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Filmkritik: Von wegen schwaches Geschlecht
Kultur 1 2 Min. 15.02.2020

Filmkritik: Von wegen schwaches Geschlecht

Greta Gerwig erzählt die Geschichte der Schwestern Meg (Emma Watson), Amy (Florence Pugh), Jo (Saoirse Ronan) und Beth March (Eliza Scanlen) (v.l.n.r.), die Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Platz in der Gesellschaft zu finden versuchen.

Filmkritik: Von wegen schwaches Geschlecht

Greta Gerwig erzählt die Geschichte der Schwestern Meg (Emma Watson), Amy (Florence Pugh), Jo (Saoirse Ronan) und Beth March (Eliza Scanlen) (v.l.n.r.), die Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Platz in der Gesellschaft zu finden versuchen.
Fotos: Columbia Pictures
Kultur 1 2 Min. 15.02.2020

Filmkritik: Von wegen schwaches Geschlecht

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Greta Gerwig macht aus Louisa May Alcotts Romanvorlage „Little Women“ den zu perfekten Film.

Ein Roman mit einer weiblichen Hauptfigur kann nur zwei Arten eines Endes haben: die Hochzeit der Protagonistin oder ihren Tod. Das Urteil ihres Verlegers ist ebenso klar wie unumstößlich. Das entspricht zwar dem Zeitgeist Mitte des 19. Jahrhunderts, ist aber so gar nicht nach dem Geschmack der jungen Jo March (Saoirse Ronan), die in New York ihren Schriftstellerambitionen nachgeht. 

Schließlich hält sie sich und die in Concord lebende Familie mit privaten Unterrichtsstunden über Wasser. Nicht nur physisch durch das Korsett, auch symbolisch wird das weibliche Geschlecht regelrecht im Zaum gehalten. Gesellschaftlich ist sein Rollenregister zwischen aufopfernder Ehefrau bzw. liebevoller Mutter und alter Jungfer recht begrenzt. Dass Jo selbst kein Mieder trägt, scheint da selbstverständlich.

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„Frauen, sie haben Verstand und sie haben Seele, ebenso wie nur Herzen. Und sie haben Ambitionen, und sie haben Talent, ebenso wie nur Schönheit. Es macht mich krank, wenn Leute ständig behaupten, dass Liebe das einzige ist, wofür eine Frau gemacht ist“, empört Jo sich auch bei Mutter Marmee (der frischgebackenen Oscar-Preisträgerin Laura Dern). Doch im Amerika des Sezessionskriegs haben weder sie noch ihre drei Schwestern, Meg (Emma Watson), Amy (Florence Pugh) und Beth March (Eliza Scanlen), die „Little Women“ des eingezogenen Pastorenvaters, einen großen Spielraum, was ihre gesellschaftliche Rolle angeht.

Der vierte Spielfilm von Schauspielerin Greta Gerwig erzählt vom Alltag zwischen Träumen und Hoffnungen, Ängsten und Ernüchterungen; und zugleich der Suche nach sich selbst und ihrem Platz im großen Gefüge.

Die engagierte Filmemacherin geht dabei, nach ihrer fünffach Oscar nominierten Coming-of-Age-Story „Lady Bird“, mit „Little Women“ die Adaptierung des gleichnamigen amerikanischen Literaturklassikers von Louisa May Alcott an. Mit dem Roman landete Alcott 1868 einen wahren Bestseller, der seit 1917 ein ebenso beliebter Leinwandstoff ist.

Gerwig ist bei ihrer Umsetzung der Geschichte der vier March-Schwestern um historische Genauigkeit bemüht. Nicht von ungefähr sieht das Filmhaus der Marchs dem Orchard House von Autorin Alcott zum Verwechseln ähnlich. Akribisch wurde auch auf die Akkuratesse geschichtlicher Details geachtet und spürbar minutiös an der Optik jeder einzelnen Einstellung gefeilt.

Grundlegendes Problem

Gerwig setzt auf eine gepflegte Bildsprache, die den formal perfekt ausgerichteten Rahmen vorgibt, in dem die Regisseurin ihre hochkarätige Besetzung inszeniert.

Neben Dern und Ronan umfasst das Casting auch Emma Watson, Florence Pugh und Eliza Scanlen als die Schwestern sowie Meryl Streep und Timothée Chalamet. Sie alle erfüllen ihre Figuren mit unwiderruflichem Talent. Und genau hier offenbart sich das grundlegende Problem dieser „Little Women“: Die unübersehbare Sorgfalt um die äußere Aufmachung wirkt sich nämlich auf Dauer ablenkend aus.

Statt sich ganz auf die psychologische Dimension der diversen Protagonisten fokussieren zu können, wird der Zuschauer immer wieder von der ansprechenden, ja buchstäblich geleckten Form abgelenkt. Dass es in der Nacht zum Montag einen Academy Award für die Kostüme gab, ist demnach zwar durchaus verdient, jedoch symptomatisch.

Während jede der weiblichen Figuren die Charakteristika unterschiedlicher Frauenrollenbilder verkörpert, die von der Rebellin über die Gefügige bis hin zu der das System Austestenden reichen, ist der Brückenschlag zwischen 19. Jahrhundert und Jetztzeit wackelig: „Little Women“ ist zu modern, um antiquiert, zu klischeehaft-eindimensional, um zeitgemäß aussagekräftig zu sein.

Wenngleich er ein formal sehenswerter Film ist, hinterlässt er dennoch einen gemischten Eindruck. Spannender dürfte da sicher das nächste Projekt der Regisseurin ausfallen – denn sie setzt Margot Robbie als lebensechte „Barbie“ in Szene. Das Publikum darf sich da wohl auf einen richtigen Bildersturm freuen... 


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