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"Flatland" zeigt ein Südafrika im Zerrspiegel
Kultur 6 Min. 08.09.2020

"Flatland" zeigt ein Südafrika im Zerrspiegel

Kultur 6 Min. 08.09.2020

"Flatland" zeigt ein Südafrika im Zerrspiegel

Daniel CONRAD
Daniel CONRAD
Nach der Berlinale 2019 kommt „Flatland“ von Jenna Bass jetzt erst in das normale Luxemburger Kinoprogramm. Er zeigt ein scheinbar extremes Alltagsgefühl zwischen Überlebenskampf und Kitsch, Gewalt und Soap Operas, Missbrauch und südafrikanischen Sprachenwirrwarr, unerfüllbaren Träumen und die Zwänge der offenbar unüberwindlichen Geschlechter-Rollenklischees.

Als die Premiere zum Auftakt des Panorama-Wettbewerbs 2019 bei den Internationalen Filmfestspielen gelaufen ist, liegen sich die Beteiligten an „Flatland“ in den Armen. Diese Luxemburger Koproduktion überhaupt so prominent zeigen zu können, überwältigte die Regisseurin Jenna Bass fast. 


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Sie war mit ihren Darstellerinnnen Faith Baloyi und Izel Bezuidenhout, sowie ihrem Produzenten David Horler eigens aus Südafrika angereist, um – nach „High Fantasy“ in der Jugendreihe des Festivals 2018 – wieder einen ihrer Filme bei der Berlinale zu präsentieren. 

An ihrer Seite: Désirée Nosbusch und Alexandra Hoesdorff, die sich mit ihrer Luxemburger Filmfirma Deal Productions und Geld aus dem noch recht neuen Topf „Cineworld“ des Filmfunds an diesem dritten Langspielfilm-Projekt der Regisseurin beteiligt haben. Wer diese Situation erlebt hatte, merkte, wie viel Herzblut in diesem Film steckt. 

Heldinnen in der winterlichen Halbwüste  

Über Jahre hat Jenna Bass an dem Streifen um drei Frauen gefeilt – und die Luxemburger Koproduktionsfirma hat ihr den Rücken gestärkt. Ein moderner „Western“, wie die Regisseurin sagt, ist da entstanden. 

Die Story in aller Kürze: Die Hochzeitsnacht zwischen Natalie und Bakkies endet im Fiasko. Nach der Vergewaltigung des weißen Polizisten an seiner jungen schwarzen Braut kommt es auf ihrer Flucht zu einem unabsichtlichen Todesschuss. Natalie rettet sich auf der Suche nach Hilfe zu ihrer einst besten Freundin Poppie. 

Mal hart an der Parodie, mal tief bewegend als dramatisch überhöhter Blick: Izel Bezuidenhout und Nicole Fortuin.
Mal hart an der Parodie, mal tief bewegend als dramatisch überhöhter Blick: Izel Bezuidenhout und Nicole Fortuin.
Foto: Flatland Productions

Die Schwangere bietet Natalie ihre Hilfe an, Richtung Cape Town zu fliehen – doch eine Polizistin hat sich schon an ihre Fersen geheftet. Wer wirklich den Abgleich zu historischen Cowboy-Streifen macht, merkt, wie viele Stilprinzipien und dramaturgische Parallelen in „Flatland“ stecken. 

Bis auf die Prämisse des zeitgenössischen Südafrikas – und Frauen als Heldinnen in der winterlichen Halbwüste der Karoo-Region. 

Von Kamerafahrten über Bildschnitte, von Schießereien bis zum Duell, vom Einsatz der Pferde bis zur Einzelkämpfermentalität, mal hart an der Parodie, mal tief bewegend als dramatisch überhöhter Blick, ein Zerrspiegel des heutigen Südafrikas. 

Zwischen Überlebenskampf und Kitsch  

Dieser Film soll aber auch als Kommentar zu der Gesellschaft des Landes und deren Grenzen verstanden werden. Er zeigt ein scheinbar extremes Alltagsgefühl zwischen Überlebenskampf und Kitsch, Gewalt und Soap Operas, Missbrauch und südafrikanischen Sprachenwirrwarr, unerfüllbaren Träumen und die Zwänge der offenbar unüberwindlichen Geschlechter-Rollenklischees. 

Dass „Flatland“ dann bei allem Anspruch der Macherinnen – das Team ist weitgehend weiblich – an Konzept, Aufbau und Charaktere seine Längen entwickelt und durchaus hätte ohne Verluste an inhaltlicher Tiefe gerafft werden können, gilt es zu bemängeln. Oder ist das ein zu europäischer Blick auf ein visuelles Empfinden, das in Afrika durchaus anders sein kann und dazu noch andere Bezugslinien als Mehrwert entfaltet? 
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Westernheldinnen neuer Art

Wie die südafrikanische Regisseurin Jenna Bass einfach mal die Vorzeichen eines Genres dreht

Interview: Daniel Conrad (vom Februar 2019)

Die weiblichen Filmschaffenden stehen 2019 deutlicher als je zuvor im Fokus der Berlinale. Mit Luxemburger Beteiligung, konkret der Deal Productions, konnte die Südafrikanerin Jenna Bass ihren Film „Flatland“ realisieren – und der landete gleich als Eröffnungsfilm der Berlinale-Reihe „Panorama“ im Fokus des Interesses.

