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Filmkritik zu „Fifty Shades of Grey“: Sadomaso leicht gemacht
Kultur 1 4 Min. 14.02.2015 Aus unserem online-Archiv

Filmkritik zu „Fifty Shades of Grey“: Sadomaso leicht gemacht

Filmkritik zu „Fifty Shades of Grey“: Sadomaso leicht gemacht

Foto: Universal Pictures
Kultur 1 4 Min. 14.02.2015 Aus unserem online-Archiv

Filmkritik zu „Fifty Shades of Grey“: Sadomaso leicht gemacht

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Das Fazit unserer Fimkritikerin Vesna Andonovic zum heiß erwarteten Filmstart von "Fifty Shades of Grey": "Wer nicht hören will, muss fühlen! Eine Tupperware-Party ist sinnlicher."

Dieser Film ist weder für VegetarierInnen, noch VeganerInnen geeignet! Aber keine Sorge, sein Publikum wird „Fifty Shades of Grey“ dennoch finden: dem Vorgeschmack der mit sage und schreibe über 2 000 verkauften Tickets, für die am vergangenen Mittwochabend angesetzte „Ladiesnight“, nach auch noch erschreckend zahlreich.

Dabei dürfte selbst bekennenden Genießern karnivorer Genüsse beim Anblick von so viel Ungegartem die Lust danach vergehen. Schlecht für einen Film, der sich gerade die durchschlagende Kombination dieser beiden elementaren Triebe zum Thema macht. Liebe ist eben doch, wie ein jeder weiß, noch immer eine Bauch- und Kopfsache.

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Und der Unterschied zwischen schmutzigem Porno und salonfähiger Erotik da drin? Nun, die schmuddeligen Ausgeburten des Ersteren, Fassung „Hausfrauensex“, waren gestern; die Apple- und Audi-gesponserte Penthouse-Variation der Letzteren ist voll in! Wenn das Licht im Kinosaal, nach 125 Minuten Schattenspielen, wieder angeht, stehen zwei Gewissheiten unumstößlich im Raum: Teil zwei kommt bestimmt, und schlimm, sehr schlimm sogar, steht es um das Abendland!

Foto: Universal Pictures

Wer Letzteres mit dem täglichen Blick in die internationale Nachrichtenlage nicht längst begriffen hat, dem wird es – nicht minder schmerzlich – hier bewusst. Aber eine Zivilisation, deren Wünsche sich auf Unterwerfen und Unterwerfung beschränken, kann nicht nur, sie sollte auch nicht überdauern.

Selbst dann nicht, wenn sich diese Leere hinter dem Ausgangsparadigma versteckt, dass in jeder Frau eine hingebungsvolle Sozialarbeiterin und in jedem Mann ihr ganz persönliches Weltrettungsprojekt steckt.

„Fifty Shades of Grey“, sehnsüchtig erwartet von der millionenfachen, vornehmlich weiblichen Leserschaft des gleichnamigen Romans der Britin  E. L. James, ist genau das, was man an dieser Stelle erwarten kann: ein Mainstream-Märchen anno 2015 und die filmisch uninspirierte Adaptierung eines mittelmäßigen Buches, dessen Flirt mit dem Anrüchigen weder gesellschaftsrelevant, schon gar nicht sozialkritisch und demzufolge so attraktiv und überflüssig wie ein Kropf ist.

Foto: Universal Pictures

An einem „Gute-Laune-Tag“ ist der Film bestenfalls eine unterhaltsame Anhäufung sexistischer Dämlichkeit und Plattitüden (wer beim so was von plumpen, phallischen Spiel mit dem Bleistift nicht schmunzeln muss, entbehrt definitiv jeglicher Lebensfreude). An einem „Schlechte-Laune-Tag“ ist er allenfalls eine schallende Ohrfeige für den Intellekt, der selbst die unteren Bereiche der IQ-Skala unterfordert.

Kinky-Quatsch

Verwunderlich eigentlich, dass im Gegensatz zur kleinsten Werbenacktheit hier – vor allem bei den starken Frauen des schwachen Geschlechts – nicht Entrüstungsstürme losgetreten werden, sondern der in sozialen Netzwerken übliche Shitstorm einem hormonell verzückten Verzückungstsunami weichen muss.

