit wollen sich die Kreativen hinter diesem Brückenschlag der ästhetischen Genres nicht zufriedengeben. „Wir entwickeln das Projekt ständig weiter. Mit jeder neuen Aufführung fügen wir neue Perspektiven hinzu, passen die Projektionen und Lichtsituationen an den Ort und die genaue Länge des Programms an – ob zum Beispiel Wiederholungen gespielt werden oder nicht. Neuerdings finden sich auch lokale Einflüsse wieder. Wir können in der ,City‘ zum Beispiel Wettersituationen simulieren, wie sie ganz real in Luxemburg vorliegen.“

Um diese Art der Darstellung und Projektion zu ermöglichen, brauchte es Monate an Vorbereitung.
Um diese Art der Darstellung und Projektion zu ermöglichen, brauchte es Monate an Vorbereitung.
Foto: E. Pietrogrande

Das ist alles leichter gesagt als getan: schon für die Uraufführung musste eine Art visuelle Bibliothek von videospielartigen Projektionen über Monate und für jede einzelne Variation geschaffen werden. Diese werden einerseits in Echtzeit zur Musik abgespielt werden und doch auch – bis zu einem gewissen Grad – auf das Live-Spiel von Tristano reagieren; zum Beispiel wie lang oder laut er die Töne auf seinem Instrument spielt, das mit dem Computersystem verbunden ist.

In der klassischen Musik gibt es da sicherlich auch noch Vorbehalte: lenkt das nicht viel zu viel von der eigentlichen Musik ab? „Francesco wollte das alles noch so minimalistisch wie möglich“, sagt Pietrogrande. Es gehe um eine neue Sicht, eine ungewohnte Interpretation Bachs mit künstlerischen Mitteln.

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„Goldberg City Variations“, am Freitag, dem 9. Februar, 20 Uhr in der Philharmonie. Tickets: 35/25/15 Euro (erm. 21/15/9 Euro) unter Tel. 26 32 26 32.


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