Jenna Bass, was erwartet die Zuschauer in Ihrem Film?

Es ist ein im Heute und in der wirtschaftlich abgehängten Karoo Region Südafrikas angelegter Western, der drei Frauen als Hauptcharaktere vorstellt. Eine ist Polizistin, die ihren Ex-Verlobten vom Vorwurf des Mordes entlasten will. Sie kommt den beiden Frauen auf die Spur, von denen sie glaubt, die Tat begangen zu haben – und verfolgt sie in die Wüstenregion.

Was liegt für Sie im Kern dieser Geschichte – ein besonderes Thema in Südafrika?

Die Geschichte hat sich ganz natürlich über Jahre entwickelt. Ich begann etwa um 2009 mit dem Projekt – und fand es zuerst einfach nur spannend, einen modernen Western in der Region zu erzählen. Um zu sehen, was sich mit dieser Landschaft, der endlosen Wildnis, als Setting machen lässt. Und das begann ich dann bis ins kleinste Detail zu hinterfragen. Ich fragte mich – als ich mich dem Genre näherte, warum die meisten Figuren im klassischen Western Männer waren – und was es verändern würde, wenn Frauen in die Rollen schlüpfen würden. Wie würden sie in den gleichen Situationen reagieren? Ich fügte diesem Gerüst nach und nach Figuren zu, die ich in Südafrika im ganz realen Leben vorfand.

Gab es für Sie damit auch letztlich einen politischen oder gar gesellschaftskritischen Hintergrund?

Letztlich sind alle Formen von Kunstwerken politisch, selbst wenn das gar nicht intendiert war. Ich ging von Anfang an sehr bewusst meinen Figuren gedanklich nach. Und mit jeder Spur und jeder Veränderung ihrer Züge wurde mir klar, wie das die Geschichte und die Sichtweise darauf verändern würde. Ich wollte verschiedenen Charakteren auf der Leinwand Raum geben, die sich sonst niemals in dieser Art Genre finden würden. Dieser Gedanke führte dann auch weiter, zu den Menschen hinter der Kamera. Wir entschieden uns für eine weitgehend weibliche Crew am Set. So ging es nicht mehr nur um die Geschichte, sondern auch um die Art Filme zu machen.

Ist das Ihre Antwort auf die Debatte um die Frauen im Business und Ihr Film demnach ein Statement?

Natürlich ist das ein politisches Statement und es ist mir auch klar, dass der Film vor dem Hintergrund der momentanen Debatte so gesehen wird. Auch wenn es wichtig ist, worüber der Film handelt und wer ihn gedreht hat, sollte das doch nicht völlig nur als Statement klassifiziert werden.

Die Berlinale scheint ein Sprungbrett für Sie. Mit „High Fantasy“, ebenfalls von der Luxemburger Deal Productions koproduziert, waren Sie 2018 in der Berlinale-Jugendreihe „Generation“ zu sehen. Wie entscheidend ist die erneute Teilnahme?

Für den internationalen Markt ist die Berlinale natürlich eine unglaublich gute Plattform für mich und für den Film ideal, um ihn in Europa bekannter zu machen. Aber das bedeutet nicht notwendigerweise, dass er auch ein Erfolg in Südafrika wird – dafür unterscheidet sich der lokale Markt und seine Vertriebsstrukturen zu sehr. Ich hoffe natürlich auf beides.

Darstellerische Improvisation prägte einige Ihrer Arbeiten zuvor. Spürt man das auch in „Flatland“?

In „Flatland“ arbeite ich mit professionellen Darstellern und Laien aus der Region, in der der Film spielt. Und das bringt rein darstellerisch das Beste aus beiden Welten zusammen. Ich arbeite die Charaktere zwar aus, überlasse es aber den Darstellern, etwas daraus in der konkreten Situation zu machen – und dann nicht mehr die Erfüllung der Ideen des Regisseurs zu sein. Sie sind letztlich die Experten für ihre Figur; und diese Verantwortung will ich auch sichtbar machen.

Aber wo bleibt dann die Filmsprache von Jenna Bass?

Ich gehe an jeden Film sehr unterschiedlich heran. Konkret, welche Geschichte ich erzählen und welches Gefühl in den Details ich der Story geben will. Dann lege ich auch eine visuelle Sprache über das Projekt. „Flatland“ hat letztlich zwei parallele Geschichtenstränge – den der Polizistin und den der von ihr verfolgten Frauen. Und wir wollten, dass diese Stränge sehr unterschiedlich aussehen – das meint die Farbskalen der Bilder und die Art der Kameraführung – was dann die Distanz der Charaktere zeigen soll – und letztlich die Spannung erhöht, was wohl passiert, wenn sie aufeinandertreffen.


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