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Filmkritik: Viktorianisches Hochglanzmärchen
Kultur 2 3 Min. 12.09.2020

Filmkritik: Viktorianisches Hochglanzmärchen

Dev Patel stellt als David Copperfield die Vorurteile des Zuschauers in Frage.

Filmkritik: Viktorianisches Hochglanzmärchen

Dev Patel stellt als David Copperfield die Vorurteile des Zuschauers in Frage.
Kultur 2 3 Min. 12.09.2020

Filmkritik: Viktorianisches Hochglanzmärchen

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Würde sich der ehrenwerte Charles Dickens im Grabe umdrehen, wenn er von Armando Iannuccis Adaptierung seines Romans wüsste. Keinesfalls - er würde sich freuen, wie frei und losgelöst sein Stoff hier verarbeitet wird. Puristen aufgepasst - es wird eine ungemütliche Fahrt!

 Wer hätte das gedacht: So schön kann also das Leben in der Gosse sein! Denn aus seinem behütet-idyllischen Heim, wo der kleine David Copperfield, mit der liebevollen Mutter Clara (Morfydd Clark) und Haushälterin und guten Seele Peggotty (Daisy May Cooper) lebt, landet er später in der Flaschenfabrik seines gefühllosen Stiefvaters Edward Murdstone (Darren Boyd) und den Armenvierteln des industriellen Londons und fristet dort ein freudloses Dasein. 

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Als die Mutter stirbt, flieht der junge, verwaiste Teenager (Sympathieträger Dev Patel) zur eigensinnigen (Paten-)Tante Betsey Trotwood (Tilda Swinton mit grandioser Esel-Phobie) und ihrem skurrilen Mitbewohner Mr. Dick (ein wunderbar abgehobener „Dr. House“-Hugh Laurie), die ihn auf eine heruntergekommene Schule schicken, damit aus ihm doch noch ein respektabler Gentleman wird. 

Dort lernt er nicht nur den verzogenen James Steerforth (Aneurin Barnard) kennen, sondern auch Uriah Heep (Ben Whishaw, herrlich hinterhältig). Und Davids Leben verläuft auch, als er auf den eigenen Füßen steht, alles andere als in ruhigen Bahnen ...

Vertraute Geschichte


Nicht nur der Protagonist (John David Washington) hat Mühe das Konzept der zurücklaufenden Zeit zu verstehen, auch der Zuschauer muss sich wie gewohnt bei einem Nolan-Film, etwas anstrengen.
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Die Geschichte von „The Personal History of David Copperfield“ von Armando Iannucci – der britische Wes Anderson –, der seine Premiere beim Toronto International Film Festival am 5. September 2019 feierte, klingt vertraut. 

Kein Wunder, begleitet sie Kinogänger doch seit 1911, als sie in einem Kurzfilm erstmals von Theodore Marston auf die große Leinwand gebracht wurde.

Wie viele von Charles Dickens Romanen, ist auch dieser perfektes Kinomaterial, denn er vereint episches Erzählmaterial, große Gefühle und existenzielle Fragen mit liebenswerten oder abscheulichen und stets skurrilen Charakteren.

Hier ist aber dann auch Schluss mit den Gemeinsamkeiten zwischen Roman und Film. Denn nur in einem sind sich „The Personal History of David Copperfield“ und seine literarische Vorlage ganz nah: der Ambition, Großes zu schaffen.

Der junge David kann selbst der Misere des Leben im industriellen London, positive Seiten abgewinnen.
Der junge David kann selbst der Misere des Leben im industriellen London, positive Seiten abgewinnen.

Unter dem visuellen Zuckerguss schlummert...

Denn, wo der Schriftsteller Dickens Gesellschaftskritik übt und Missstände anprangert, tischt der Filmemacher Iannucci, der den herrlich abgehobenen „The Death of Stalin“ inszenierte, scheinbar ein farbenfrohes Hochglanzmärchen auf, das auf den ersten Blick wie ein kunterbunter Cupcake daherkommt und einem das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt.  

Macht dies „The Personal History of David Copperfield“ zu einem schlechten Film? Nein, denn was als augenwischerische Unterhaltungsüberdosis daherkommt, entpuppt sich als raffinierte Falle.

Unter der recht dick aufgetragenen visuellen Zuckerguss-Schicht, die dem Ganzen eine Art Kinderbuch-Pop-up-Optik gibt, verbirgt sich eine überraschende Vielschichtigkeit, die durchaus ernste Fragestellungen beinhaltet und gleichzeitig durch den „Erzähler“ David die gesellschaftliche Rolle, Macht und demnach Verantwortung kultureller Akteure an sich thematisiert.

David Patentante (Tilda Swinton) und seine große Liebe Dora (Morfydd Clark).
David Patentante (Tilda Swinton) und seine große Liebe Dora (Morfydd Clark).

Vor allem zeigt „The Personal History of David Copperfield“ dabei, wie kreativ und eben auch losgelöst eine moderne Neuinterpretation bzw. Aneignung eines Klassikers sein kann – und darf.

...  harsche Kritik 

Iannuccis Kunst beruht auch hier ganz darauf, dass er das Publikum – genau wie in seinem Stalin-Opus – auf dem falschen Fuß erwischt. Die meisterhafte Leichtigkeit, mit der ihm dies gelingt, zeigt sich im Detail. Edit PictureCopy PictureDavids Patentante Betsey Trotwood (Tilda Swinton) und die Liebe seines Lebens Dore (Morfydd Clark, die auch die Rolle seiner Mutter übernimmt!).

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Es beginnt schon mit dem Casting, das augenscheinlich ohne das geringste Zögern eine ganze Reihe Schauspieler indischer, afrikanischer und asiatischer Abstammung umfasst. 

Einerseits verkörpert dies passenderweise das Empire, andererseits konfrontiert es den Zuschauer sogleich auf ganz subtile, doch äußerst wirksame Weise mit den eigenen kulturellen Stereotypen des viktorianischen Großbritanniens, aber auch der „großen“ Literatur und zeigt ihm so deutlich auf, wie tief die Wurzeln dessen, was im systemisch weitergetragenen Rassismus seinen krankhaftesten und zer- störerischsten Auswuchs erfährt, eigentlich in jedem von uns reichen. 


Weil er nicht gleich bei Grün losgefahren ist, wird Tom (Russell Crowe) angehupt und verliert daraufhin nicht nur seine Nerven, sondern auch jegliche Hemmungen: Er will Genugtuung für die Demütigung.
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Auch so manches liebenswerte Augenzwinkern übersieht der Zuschauer schnell, was jedoch richtig schade wäre: Wie beispielsweise, dass Iannucci Mutter Clara und die spätere Traumfrau Dora von derselben Schauspielerin verkörpern lässt – Ödipus lässt grüßen ...

Das Publikum sollte demnach nicht einen klassischen „Dickens“ erwarten. Denn tut es dies, wird es mit einem 119 Minuten langen Hochglanzmärchen entlohnt, das in Pandemie-Zeiten umso stärker die kreative Kraft kultureller Ausdrucksformen und ihre Lebensnotwendigkeit für den Menschen verdeutlicht. 

Misere hat man ja schließlich genug außerhalb des Kinosaals, oder nicht ...?! 

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