Filmkritik der Woche: "The Shape of Water"

Wie ein Fisch im Wasser

Guillermo del Toros märchenhafte Fabel ist eine Liebeserklärung an die Filmkunst

Die beiden Putzfrauen Elisa (Sally Hawkins, l.) und Zelda (Olivia Spencer) machen im Labor eine Begegnung, die ihr Leben verändern wird.
Die beiden Putzfrauen Elisa (Sally Hawkins, l.) und Zelda (Olivia Spencer) machen im Labor eine Begegnung, die ihr Leben verändern wird.

20TH CENTURY FOX

von Vesna Andonovic -

Liebe besiegt alles. Mit „The Shape of Water“ beweist Guillermo del Toro, dass genau die altmodischen Seiten seiner romantisch-nostalgischen Liebeserklärung an die Filmkunst den Nerv der heutigen Zeit treffen. Kino ist, wie alles im Leben, nur eine Frage des Glaubens.

Hart gekochte Eier, viel Mitgefühl und ein klein wenig Musik – mit diesem Rezept gewinnt die stumme Putzfrau Elisa (Sally Hawkins), die in den 1950er-Jahren in einem Geheimlabor der Regierung arbeitet, nicht nur das Vertrauen, sondern auch die Liebe eines bizarren Amphibienmannes.

Als er getötet werden soll, beschließt sie, ihn mit ihrem homosexuellen Nachbarn Giles zu befreien ...

13 verdiente Oscar-Chancen

Dies gleich vorweg: „The Shape of Water“ hat seine 13 Rekordnominierungen bei den diesjährigen Academy Awards zweifelsohne verdient. Guillermo del Toros modernes Märchen, das voll auf der Nostalgiewelle der Hollywoodkinos der Glanzzeit reitet, besticht gleichermaßen durch seine zauberhafte Geschichte und ihre mitreißende Umsetzung.

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Der Film hat alles, was das Zuschauerherz auch nur begehren kann: große Gefühle, Spannung, Unterhaltung und sogar so etwas wie Moral (und zwar ohne Zeigefinger!). „The Shape of Water“ präsentiert sich als harmonisches Pas de deux eindrucksstarker Bilder (und einer schwerelos gleitenden Kamera!) und wundervoll wirksamer Musik: Gerade deshalb fällt das Abtauchen ins Werk so leicht, fühlt sich der Zuschauer darin herrlich schwerelos und gestaltet sich das Auftauchen dementsprechend schwer.

„Cinema Paradiso“ unter Wasser

„The Shape of Water“ erzählt die Liebesgeschichte zwischen zwei grundverschiedenen Wesen und thematisiert dabei nicht nur die Schwierigkeit des Andersseins, sondern ebenfalls die Schattenseiten der amerikanischen Historie – Rassentrennung, Machismus, Kalten Krieg.

Vor allem ist der Film aber eine Liebeserklärung des Regisseurs an Hollywoods Grandezza – vom Musical über den Spionagethriller bis hin zum romantischen Epos und Filmen wie die „Creature from the Black Lagoon“ –: Guillermo del Toro feiert das Erbe der Filmkunst in einer Art märchenhaftem „Cinema Paradiso“ unter Wasser.

Dafür braucht es eine gehörigen Portion „willentlicher Aussetzung der Ungläubigkeit“, wie der britische Dichter und Denker Samuel Taylor Coleridge, ein im Kino ganz natürliches Phänomen ziemlich barbarisch nannte.

So erinnert der Film den Zuschauer daran, dass nur, wer an sie glaubt, Magie auch erfahren kann. Nur dann können eine Putzfrau und eine Wasserkreatur zu Fred Astaire und Ginger Rogers werden und wie diese in „Follow the Fleet“ übers Tanzparkett gleiten.

19,5 gut investierte Millionen

Und wo „Guillermo del Toro“ draufsteht, ist auch „Guillermo del Toro“ drin: Nicht von ungefähr zählt er mit seinen Landsmännern Alejandro González Iñárritu und Alfonso Cuarón zum filmischen Dreigestirn aus Mexiko, und wenn er sich – wie hier – selbst eine Freude macht, hat auch das Publikum nicht zu klagen. So ist jeder Cent der – fast 19,5 – investierten Millionen hier gut angelegt.

Als Quittung gab es bisher auch zwei Golden Globes – für del Toro und den Komponisten Alexandre Desplat, die im vergangenen Jahr ebenfalls bei der Mostra von Venedig ausgezeichnet wurden. Sally Hawkins und Doug Jones spielen Elisa und die Kreatur ohne Worte dafür umso körperhaft-emotionaler.

In den Nebenrollen ist Michael Shannon ein faszinierend böser Sicherheitschef Richard Strickland, Richard Jenkins ein liebenswert-einsamer (homosexueller) Nachbar Giles, und Oscar-Preisträgerin Octavia Spencer eine geschwätzige Kollegin Zelda.

„The Shape of Water“ ist meisterlich umgesetztes Kino der (guten) Alten Schule, das in Nostalgie schwelgen lässt und dennoch moderne Aspekte birgt. Kein Wunder, dass der Zuschauer sich da wohlfühlt wie ein Fisch im Wasser ...