Foto: Universal Pictures

Das lässt Böses ahnen, was den Stand der Dinge in Sachen weibliche Identität, Selbstbestimmtheit und -wahrnehmung im 21. Jahrhundert in Luxemburg und der Welt anbelangt. Wer hätte sich träumen lassen, dass – selbst ohne persönlichen Vergleichswert – sogar noch eine Tupperware-Party sinnlicher erscheint als der gehypteste Skandalfilm des Jahres?

So belehrend-prüde, politisch korrekt und über jegliche Kritik erhaben sie sich sonst auch gerne geben – eine Roman-Trilogie und ihre unvermeidbare und leider erste von drohenden drei Adaptierungen für die große Leinwand offenbart das andere Gesicht der Vereinigten Staaten, das sich hinter der gutbürgerlichen WASP-Fassade verbirgt.

Foto: Universal Pictures

Frei nach „Pecunia non olet“ geht es auch mit „Fifty Shades of Grey“ unter die Gürtellinie, und zwar mit handfestem „kinky“-Quatsch, der allenfalls liebestötend ist. Anfangs als „The Master of the Universe“ auf Fan-Webseiten veröffentlicht, ist James' Geschichte eine Hommage an Stephenie Meyers „Twilight“-Romane. Dies wiederum erklärt vieles, vor allem wieso die unanständige Soft-Sado-Maso-Posse ebenso läppisch und karikierend daherkommt wie die „Kein Sex vor dem Ja-Wort“-Teenagersaga.

Für all jene – und es gibt sie (zum Glück) zahlreicher, als man denkt – die das literarische Phänomen „Fifty Shades of Grey“ verpasst oder erfolgreich umgangen haben, die Kurzfassung: Die junge „English lit“-Absolventin (für ein „literature“-Buchstabieren reicht der Bachelor scheinbar in den USA nicht) Anastasia Steele (Dakota Johnson im „La Boum“-Sophie-Marceau-Look) gerät in den Sog des brillanten und charismatischen – und ah ja, natürlich ebenfalls steinreichen! – Christian Grey (Jamie Dornan – ein Laborklon aus Robert Pattinsons und Colin Firths DNA).

Foto: Universal Pictures

Sie lebt mit ihrem „Dominus“ (ja, auch das soll es geben!) dessen sexuelle Fantasien, von Bondage- bis hin zu Züchtigungsspielchen, aus. Klingt ja vorweg vielleicht spannend, aber das Resultat dürfte dem guten, alten Donatien Alphonse François nicht mal ein müdes Lächeln entlocken.

Zutaten klassischer Märchen

Wie erwartet finden sich auch hier die Zutaten des klassischen Märchens, dessen Bandbreite von Aschenputtel bis hin zu Rotkäppchen und der böse Wolf reicht: die holde, arme (erkennbar an einem in mehreren Szenen getragenen Paar Schuhe!) und – Achtung Spoiler! – jungfräuliche Maid, der schöne (ein Sixpack und ein durchtrainierter Hintern ersetzen wirkungsvoll die obsolet gewordenen inneren Werte) Märchenprinz, dessen weißes Ross durch Hubschrauber und Segelflieger und die Rüstung durch Maßanzüge und Designerjeans ersetzt wurden.

Foto: Universal Pictures

Dass mit Sam Taylor-Johnson auch noch eine Frau Regie führt, rettet es auch nicht, und so kommt ihr Opus klinisch-steril, und zwar filmisch sauber, aber unbefriedigend, da auf „Déjà vus“ setzend, daher. Und man sollte sich nicht täuschen: Rein mathematisch von der Bildschirmzeit gesehen, ist „Fifty Shades of Grey“ ein Männerfilm, da die weibliche Anatomie als leinwandgeeigneter eingestuft und verwendet wurde.

Fazit: „Wer nicht hören will, muss fühlen“: Wer demnach den unwiderstehlichen Trieb verspürt, sich den Film anzutun, riskiert höchstens, sich in der (in diesem Fall leider!) anonymen Zuschauerstatistik am Ende des Jahres wiederzufinden.

Sicher ist: Es gibt definitiv fünfzig sinnvollere Dinge, in die man seine Zeit investieren könnte. Zum Beispiel einfach mal Steven Shainbergs „Secretary“ mit dem Duo Maggie Gyllenhaal/James Spader wieder ausgraben: Da heißt der attraktive Chef – Überraschung! – auch Grey, und Sie amüsieren sich definitiv besser, wenngleich nur im Pantoffelkino!