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Filmkritik zu "Leto": Russland rockt
In „Leto“ mischen Musiker das Leningrad der 80er auf.

Filmkritik zu "Leto": Russland rockt

Foto: Bac Films
In „Leto“ mischen Musiker das Leningrad der 80er auf.
Kultur 1 16.03.2019

Filmkritik zu "Leto": Russland rockt

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Der neue Streifen von Kirill Serebrennikow und die Frage, warum Kunst nicht nur in der Sowjetunion der 1980er-Jahre, sondern auch im heutigen Russland Politikern ein Dorn im Auge ist

Um Haaresbreite verpasste Wiktor Zoi am 15. August 1990 den Eintritt in einen der exklusivsten Künstlerzirkel der Welt, dem Club 27 – Mitgliedschaftsbedingung: erfolgreicher Künstler sein und mit 27 Jahren sterben. Trotzdem ist Zoi, der mit 28 bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, als Musiker, Dichter und Frontmann der russischen Rockband Kino, so etwas, wie der Jim Morrison der Sowjetunion.

Was sein Kollege von „The Doors“ nämlich in den Sechzigern für die westliche Welt verkörperte, tat Zoi in den Achtzigern für die Sowjetunion: Er war der musikalische Rebell, der dem Proletariat einen Hauch von Individualität, Aufbegehren und Freiheit einflößte – und damit lauthals am Käfig der Parteimacht rüttelte. Zois (Teo Yoo) Anfänge in der brodelnden Leningrader Musikszene und die einschneidende Begegnung mit dem bereits etablierten Musiker Mayk (Roman Bilyk), zeichnet „Leto“ – „Sommer“ – des russischen Regisseurs Kirill Serebrennikow in eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Bildern nach.

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Und zwar so markant, dass dieses Werk, dessen künstlerisches Statement zugleich auch ein politisches ist, zwangsläufig einen bleibenden Eindruck beim Zuschauer hinterlässt. Nicht von ungefähr lief der Film, bei dem die Liebesgeschichte zwischen Wiktor und Mayks Ehefrau Natalia (Irina Starshenbaum) geradezu als Vorwand für den politischen Diskurs dient, dann auch im Wettbewerb des Filmfestivals von Cannes 2018.

Sex, Drugs and Rock 'n' Roll

So ganz anders als seiner Hauptfigur Zoi geht es auch dem Filmemacher, Opern- und Theaterregisseur Serebrennikow, Jahrgang 1969, dabei nicht: Seit August 2017 steht er nämlich unter Hausarrest, weil er der Veruntreuung staatlicher Gelder bezichtigt wird. Auch „Leto“ musste er so fertigstellen. Trotz zahlreicher internationaler Proteste und Solidaritätsbekundungen, verdeutlicht dies wie scheinbar leicht es ist, sich eines unliebsamen Künstlers sprich Kritikers zu entledigen. Zumindest der Kreativität Serebrennikows scheinen keine Fesseln angelegt, denn wie heißt es so schön – Not macht erfinderisch.

Liegt es nun an der ganz besonderen Ästhetik des Schwarz-Weiß, den spannenden visuellen Einfällen, bei dem der Film plötzlich zum Musikclip wird und der Zuschauer trotzdem nicht den Faden der Geschichte verliert, oder daran, dass den meisten Zuschauern keines der Gesichter auf der Leinwand – Teo Yoo, Irina Starshenbaum, Roman Bilyk – vertraut ist? Sicher ist, all dies trägt dazu bei, dass „Leto“ als wundervoll erfrischende Sex, Drugs and Rock 'n' Roll-Brise mit politisch-gesellschaftlicher Dimension über die Leinwand bläst.