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Fondation „Ecouter pour mieux s'entendre“: Für ein neues Körpergefühl
Kultur 7 3 Min. 07.11.2015

Fondation „Ecouter pour mieux s'entendre“: Für ein neues Körpergefühl

Aus starren Masken werden selbstbewusste Gesichter.

Fondation „Ecouter pour mieux s'entendre“: Für ein neues Körpergefühl

Aus starren Masken werden selbstbewusste Gesichter.
Foto: Lex Kleren
Kultur 7 3 Min. 07.11.2015

Fondation „Ecouter pour mieux s'entendre“: Für ein neues Körpergefühl

Es sich erst einmal zu trauen, sich vor einem Publikum zu zeigen - zumal, wenn der Körper schon im Alltag Ekel und Abscheu auslöst, ist eine große Leistung, wie das am Freitag zu Ende gegangene Ferienprojekts der Stiftung „Ecouter pour mieux s’entendre“ (EME) unter Beweis stellte.

Von Daniel Conrad

Die in einem roten Kreis geschriebenen drei großen Buchstaben „W“ „U“ „T“ verschwinden mit einem Wisch von der Tafel, und werden durch ein noch größeres
„F“ „R“ „E“ „U“ („N“) „D“ „E“ ersetzt – was bei der Abschlussvorstellung dieses Ferienprojekts der Stiftung „Ecouter pour mieux s’entendre“ (EME) so leicht von der Hand zu gehen scheint, ist im Alltag für die Mädchen und Jungen mit Essstörungen oft ein schwerer Kampf.

Umso mehr überzeugt dieser Auftritt. Die Maske verhüllt das Echte, verbirgt die Sorgen und Ängste, die Wut und die Traurigkeit. Das Aufziehen des Akkordeonbalgs wirkt wie tiefes Atmen. Dieses bewusste Atmen, das der Konzentration und die Entspannung Raum schafft. Aber geraubt sind die positiven Emotionen, die positiven Seiten des Lebens. Doch dann gleiten die weißen, kalten Starrgesichter beiseite, erst ganz langsam. Die natürlichen Gesichtszüge treten hervor, manche zur Grimasse verzerrt „Will ich mich so ungeschützt zeigen? Was werden die, die mich jetzt sehen, sagen?“

Doch da ist die Musik, sie hilft, mit ihrer Anziehungskraft die Emotionen freizusetzen. Immer schneller rauschen die Klänge. Der Rhythmus belebt die Gestalten. Erst eine kleine Bewegung, dann immer mehr Raumgewinn für den Körper – ja sogar die völlige Befreiung von der Maske ist möglich, das Verdrängen des Negativen, und das Aufschimmern des neu gewonnenen Selbstbewusstseins, sich nicht nur sich selbst, sondern auch den anderen zu stellen. All das kommt in 25 Minuten an diesem Freitagmorgen zusammen, und wird mit einem donnernden Applaus belohnt.

Harte Arbeit ist das aber in der Vorbereitung: „Macht nicht einfach bei der Aufführung etwas, was ihr nicht spürt. Gebt diesem Moment Raum und lasst zu, was ihr mit den anderen und dem Publikum daraus machen könnt“, hatte eine der Workshopleiterinnen, Sigrid Reisenberger, ihren Schützlingen eingeschärt.

Intensive Arbeit

Im Sitzkreis hatten sie sich versammelt, um kurz vor dem Schluss des Workshops, bei dem die Aufführung den Höhepunkt darstellte, die letzten Details durchzugehen und über die Präsenz zu geben: die sechs Mädchen, die den Entschluss gewagt haben, an dem Workshop teilzunehmen und sich vor dem kleinen Publikum zu zeigen, die Musikvermittlerin Lilian Genn, die Bewegungspädagogin Sigrid Reisenberger, die Musikerinnen Natasa Gehl und Netty Glesener sowie die Teambegleiter des „Service national de psychiatrie juvénile“.

Es war eine gute Ablenkung von den Gedanken, die mir oft zu Hause kommen.

„Es war eine gute Ablenkung von den Gedanken, die mir oft zu Hause kommen“, zieht eine der Teilnehmerinnen ihre Bilanz dieser besonderen Ferienwoche, die vom Symbol der Masken im Alltag geprägt ist. Alle der zwischen elf und 15 Jahren alten Mädchen sind wegen ihrer Essstörung bei Dr. Salima Aarab und ihren Mitarbeitern in Behandlung.

Gut ein Jahr Vorbereitung flossen in diese Momente in der Sporthalle in Esch/Alzette. „Hier geht es nicht direkt um Therapie. Dafür sind wir auch nicht ausgebildet“, betont die Wienerin Lilian Genn, die schon mehrfach mit der Fondation EME Projekte entwickelt hat. Die Musik soll weit über den Konzertsaal in Kirchberg hinaus getragen werden, um damit Menschen neue Perspektiven zu eröffnen, wie eben in dieser Turnhalle.

Neues Körpergefühl dank der Musik

„Wir wollten die Möglichkeiten der Musik, des tänzerischen Ausdrucks und der Kunst gezielt nutzen, sich selbst besser kennenzulernen und sich dem Publikum zu stellen – so wie man ist. Sicher, wir als Musik- und Bewegungspädagogen haben uns dann im Vorfeld mit dem Thema Anorexie und Bulimie beschäftigt, aber das Künstlerische hatte Vorrang“, betont Genn.

Es braucht Destigmatisierung und Bewusstsein für die Schwierigkeiten mit diesen Problemen.

Dennoch hoffen sie, dass damit eine weitere Tür aufgestoßen wird, vielleicht sogar die Mitarbeiter der „Service national de psychiatrie juvénile“ auch etwas in ihre eigene Arbeit übernehmen und auf eine langfristigere Perspektive anpassen könnten. Denn der Umgang mit dem Krankheitsbild ist schwer – nicht nur für die Betroffenen.

„Es braucht Destigmatisierung und Bewusstsein für die Schwierigkeiten mit diesen Problemen “, sagt Dr. Salima Aarab. Sie berichtet vom schweren, inneren Druck der Betroffenen, darunter im Übrigen auch von weit mehr Jungen als man meint, und der Abscheu vor dem eigenen Körper und dem scheinbaren Mangel an Attraktivität. Aarab sieht das Projekt als Chance: „Wenn es dann gelingt, nicht nur über die klassischen Therapiemethoden, sondern auch über die Beschäftigung mit Musik und Tanz ein neues Körpergefühl aufzubauen, kann das nur in unserem Sinn sein.“

www.fondation-eme.lu

www.kannerpsychiater.lu

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