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Filmkritik: Ringen um eine Annäherung
Kultur 1 2 Min. 14.03.2020

Filmkritik: Ringen um eine Annäherung

Filmkritik: Ringen um eine Annäherung

Foto: Sony Pictures
Kultur 1 2 Min. 14.03.2020

Filmkritik: Ringen um eine Annäherung

Daniel CONRAD
Daniel CONRAD
Hesses „Narziss und Goldmund“ in der Verfilmung von Stefan Ruzowitzky polarisiert

Darf es noch ein bisschen mehr sein? Mehr Haut, mehr Gefühl, mehr Kontrast, Folter muss sein und ein (zu schönes) Klischeemittelalter in gaaaanz großen Bildern – Stefan Ruzowitzky und sein Team kleckern in „Narziss und Goldmund“ bei einem mutmaßlichen Budget von zehn Millionen Euro nicht. Der Regisseur und Drehbuchautor, der erstmals den Stoff von Hermann Hesse verfilmt hat, musste damit rechnen, an dieser Herkulesaufgabe gemessen zu werden. Zumal der Autor selbst Verfilmungen nicht gewollt haben soll; in Deutschland gehört die Buchvorlage außerdem zu den Schullektüren und wurde damit bis ins Kleinste durchanalysiert. Sehr viele mögliche Zuschauer haben also schon eigene Bilder und Vorstellungen im Kopf.

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Stefan Ruzowitzky, der sich seit 2008 für „Die Fälscher“ mit dem Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film schmücken darf und noch im letzten Herbst die luxemburgische Koproduktion „Hinterland“ (Produktionsfirma ist Amour Fou) im Großherzogtum drehte, hatte für sich festgelegt: Ein schöner Text brauche ebenso schöne Bilder bei seiner Verfilmung. Emanzipationen der Frauenfiguren mussten her, klare homosexuelle Konnotationen und Humor fanden Einzug und es wurde viel in die Optik investiert. Und ja, Abstriche in der inhaltlichen Tiefenauslotung zugunsten der Handlung mussten sein.

Apropos Handlung: Zwei völlig unterschiedliche Jungs wachsen gemeinsam im Kloster auf. Sie erkennen sich als Gegensätze und werden zu engen Freunden – bis Goldmund das Leben im Kloster nicht mehr weiterführen kann und will. Beide treibt letztlich die Suche an: Narziss die Suche nach Gott und der Erfüllung im Glauben, Goldmund in der Suche nach der Vollkommenheit in der Kunst und letztlich der Suche nach der verdrängten, aber in seinen Visionen ein freiheitliches Leben einfordernde Mutter. Der gut aussehende Goldmund zieht dann durch die Welt, lebt seine Gefühle mit zahlreichen Liebschaften, Erfolgen und Rückschlägen aus. Bis er und Narziss, der inzwischen zum Abt aufgestiegen ist, wieder aufeinandertreffen und ihre Lebensentwürfe und Erfahrungen miteinander abgleichen.

Großes Gefühlskino

Ruzowitzky erzählt mit zahlreichen Abwandlungen seine Version als Rückblenden-Erzählung, die den im Buch weniger ausgeprägten Lebensverlauf des Narziss möglichst auszuschlachten versucht. Und im besten Fall gelingt es den beiden Hauptdarstellern Jannis Niewöhner und Sabin Tambrea, die Freundschaft mit ihren Gegensätzlichkeiten und Verbindungen herausragend auszuleuchten.

Und insgesamt? „In dem Fall war es halt so, dass man gesagt hat, das ist die erste Verfilmung, da ist Sony und man hat sich gemeinsam geeinigt, man möchte großes Gefühlskino, großes Mainstream-Unterhaltungskino, was ich dem Stoff auch angemessen finde“, sagte Ruzowitzky vor Kurzem im Deutschlandfunk.

Genau das ist es geworden. Das reicht aber vielen Kritikern und Stoffkennern nicht, die die Latte höher gelegt haben wollten. Gar das Urteil „schön fotografierter Sexfilm für Katholiken“ (in „Die Zeit“) muss Ruzowitzky ertragen. Und das ist nicht gerade fair, wenn man die Prämisse kennt. Wer sich von Hesse freimachen kann, sieht letztlich einen guten abendfüllenden Film mit nachdenklichem Unterton. 

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