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Filmkritik: Mein Freund, der Führer
Kultur 1 2 Min. 01.02.2020 Aus unserem online-Archiv

Filmkritik: Mein Freund, der Führer

Filmkritik: Mein Freund, der Führer

Fotos: TSG Entertainment
Kultur 1 2 Min. 01.02.2020 Aus unserem online-Archiv

Filmkritik: Mein Freund, der Führer

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
„Jojo Rabbit“ oder was es braucht, um ein perfekter, kleiner Nazi zu sein – und keiner zu werden

 Johannes, kurz „Jojo“ genannt, hat einen Traum. Wenn er einmal groß ist, will der Junge nämlich eines werden: ein guter Nazi. Dafür übt der Zehnjährige auch schon ganz fleißig. Er tapeziert die Wände seines Kinderzimmers mit Propagandamaterial oder freut sich riesig auf das gemeinschaftliche Erlebnis im Hitlerjugend-Waldcamp, das aus Buben und Mädchen richtige Männer und Frauen machen soll. Und er hat auch noch ein ganz persönliches Projekt, das seine Begeisterung verdeutlichen soll: ein Buch über den Erzfeind der Nazis, die Juden, verfassen.

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Der Junge ist Feuer und Flamme für die von der Swastika verkörperte Ideologie, da wundert es denn auch nicht, dass Jojos unsichtbarer Freund kein anderer als Adolf Hitler ist. Auf Schritt und Tritt begleitet der Führer höchstpersönlich seinen jungen Fan, der, seit der Vater als Wehrmachtsoffizier in Italien gegen die Alliierten kämpft und seine große Schwester Inge verstorben ist, mit Mutter Rosie (Scarlett Johansson) alleine lebt.

Und sein Freund Adolf steht Jojo in guten, ebenso wie in schlechten Zeiten stets mit Rat und Tat zu Seite. Und die Unterstützung braucht er. Denn seit er vor der ganzen Gruppe nicht einfach einem putzigen, kleinen Kaninchen das Genick brechen konnte, um zu beweisen, dass er ein richtiger „Killer“, wie der Führer sie braucht, ist, wird er nur noch hämisch „Jojo Rabbit“, „Jojo, der Hasenfuß“, genannt.

Als er sich und die anderen vom Gegenteil zu überzeugen versucht, kommt es zum Unfall. Und, als wäre die Sache mit dem Erwachsenwerden und dem „seinenPlatz-in-der-Welt-finden“ nicht schon kompliziert genug, hört Jojo eines Tages daheim komische Geräusche – und steht plötzlich einem unerwünschten Hausgast gegenüber. Jojos Welt und deren Anschauung gerät immer stärker ins Wanken – sehr zu Adolfs Unmut ...


Sechsfach oscarnominiert

Taika Waititi, der u. a. bei „Thor: Ragnarok“ und dem für 2021 geplanten „Thor: Love and Thunder“ Regie führt, steht hier nicht nur mit selbst geschriebenem Drehbuch hinter der Kamera, er schlüpft auch noch in die Uniform des Führers.

Trotz dreifacher Mission gelingt es ihm dabei, den Überblick nicht zu verlieren. So schafft er einen schlüssigen Rahmen, in dem seine erfrischende Jungbesetzung, Roman Griffin Davis (Jojo), Thomasin McKenzie (Elsa) oder Archie Yates (Jojos bester realer Freund Yorki), mit gestandenen Schauspielern wie Scarlett Johansson (Jojos Mutter) oder Sam Rockwell (Wehrmachtsoffizier Klenzendorf) perfekt harmonieren.

Mit der auf dem Roman „Le ciel en cage“ der belgo-neuseeländischen Autorin Christine Leunens basierenden Coming-of- Age-Geschichte schlägt er in „Jojo Rabbit“ dabei einen gewagten Mix an: Todernste Thematik (Zweiter Weltkrieg, Naziideologie, Judenverfolgung, blinder Gehorsam versus Widerstand, ...) trifft nämlich auf einen leichtfüßigen Erzählton mit entsprechend bildlicher Umsetzung, die bis hin zum Slapstick reicht.

Dass der Film dennoch glaubhaft rüberkommt, liegt daran, dass der absurd-ironische Ansatz nicht das Zusammenspiel mit todernsten, ja tragischen Momenten scheut, die ebenfalls ihren gebührenden Platz in der Geschichte finden. Dabei zeigt der Regisseur des sechsfach oscarnominierten Werkes sich trotz überdrehter Darstellungsweise stets respektvoll und mitfühlend und legt so die eigentliche Lächerlichkeit dar: die Ideologie des Nationalsozialismus. Seine filmische Lehrstunde greift durch den konsequent durchgezogenen Humor besser, als es eine Moralpredigt je könnte.

Ein kurzweiliger, unterhaltsamer und lehrreicher Jugendfilm, dem auch ein erwachsenes Publikum Spannendes abgewinnen kann – nicht nur, weil David Bowie darin „Heroes“ auf Deutsch singt! 



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