Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Filmkritik: Mit der Lüge leben
Kultur 1 2 Min. 11.05.2019

Filmkritik: Mit der Lüge leben

Pablo (vorne, Juan Pablo Olyslager) unterwirft sich dem Druck seiner Familie und dem gesellschaftlichen Rollenbild als Ehemann und Vater.

Filmkritik: Mit der Lüge leben

Pablo (vorne, Juan Pablo Olyslager) unterwirft sich dem Druck seiner Familie und dem gesellschaftlichen Rollenbild als Ehemann und Vater.
Foto: Tu vas voir France
Kultur 1 2 Min. 11.05.2019

Filmkritik: Mit der Lüge leben

Daniel CONRAD
Daniel CONRAD
Die luxemburgische Koproduktion „Temblores“ erforscht die Selbstverleugnung eines Mannes. Homosexuelle müssen auch heute noch ihre Sexualität in Lateinamerika verleugnen.

Dass dieser Film schlicht eine besondere Kraft hat, lässt sich schon an den Nominierungen für die internationalen Festivalteilnahmen und -auszeichnungen ausmachen. Ganz abgesehen davon, dass „Temblores“, der unter anderem über die luxemburgische Iris Productions koproduziert und dank der Unterstützung des hiesigen Film Funds über den noch recht neuen Topf „Cineworld“ mitfinanziert wurde, bei der diesjährigen Berlinale zu sehen war. Aber besonders in lateinamerikanischen Kreisen scheint die von Regisseur Jayro Bustamante inszenierte Selbstverleugnung eines homosexuellen Mannes und Vaters die Zuschauer zu packen. Ob beim stark durch die lateinamerikanischen Einwanderer geprägten Miami Film Festival, beim Festival Cinelatino in Toulouse oder beim Festival Internacional de Cine im mexikanischen Guadalajara – überall dort, wo eben der Film aus Guatemala im Fokus stand, hat „Temblores“ Aufmerksamkeit erregen können.


360 Videos werden hier nicht unterstützt. Wechseln Sie in die Youtube App, um das Video anzusehen.


Ein Film der Aufmerksamkeit erregt

Warum? Vielleicht weil er einerseits auf der intensiven Recherche unter Homosexuellen, die ihre Sexualität verleugnen müssen, basiert und damit Lebenswirklichkeit in Lateinamerika widerspiegelt. Und andererseits beschönigt der Regisseur in der düsteren Inszenierung nichts – und bannt letztlich den Widerstreit zwischen einem scheinbar unumstößlichen traditionellen Geschlechterbild und einer sich verschiebenden Sicht auf die Geschlechter und ihre Rollen auf die Leinwand. Damit ist er allein schon für das Land, aus dem der Regisseur stammt, an sich eine mehr als mutige Aufarbeitung.

Bustamante, der in seiner endgültigen Schnittfassung einen harten Einstieg wagt, stürzt den Zuschauer so gleich in dieses Schicksal. Pablo (Juan Pablo Olyslager) wurde unfreiwillig geoutet. Die Familie ist geschockt. Er soll schwul sein? Der beruflich erfolgreiche Vater zweier Kinder, der doch von außen ein Bilderbuchfamilienleben führt und nicht zuletzt in seiner religiösen Gemeinschaft Ansehen genießt? Unvorstellbar!


Filmstill Temblores
Filmstill Temblores
Tu vas voir France


Das Outing ist nur eine dieser Erschütterungen, eben das bedeutet „Temblores“. Pablo droht alles zu verlieren. Ein Leben wie sein Liebhaber Francisco (Mauricio Amas) – das scheint doch machbar? Warum wehrt sich Pablo nicht deutlicher gegen diesen Druck? Bustamante zeigt, wie Pablo der Raum für eine echte freie Willens- und Lebensentscheidung genommen wird. Stück für Stück werden ihm Grundlagen fürs Leben entzogen, bis die Drucksituation unerträglich wird. Als ihm selbst der Kontakt zu seinen Kindern untersagt wird, scheint Selbstverleugnung der einzige Weg. Er geht den Weg, von dem viele Homosexuelle Bustamante berichtet haben: eine „Umerziehung“ von religiöser Gehirnwäsche bis hin zur chemischen Kastration.

Wie stehen die Frauen zu dieser Thematik?

Doch nicht nur dieses Stellvertreterschicksal für die realen Erlebnisse ist Teil des Films. Letztlich stellt er auch die Rollenbilder der Frauen in Guatemala in Frage. Statt zu helfen oder zu tolerieren, befeuern sie und verharren ebenfalls in ihren Denk- und Rollenmustern. So ist „Temblores“ eine Anklage – und andererseits für Zuschauer in Luxemburg vielleicht eine Auffrischung, was für ein Glück selbstbestimmte Freiheit, die uns selbstverständlich scheint, bedeutet.



Lesen Sie mehr zu diesem Thema