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Filmkritik: Recht ist nicht immer Gerechtigkeit
Kultur 1 3 Min. 20.04.2019 Aus unserem online-Archiv

Filmkritik: Recht ist nicht immer Gerechtigkeit

Pflichtverteidiger-„Rookie“ Caspar Leinen (Elyas M'Barek) muss auf eigene Faust ermitteln, um seinen schweigenden Klienten Collini überhaupt verteidigen zu können. Was er dabei aufdeckt, ist ein wahrer Justizskandal.

Filmkritik: Recht ist nicht immer Gerechtigkeit

Pflichtverteidiger-„Rookie“ Caspar Leinen (Elyas M'Barek) muss auf eigene Faust ermitteln, um seinen schweigenden Klienten Collini überhaupt verteidigen zu können. Was er dabei aufdeckt, ist ein wahrer Justizskandal.
Foto: Constantin Film
Kultur 1 3 Min. 20.04.2019 Aus unserem online-Archiv

Filmkritik: Recht ist nicht immer Gerechtigkeit

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Die Literaturverfilmung „Der Fall Collini“ scheitert an einer deplatzierten Gefühlsduselei.

Ein Mann wird mit drei Kopfschüssen getötet, sein Gesicht dann mit wiederholten Fußtritten zertrümmert. Der Täter versucht nicht einmal zu flüchten, sondern setzt sich nach der Bluttat scheinbar seelenruhig in die Hotellobby. Warum aber hat der italienische Rentner Fabrizio Collini (Franco Nero) den 84-jährigen deutschen Industriellen Hans Meyer (Manfred Zapatka) in seiner Präsidentensuite umgebracht?

Niemand weiß es, denn Collini schweigt beharrlich, was seinem Anwalt, dem „Rookie“ Caspar Leiner (Elyas M'Barek) die Strafverteidigung nicht leichter macht. Dass der Tote sich dann auch noch als sein Wohltäter erweist, dessen Unterstützung ihm erst die juristische Laufbahn ermöglichte, seine Enkelin Johanna (Alexandra Maria Lara) Caspars Jugendliebe und sein früherer Professor und Vorbild Richard Mattinger (Heiner Lauterbach) der Nebenkläger ist, kommt erschwerend hinzu.

Komplexer Sachverhalt

Dennoch beginnt Caspar auf eigene Faust zu ermitteln und je tiefer er in den Fall eintaucht, umso komplexer wird der Sachverhalt, der auf den ersten Blick so klar schien – bis am Ende alle Beteiligten mit einem handfesten Justizskandal konfrontiert sind.

Regisseur Marco Kreuzpaintner schlägt mit seiner Adaptierung, nach einem Drehbuch von Robert Gold, Jens-Frederik Otto und Christian Zübert, des ersten und bislang einzigen Romans aus der Feder des Bestsellerautors Ferdinand von Schirach den falschen Weg ein: Statt der für von Schirach charakteristischen Nüchternheit treu zu bleiben, setzt er auf große Gefühle.

Wo von Schirach seinem Leser Fakten präsentiert und ihn diese selbst bewerten und einordnen lässt, meint Kreuzpaintner dem Zuschauer alles doppelt und dreifach erklären zu müssen – in Bild, Wort und einer allzu süß und sämig ausfallenden Musik.

Plumpe Ausrutscher

Erschwerend kommen noch recht plumpe Ausrutscher hinzu, wie u. a. die letzte Einstellung, die den Film buchstäblich ruiniert, und die das subtile Ausleuchten von Grauzonen, das die Begriffe des Rechts und der Gerechtigkeit zu umreißen hilft, in simplistische Schwarz-Weiß-Malerei umwandeln. Statt damit zu spielen, wie er die Teile des Justizpuzzles, das der Zuschauer recht schnell durchschaut hat, zusammenfügt, meint der Film letzteren mit erhobenem Zeigefinger belehren zu müssen: ein Fehler!


Foto: Constantin Film

Die Welt alter, weißer Männer 

Während Ferdinand von Schirachs erzählerische Kunst darin besteht, das moralische Dilemma stets auch zu einem menschlichen zu machen, und dabei das Faktische und das Emotionale gleichberechtigt, da sie aus einer gewissen Distanz betrachtet werden, entgleitet der Films genau hier dem Regisseur. Natürlich ist es vergleichsweise leicht beim Schreiben eine gewisse, juristische Kühle durchscheinen zu lassen, während die Kraft eines Films bekanntlich auf das Gegenteil, sprich Emotionen, aufbaut, die den Zuschauer – durch Identifikation – mitfiebern lassen. Dabei verliert Kreuzpaintners Film gerade an einer künstlich-karikiert wirkenden Potenzierung seine Wirkkraft.

„Fack ju Göhte“-Schauspieler Elyas M'Barek ist als Caspar Leiner der einzige, der seiner Figur etwas Tiefe zu geben vermag, auch wenn er als eine Art Candide daherkommt, der sich durch den eigenen moralischen Konflikt gegen die Omertà einer Welt alter, weißer Männer behaupten muss.

Moralischer Schandfleck

Der Zweite Weltkrieg wird, als eines der zwei gezeigten dunklen Kapitel deutscher Geschichte, mit allen vorstellbaren Klischees bedient. Der andere regelrechte moralische Schandfleck, den der Film thematisiert, ist das weniger bekannte, 1968 verabschiedete Dreher-Gesetz, das vielen ehemaligen Naziverbrechern einen Freifahrtschein erteilte, da es aus ihnen Totschläger statt Mörder machte und so ihre Taten verjähren ließ.

Heute noch immer rechtskräftig, ist was wie ein Justizskandal anmutet, der Ausgangspunkt, der den Zuschauer dazu animieren soll darüber nachzudenken, warum und wie Recht und Gerechtigkeit hier an ihre Grenze stoßen.

Für die einen mag der Film sich an seine Zeit anpassen, indem er seinen moralischen Effekt durch hochkochende Emotionen verstärken will, für alle anderen verfehlt er genau dadurch sein ursprüngliches Ziel. Ein Urteil sollte sich dann wohl jeder Zuschauer für sich bilden – zumindest dies dürfte ganz im Sinne Ferdinand von Schirachs sein.


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