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Filmkritik: "Die Nacht der 1000 Stunden“ : Verzettelt in der Vergangenheit
Kultur 2 2 Min. 01.04.2017 Aus unserem online-Archiv

Filmkritik: "Die Nacht der 1000 Stunden“ : Verzettelt in der Vergangenheit

Eine gefährliche Liaison: Amira Casa und Laurence Rupp.

Filmkritik: "Die Nacht der 1000 Stunden“ : Verzettelt in der Vergangenheit

Eine gefährliche Liaison: Amira Casa und Laurence Rupp.
FOTO: THIMFILM-VERLEIH
Kultur 2 2 Min. 01.04.2017 Aus unserem online-Archiv

Filmkritik: "Die Nacht der 1000 Stunden“ : Verzettelt in der Vergangenheit

Pol SCHOCK
Pol SCHOCK
Familiendrama, Historienfilm, Mysterythriller. Es ist nicht leicht, eine adäquate Genrebezeichnung für die luxemburgisch-österreichische Koproduktion „Die Nacht der 1 000 Stunden“ zu finden. Und genau hierin liegt das Problem.

Von Pol Schock

Ein Erbstreit in einer Großindustriellenfamilie: Die Halbgeschwister Georg Ullich (Johann Adam Oest) und Erika Bode (Elisabeth Rath) sind im Familiendomizil im Wiener Palais zusammengekommen, um die Betriebsnachfolge zu klären. Erika will dem jungen Philip (Laurence Rupp) die Firma überschreiben und verhindern, dass ihr eigener Sohn Jochen (Lukas Miko) zum Firmenoberhaupt wird. Denn dieser pflegt ein geheimes Leben als rechtsradikaler Burschenschaftler. Keine Macht den Nazis.

Doch gerade in dem Moment, als Erika unterzeichnen will, ersucht sie der Tod. Während Georg Ullich es noch mit zynischer Gelassenheit nimmt („In diesem Haus sind schon so viele gestorben“), alarmiert Sohn Jochen die Polizei: Verdacht auf Mord. Doch wenige Augenblicke später passiert das Unfassbare: Erika sitzt wieder lebendig am Tisch. Auferstanden von den Toten. Und sie ist nicht die Einzige: Nach und nach betreten weitere Familienangehörige das Zimmer, die längst das Zeitliche gesegnet haben. Es beginnt die „Nacht der 1000 Stunden“.

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Die luxemburgisch-österreichische Koproduktion von „Amour Fou“ ist erst der zweite Spielfilm von Regisseur Virgil Widrich. Und er hat sich für das surreale Kammerspiel, an dem er seit 2007 arbeitete, viel vorgenommen: Familiendrama, Historienfilm, Mysterythriller. Und dazu kommt die Frage nach der nationalsozialistischen Vergangenheit Österreichs, die bis zur Gegenwart nicht wirklich aufgearbeitet wurde. Oder, wie es Georg Ullich im Film ausdrückt: „Diese Akte ist nach 1945 verschwunden.“

Doch gerade in dieser Genre- und Themenvielfalt liegt mithin das Problem des Films. Widrich zeigt zwar, dass er über ein großes cinematografisches Wissen verfügt und lässt nicht nur Familienangehörige im Film, sondern auch so manchen Cineasten filmisch auferstehen – allein überwiegt das Gefühl, der Regisseur hätte sich im Raumzeitkontinuum verzettelt. Fast so, als habe er sich nicht recht entscheiden können, welchen Film er drehen wollte – worauf der Fokus nun liegen sollte. Und so überlässt er diese Entscheidung dem Zuschauer, der sich vor einem Genresammelsurium wiederfindet. Allesamt Ideen, die ansatzweise interessant sind – aber eben nur ansatzweise. Und so verliert sich der Blick des Beobachters irgendwo zwischen Inzestverdacht, K. u. K. Monarchie und Hitchcockreferenzen – und damit irgendwann auch am Interesse des Geschehens.

Wenn weniger mehr ist

Das ist eigentlich schade. Denn „Die Nacht der 1000 Stunden“ bietet unzählige Handlungsstränge mit großem Potenzial. Allein eine Akzentuierung der Frage nach der Vergangenheitsbewältigung einer Nation am Beispiel einer Familie hätte wohl als Plot gereicht. Warum der Film aber so viele Nebenschauplätze aufmacht, bleibt das Geheimnis des Regisseurs.

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Denn bei (zu) vielen Charakteren, die irgendwann im Haus herumschwirren, kann keine der Figuren Tiefgang aufbauen. Am besten gelingt es noch Hauptdarstellerin Amira Casa, die eine Jüdin mit tragischem Schicksal spielt. Alle anderen – darunter auch Luxemburger Luc Feit als Arzt des vergangenen Jahrhunderts – wirken wie Cameos, die nur kurz einmal ein Kostüm vorführen dürfen. Ein Gefühl dafür, wie es wohl so ist, als Geist wiedergeboren zu werden, kann der Film zu keinem Zeitpunkt vermitteln.

Der gesamte Film wurde dabei auf einer Bühne von sechs mal sechs Metern mittels komplizierter und digital aufbereiteter Rückprojektionsverfahren in den Filmland-Studios in Kehlen realisiert. Ein Filmtrick, der für den Zuseher erstaunlicherweise nicht erkennbar ist und dessen Effekt jedoch in der Fülle des Filmstoffs verpufft.